Über den Autor und weitere Mitwirkende
Der ehemalige Journalist Christopher Moore arbeitete als Dachdecker, Kellner, Fotograf und Versicherungsvertreter, bevor er anfing, Romane zu schreiben. Seine Bücher haben in Amerika längst Kultstatus, und auch im deutschsprachigen Raum wächst die Fangemeinde beständig. Christopher Moore liebt – nach eigenen Angaben – den Ozean, Elefanten-Polo, Käsecracker, Acid Jazz und das Kraulen von Fischottern. Er mag aber weder Salmonellen noch Autoverkehr und erst recht nicht gemeine Menschen. Der Autor lebt in San Francisco, Kalifornien.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wie ein schleimiges Ungeheuer schleppte sich Weihnachten durch Pine Cove, zog eine Spur von Lametta, Girlanden und Schlittenglöckchen durch den Ort, triefte vor Eierpunsch, stank nach Tannenbaum und festlichem Verhängnis, wie Herpes unter einem Mistelzweig.
Die nachgemachten Tudor-Häuser von Pine Cove waren stimmungsvoll geschmückt - glitzernde Lichter an allen Bäumen entlang der Cypress Street, künstlicher Schnee in den Ecken sämtlicher Schaufenster, Miniweihnachtsmänner und Riesenkerzen im Licht der Straßenlaternen. Man öffnete seine Türen den Heerscharen von Touristen aus Los Angeles, San Francisco und dem Central Valley, die kamen, um einen wahrlich bewegenden Moment von Weihnachtskommerz zu erleben. Pine Cove - dieses verschlafene Nest an der kalifornischen Küste, im Grunde ein Spielzeugdorf mit mehr Galerien als Tankstellen, mehr Vinotheken als Eisenwarenläden - lag verführerisch da wie die trunkene Königin eines Schülerballs, während über allem bedrohlich das Fest der Freude aufragte. In fünf Tagen sollte es so weit sein. Weihnachten stand vor der Tür, und in diesem Jahr sollte mit dem Fest auch das Kind kommen. Beides war unvermeidlich - und voller Wunder. Pine Cove rechnete nur mit einem von beiden.
Was nicht heißen soll, dass unter den Einwohnern keine Weihnachtsstimmung herrschte. Die Wochen vor und nach dem Fest spülten eine willkommene Woge Bares in die Geldsäckel des Ortes, der seit dem Sommer nach Touristen lechzte. Die Kellnerinnen staubten ihre Weihnachtsmützen und Rentiergeweihe ab und sorgten dafür, dass vier funktionierende Kugelschreiber in ihren Schürzen steckten. Hotelangestellte machten sich für den Wahnsinn der Last-Minute-Überbuchungen bereit, während Haushälterinnen die üblichen, ekelhaften Babypuder-Lufterfrischer gegen festlichere, nicht minder ekelhafte Tannenzapfen-Zimt-Duftnoten tauschten. Unten in der Pine Cove Boutique hängten sie ein Schild mit der Aufschrift "Weihnachtsangebot" an den hässlichen Rentier-Pulli und erhöhten den Preis wie jedes Jahr - zum zehnten Mal in Folge. Die Logenbrüder, Freimaurer und Weltkriegsveteranen - im Grunde die immer gleichen, alten Schnapsdrosseln -waren schwer mit der Planung ihrer jährlichen Weihnachtsparade auf der Cypress Street beschäftigt, deren Thema in diesem Jahr "Patriotismus in allradgetriebenen Zeiten" lauten sollte (hauptsächlich weil es das Thema ihrer Parade am 4. Juli gewesen war und alle die entsprechenden Dekorationen noch hatten). Viele Pine Cover hatten sich sogar freiwillig für den Dienst an den Sammelbüchsen der Heilsarmee vor dem Postamt und dem Thrifty-Mart gemeldet, Zwei-Stunden-Schichten, sechzehn Stunden pro Tag. In ihrer roten Verkleidung standen sie da, mit angeklebten Bärten, und läuteten ihre Glocken, als hätten sie es auf den Hundesabber bei der Pawlow'schen Olympiade abgesehen.
"Her mit der Kohle, du geiziger Sack!", sagte Lena Marquez, die an diesem Montag, fünf Tage vor Weihnachten, die Sammelbüchse hielt. Über den ganzen Parkplatz rannte Lena Dale Pearson hinterher, Pine Coves bösem Immobilienmakler, und bimmelte ihm dabei glatt den Schmalz aus den Ohren, während er unbeirrt seinen Truck ansteuerte. Auf dem Weg in den Thrifty-Mart hatte er ihr zugenickt und gesagt: "Auf dem Rückweg...", aber als er acht Minuten später wieder herauskam, mit einer Riesentüte Lebensmittel und einem Eisbeutel in Händen, marschierte er an ihrer Sammelbüchse vorbei, als koche sie Talg aus den Ärschen von Bauinspektoren und er müsse vor dem Gestank fliehen.
"Es ist ja wohl nicht so, als könntest du dir nicht eine kleine Spende für die Unterprivilegierten leisten."
Sie läutete ihre Glocke extra laut, direkt an seinem Ohr, und er fuhr herum, holte auf Hüfthöhe mit dem Eisbeutel aus.
Lena wich zurück. Sie war achtunddreißig, schlank, dunkelhäutig, mit dem zarten Hals und dem scharf geschnittenen Kinn einer Flamencotänzerin. Ihr langes, schwarzes Haar war links und rechts ihrer roten Zipfelmütze zu zwei Prinzessin-Leia-Schnecken geflochten. