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Kundenrezensionen

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am 15. Dezember 2008
Der sperrige "Popliterat" Kracht, der kein Popliterat (mehr?) sein will und seine drei Romane "Faserland", "1979" sowie das vorliegende Buch als "Tryptichon" bezeichnet, hat für den Titel eine Textzeile aus dem britischen Volkslied "Danny Boy" gewählt. Um dieses Stück, das vom Abschied handelt, ranken sich viele Geschichten, man ist aber einhellig der Meinung, es ginge um den Auszug in den Krieg.
Krieg herrscht auch in dieser veränderten Zukunft unserer eigenen Vergangenheit, von der Kracht in "Ich werde hier sein" erzählt. Der vermutlich Erste Weltkrieg hat keinesfalls geendet, sondern währt seit nunmehr fast hundert Jahren, so dass es niemanden mehr gibt, der den Frieden noch kennt. Die Schweiz hat Afrika erobert und viele Afrikaner zu Eidgenossen umfunktioniert, einer davon ist der Held und Ich-Erzähler dieser Geschichte. In der Schweizerischen Sowjetrepublik, die entstehen konnte, weil Lenin das Exil 1917 nicht verlassen hat (Russland demgegenüber ist verstrahlt und unbewohnbar), besetzt er das Amt eines Parteikommissärs. Als der vermeintliche Systemgegner Brazhinsky die trübselige Gegend um Neu-Bern verlässt, nimmt der Kommissär die Verfolgung auf. Sie endet im "Réduit", dem gewaltigen Höhlensystem, das die Eidgenossen in das Massiv der Alpen gegraben haben, und das sich längst in ein Refugium für die restliche Intelligenz des Landes verwandelt hat, die auf steinernen Balkonen steht und das Kriegsgeschehen verfolgt. In dieser Utopie haben die allermeisten Menschen das Lesen verlernt, der Krieg hält die Blöcke (Hauptgegner ist das faschistische Deutschland) in einem depressiven Zustand der geistigen Stagnation. Technologische Entwicklungen hat es offenbar seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gegeben, man schießt mit Karabinern, reist reitend und wirft Bomben aus Luftschiffen ab.
Nicht jeder Querverweis oder Gedankengang in diesem kurzen Roman ist leichthin (wenn überhaupt) verstehbar, und auch die an zwei Stellen genannten "Steckdosen", die einige Menschen im Bereich der Achselhöhle tragen, bleiben mysteriös und wirken auf exemplarische Art befremdlich. Dies gilt auch für das kryptische Ende, als der Held die Schweiz verlässt und auf seinem Weg zurück nach Afrika beispielsweise steinernen Schiffen begegnet, die irgendwo in Norditalien mitten in der Landschaft stehen. Aber um Verständnis wirbt Kracht auch nicht. Diese originell und vortrefflich erzählte Endzeitgeschichte öffnet sich vollständig vermutlich nur für Beteiligte - und das wiederum ist eine Rekursion ohne Lösung, ohne Abbruchbedingung. Man müsste schon Kracht sein - oder eben jener Kommissär.
Im eigenen Kontext allerdings funktioniert "Ich werde hier sein" durchaus. Wer aber klare Vorgaben, in ihrer Konsequenz verständliche Andeutungen und Gedanken, einzuordnende Bezüge und Aufklärung der Zusammenhänge sucht, wird an diesem Buch keine Freude haben. Denn es spielt nicht in irgendeiner Zukunft, sondern in einer anderen Welt - auch literarisch. Ganze Kohorten von Feuilletonisten rätseln herum und bleiben wage - möglicherweise, um sich nicht lächerlich zu machen.
Es mag an Selbsttäuschung grenzen, aber ich habe die Lektüre dieses Buchs sehr genossen, wenn es mir auch nicht gelang, es jederzeit zu deuten. Was normalerweise Frustration auslösen würde, hat bei diesem Buch eine andere, bemerkenswerte Wirkung gehabt: Es endete nicht mit der Beendigung der Lektüre. Wenn man nämlich all die Fragen ausblendet, die sich aufdrängen, und sich hingibt, offenbart sich eine sperrige Schönheit, und Schönheit muss man nicht erklären können.
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am 8. August 2015
Wieder so ein ganz kleines Buch, bei dem man aufpassen muss, dass die Rezension nicht länger wird als der besprochene Text. Wieder so eine Art Traumgeschichte. Kracht liebt das Geheimnisvolle, das Dunkle und Zauberhafte. Seine Bücher sind wie Erscheinungen und Phänomene.

In diesem Buch geht es um einen Afrikaner, der als Offizier in der SSR dient, der Schweizerischen-Sowjet Republik. Lenin und Trotzki haben in der Schweiz den Sozialismus gegründet. Bakunin liegt auf dem Friedhof von Neu-Bern. Die Schweiz ist mit Ostafrika und Hindustan verbündet. Ich glaube, auch das Großaustralische Reich gehört zu denen. In Amexico dagegen herrscht bittere Armut. Kriegsgegner der SSR sind seit 100 Jahren Deutschland und England. Der Kampf lautet Sozialismus gegen Faschismus. Klar, auf welcher Seite hier die SSR steht.

Okay, cooles Setting. Der afrikanische Ich-Erzähler sucht einen jüdischen Doktor, den er verhaften soll. Er findet ihn und lernt von ihm eine Geheimsprache. Dadurch wird der Offizier so weise, dass er ganz blaue Augen kriegt und nach Afrika zurückkehrt, wo kurz danach alle Afrikaner die Schweizer Städte verlassen und in ihre Dörfer, in die Natur zurückkehren.

Tja, es geht also auch hier, wie in "1979" um die Idee der Naturliebe. Kracht impliziert, dass die Zivilisation ein Irrweg ist, den man verlassen sollte. Die Zivilisation führt nur zu Krieg und Irrsinn. Die weißen Männer aus Europa haben den falschen Weg gewählt. Kracht mag lieber die ethnologische Weisheit der gelben, roten und schwarzen Männer.

Schön, ein gutes Buch. Bisschen kurz vielleicht. Aber sehr schön geschrieben. Irgendwie sehr tief. Sollte man auf jeden Fall lesen. Das dauert nur zwei Tage.
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am 6. Mai 2012
Schon nach dem Lesen von 1979 (und auch nach Faserland) blieb ich etwas grübelnd zurück. Die Hauptfiguren treiben durchs Leben und man treibt mit, man freut sich über eine gelungene Sprache, eindrucksvolle Bilder. Es machte Spass, 1979 und Faserland zu lesen und die Bücher blieben im Gedächtnis haften, wie es gute Kunst sollte. Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (grossartiger Titel) hat grosse Ähnlichkeit mit den anderen Büchern. Ganz banal schon einmal: es ist kurz. Inhaltlich treibt wieder einmal die Hauptperson durch die Handlung ohne dass der Leser eine Erklärung bekommt, warum Dinge passieren. Warum soll Brezhinsky verhaften werden, warum stellt sich der Zwerg auf die Tretmine, warum soll in 1979 der Held um einen Berg pilgern? Man muss als Leser aber auch nicht alles wissen oder verstehen und das ist auch ok.

Hier treibt es Kracht auf die Spitze. Die Grundidee ist so durchgeknallt, dass es einfach nur schön ist. Ein bisschen Schlingensiefiesk. Die Schweizerische Sowjetrepublik befindet sich im Krieg. Drahtlos gibt es nicht mal bei den Koreanern in Minsk, und selbst in Pjöngjang nicht. Deutsche Luftschiffe werfen Flugbomben auf die sich in die Berge eingrabenden Schweizer, die mit Mauleseln über die Alpen geschmuggeltes - nicht legal aber auch nicht wirklich illegal - afrikanisches Mgebe trinken. Da erwarte ich gar keine Erklärung oder irgendeinen Sci-Fi alternative history Ansatz. Eine schlüssige Erklärung gibt es in keinem Fall, die braucht es aber auch nicht. Ansatzweise macht es Kracht und erwähnt einen nicht in den plombierten Zug gestiegenen Lenin. Da dachte ich mir aber eher, dass keine Erklärung besser wäre als eine Halbgare.

Es gab wirklich gute Ideen, gute skurile Bilder. Der Zwerg in der Hütte mit den angefeilten (?!!) Zähnen, die explodierende Favre, die alte Frau, die den Kommissär beschimpft, die Szenen in Afrika. Leider gab es aber auch ebenso wenig gelungene Passagen, bzw. Ideen. Besonders gegen Ende finde ich lässt das Buch nach. Die metallenen Sonden, die Steckdose unter der Achselhöhle, das Augenausstechen, die Begegnung mit dem Maler, das schweizer Klima. Irgendwann ist es auch mal gut und ich habe angefangen, mich zu langweilen. Das ist schon einmal eine Leistung bei einem Buch, dass man wirklich schnell gelesen hat. Das fand ich ärgerlich und wollte zuerst nur mit 2 Sternen bewerten, habe dann aber noch einmal im ersten Drittel des Buches geblättert. Es ist wirklich viel Gutes dabei und meine Enttäuschung rührt eher daher, dass ich mir mehr von Kracht erwarte hätte, bzw. auch mehr nach dem sehr guten Anfang. Lesen werde ich es mit Sicherheit auch noch einmal in ein paar Jahren; also dann doch 3 Sterne.

Wer noch nichts von Kracht gelesen hat, sollte vielleicht nicht mit diesem Buch anfangen. Faserland ist das eingängigste Buch, 1979 wahrscheinlich das Beste. Das Neue kommt bald dran.

p.s. warum es Kracht noch nicht mal auf die Longlist (gibt es da kein deutschs Wort für?) des Buchpreises geschafft hat ist mir aber unerklärlich. Das hier sind 3 Punkte für Kracht, den ich für einen hervorragenden Künstler halte. Für Adam und Evelyn habe ich auch 3 Punkte vergeben (und für manchen Krimi 4 oder 5), aber Kracht ist nicht dasselbe Kaliber. (Leider gibt es aber nur 5 Punkte und die 5 werden inflationär vergeben.)

p.p.s. die gebundene Fassung ist wirklich sehr gelungen. Eins der sch'önsten Bücher, das ich im Regal habe.
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am 21. September 2010
»Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« ist eine Alternativweltgeschichte, in der deutsche Selbstmordattentäter mit Gasgranaten herumrennen, Lenin in der Schweiz an Leukämie starb, nachdem ihm die Revolution gelungen war, die Schriftsprache ebenso verpönt ist wie die Religion und alle Bibeln verbrannt wurden. Jeder durchschnittliche SF-Autor hätte daraus einen siebenbändigen Zyklus gezimmert. Kracht dagegen schreibt in einem knappem Stil, ohne große Ausschmückungen, aber umso treffender in der Wortwahl. Seine Sätze sind so präzise auf dem Punkt, dass sie kein überflüssiges Wort benötigen. Es ist immer wieder faszinierend, wie das Buch die Fantasie des Lesers fordert, indem es ihm nur die Eckpunkte vorgibt. Vieles muss man zwischen den Zeilen lesen und einiges wird schlicht der Fantasie überlassen. Gerade weil man nicht jeden Schauplatz bis ins letzte Detail beschrieben bekommt und der geschichtliche Überbau nur sehr sporadisch skizziert wird, wirkt alles noch viel intensiver.
Herausgekommen ist bei Kracht eine reinrassige Abenteuergeschichte von Verfolgung, Mord und Untergang. Mitreißend und absolut fesselnd. So erinnert der Roman sehr an Cormac McCarthys »Die Straße«. Sowohl in seinem knappen, harten Stil als auch in der desillusionierenden Schilderung einer verlorenen Zukunft.
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am 31. Juli 2014
Was wäre wenn? Mit kaum einer anderen Fragestellung lassen sich spannendere Geschichten entwickeln als mit dieser. Auch Christian Kracht hat sich dieser Möglichkeit bedient.
Er geht von folgendem Szenario aus: Lenin ist 1917 nicht nach Russland zurückgekehrt, sondern in der Schweiz geblieben und hat eben dort die "Schweizer Sowjetrepublik" gegründet.
Der Roman spielt 96 Jahre später. Die Welt befindet sich seit 96 Jahren im Krieg.

Die Schweiz hat Ostafrika kolonialisiert und züchtet dort den dringend benötigten Nachwuchs an Soldaten heran; tief in den Alpen liegt das Machtzentrum der Schweiz, eine Festung tief im Fels vergraben; Deutschland und England, beide werden von Faschisten regiert, Korea, ein asiatischer Machtblock und das Großaustralische Reich sind die Hauptfeinde der Schweiz. Der gesamte amerikanische Kontinent hat seine Grenzen nach außen verschlossen, dahinter tobt ein erbitterter Bürgerkrieg.
Technisch hat es im vergangenen Jahrhundert kaum eine Weiterentwicklung gegeben; noch immer gibt es Luftschiffe, Lesen und Schreiben werden nur noch von den wenigsten beherrscht. Es gibt keine lebende Seele, die im Frieden geboren wurde und genauso wenig erwartet sich noch irgendjemand, im Frieden zu sterben. Es ist eine kalte, wahnsinnige und zerstörte Welt, die man betritt. Es ist irritierend, wie vertraute Parameter einen plötzlich ins Unbekannte, Fremde führen.

Der Leser erfährt nicht viel aus den vergangenen 96 Jahren. Christian Kracht bietet ein grobes Gerüst an, auf dem man sich mühsam vorwärts bewegen muss. Nicht alles wird erklärt, vieles bleibt unklar, liebend gerne hätte ich oft mehr erfahren. Oft kann man sich ein subjektives Urteil bilden, das richtig oder falsch sein kann. Manche Passagen, besonders gegen Endes des Buches, sind geradezu prädestiniert für die wildesten Spekulationen. Es wäre vermessen zu sagen: Ich habe alles verstanden.

Ein Buch, das verstört und den Leser mit Gewalt in eine Welt stößt, die man eigentlich gar nicht kennen will, aber die dennoch fasziniert. Fasziniert, weil sie sich jeder vertrauten Entwicklung verschließt und eben dieses "Was wäre wenn" einen nicht mehr loslässt.
Ein ideales Buch für jeden, der einmal ganz etwas anderes lesen möchte.
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am 27. Februar 2016
Ein sehr poetisches Buch, das (meiner persoenlichen Meinung nach) spanische Sprichwoerter zum verschluesseln des Textes benutzt hat: Die von allen nicht verstandenen Steckdosen unter den Achseln, werden verstaendlicher, wenn man das spanische Sprichwort: tener enchufe (enchufe=Steckdose) kennt. Wenn man einen enchufe hat, hat man eine gute Beziehung, oder einen guten Draht zu etwas oder jemanden.
Wenn man weiss, das colgar=haengen heisst, und man auf spanisch sagt: estas colgado de alguin, um kundzutun, dass man in jemanden verknallt ist, bekommt auch die letzte Seite des Romans eine ganz ueberraschende Bedeutungsnuance, zumal anfangs von einem "sich verheiratenden Maedchen" gesprochen wird und in der Mitte des Textes sich jemand mit dem Ringfinger Traenen aus den Augen wischt. Und derlei Hinweise gibt es im Text, der wunderschoen ist, viele, dies hier waren nur wenige Beispiele.
Auch ganz hilfreich ist es, den Iwein von Hartmann von der Aue gelesen zu haben, um die Kracht Texte besser zu verstehen. Dies nur so als Tipp.
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am 16. Februar 2016
Eigentlich möchte ich nur eine Bewertung abgeben, dann erscheint es mir aber doch einfallslos und undankbar gegenüber Herrn Kracht für das große Leseerlebnis, also wenigstens ein paar Worte ...
Natürlich ist es fragwürdig, ein Ranking zu erstellen, aber irgendwie fällt es mir bei C.Kracht nicht schwer. Ich mag alle seine Romane, wenn auch mit leichten Abstufungen:
1. Ich werde hier sein ...
2. Faserland
3. Imperium
4. Die Toten
5. 1979

Bei allen seinen Romanen liebe ich die feine Sprachvielfalt, die Fähigkeit Dinge auf eine schöne und bis dahin nie gehörte Weise auszudrücken - die ich selbst leider nicht habe, daher sage ich an dieser Stelle: es wurde hier schon so vieles über "ich werde hier sein ..." geschrieben, das ich teilen kann, zum Beispiel in der sehr schön formulierten Rezension von Herrn Timo Brandt.
Nur so viel: ich finde den Roman als Einstieg in die "Kracht-Welt" durchaus geeignet.
Viel Spaß beim Lesen!
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TOP 500 REZENSENTam 9. August 2012
Utopien gelingen als Bücher noch dann und wann, auch wenn sie nicht mehr wirklich angesehen sind; Dystopien dagegen misslingen literarisch eigentlich fast immer - es liegt in ihrer Natur. Denn statt Anworten zu haben, liefern sie meist nur noch mehr Fragen, Ideen ohne Ende und Anfang, verlangen dabei ein umfassendes, lückenloses Fundament und außerdem hat die wahre Dystopie mit ihrer Niederschrift meist schon sich selbst besiegt/wiederlegt, zumal wenn sie wirklich konkret prophetisch sein will und die echten Dystopien werden meist eben gerade nicht vorhergesehen. Trotzdem gibt es einige wenige gelunge Ausnahmen (1984 z.B. und meiner Meinung nach auch Im Land der leeren Häuser von P.D. James, eher bekannt unter dem englischen Titel der Verfilmung "Children of Men").

Manche meinen, Christian Kracht hätte sich mit diesem Buch an einer Dystopie versucht. Und man wird ja auch erst mit einer scheinbar ganz neuen Welt konfrontiert, da redet man in neuer Sprache, darin neue Ausdrücke, neue Länder, neue Bündnisse, Waffen, Festungen und Juntas, Armut, zerstörte Landschaften, ewiger Krieg. Es mutet anfangs an wie ein rasch aufgeworfenes Länder-Kriegs-Spiel eines historisch begeisterten Jungen. Und bis es richtig haarsträubend wird, kommt es auch nicht darüber hinaus. Als würde nicht Kracht, aber der Ich-Erzähler plötzlich das Interesse verlieren und schließlich, Nebel allen Lichtern, die noch einen Funken Realität in der Geschichte suchen, verschwinden.

"Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" ist der Endpunkt einer Trilogie, die mit Faserland begann und deren Mittelteil das von mir favorisierte Werk 1979 bildet. Was die Bücher miteinander verbindet ist kein Handlungsstrang, sondern ihr kontinuierlicher Realitäts-Abstieg - vom greifbaren, verschwommenen Ich-Sein in Faserland, über das verworrene Geflecht aus Historie, Mystik und Nichts in 1979, bis zum gänzlich abstrakten Alptraumabenteuer in diesem Buch. Nichts ist zuletzt mehr echt, bis auf ein paar ganz kleine Teile dazwischen, wo am Anfang noch alles echt war, bis auf ein paar Teile dazwischen.

Vielleicht scheint es, als würde ich wirr oder willkürlich über das Buch schreiben. Aber unter dem Einfluss der Lektüre ist wenig mehr möglich als dies; zu sehr ist das Lesen bei Kracht eine phantastische, ja geradezu abstrakte Tätigkeit.
Zusammenfassend: Es ist ein sehr kafkaeskes Buch, das trotzdem hier und da überraschend schön und interessant ist. Der sich wie eine Brausetablette auflösende Sinn, der schließlich die ganze Geschichte in einen tiefen, unerschließbaren Ton taucht, ist wie immer bei Kracht, nicht als Hindernis, sonders als Daseinsgrundlage seiner Kunst zu sehen. Wer das nicht kann, sollte das Buch lieber nicht lesen. Er wird entweder deprimiert sein oder wütend.
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am 6. Juli 2011
Dieses Buch ist im Sinne einer "Was-wäre-Wenn"-Geschichte zunächst storymäßig-banal hochspannend. In Wahrheit wird dieses etwas absurde Alternativuniversum von Kracht nur genutzt, um nach Faserland und 1979 dem Leser auf komödiantische, vor allem aber sprachlich und intellektuell grandiose Art und Weise erneut volles Rohr in den Magen zu boxen! Da, wo Lachen und Weinen Gleichzeitigkeit erfahrbar werden, wo man in pikierter Irritation nicht mehr sicher weiß, ob man "verarscht" oder aufgeklärt wird, wo Tarantino-Abfall auf Leipniz' Geist trifft, da explodiert die Kreativität eines Kracht. Sie wollen ihn zu einen Stuckrad-Barre reduzieren und ihn "Pop-Literaten" schimpfen, es ist Reaktion der Generation, die freiwillig Dutschke gegen Helmut Kohl tauschte und sich damit für jegliche Rezension disqualifizierte. Daher ist erst Recht die scheinbare historische Wirrung dieses Romans mit seinem grandiosen Finale (Globalisierungskritik des Jahrhunderts 21 vs. Kriegsgeneration WW2) eine Provokation, die einem für Monate zu denken gibt: Ist das "Machen" und "Schaffen" und "Wollen" und "Können" das Menschen - erst Recht in Angesicht des menschlichen Wunsches nach Kolossalität, ästhetisch beleidigend in Stein und Marmor monumentalisert, in Städten, Bauten und Krawall und Tamtam - eine Lüge??? Waren nicht vor allem die Weltkriege, die Ideologien, die Fiktionen und all das "Tun" und "Schaffen" und "Bemühen" im Angesicht des offensichtlichen Wahnsinns, der Vernichtung des Guten und des Schönen und des Menschlichen (schwachen), des Bewahrenswerten, dessen letztendlich, was jeder "wahrhaftig menschliche" Mensch als Menschsein bewerten muss, jenseits bizarrer Definitionen technokratischer Zivilisation, "Eigentlichkeit" und "Sein", letztlich ein früher Ausdruck unseres Selbstzerstörung, unserer Feindschaft gegenüber uns selbst? Bei Kracht hat der gewissenhafte Diener der Ideologie am Ende die Schnauze voll: Scheinbar befreit aus der afrikanischen Primitivität begegnet der Protagonist schließlich dem selbstreferenziellen Wahn der "zivilisierten" Insel, einem systemischen, kulturellen Ableger, einer Isolation, die in Wahrheit Wahnsinn im Kurtz'schen Sinne bedeutet... Und er wählt eine messianische Rolle, hypnotisch, weil kaum noch affektiv beschrieben durch Kracht, und beendet die Kolonialmacht der Schweizerischen SSR in Afrika mit einem Fingerschnips!!! Führt in die Primitivität!!! Befreit vom Wahnsinn!!! Dieses Buch steckt man nicht so einfach weg. Da bleibt einiges. Deshalb ist Kracht nicht Stuckrad-Barre. Kein VIVA-Clown. Sondern inspirierend.
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am 3. Dezember 2008
Kracht ist mit diesem Roman ein Wurf gelungen, den ich persönlich gut und interessant finde. Viele spinnen eine Welt, wie sie hätte sein können, wenn die Geschichte anders gelaufen wäre. Gut und neu finde ich bei diesem Buch, dass die Geschichte in einer Welt spielt, die nicht auf den ausgetretenen Pfaden des zweiten Weltkrieges beginnt und somit eine Illusion schafft die uns zeigt, wie die Welt wäre, wenn politische Entwicklungen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts anders gelaufen wären.
Wie immer bleibt ein komisches Gefühl zurück wenn man einen Roman von Kracht gelesen hat. Aber das macht den Autor auch aus, deswegen liest man seine Bücher und deshalb mag man diesen Stil oder man hasst ihn.
Lieb schreiben ist nicht die Sache Krachts, dafür gibt es andere.
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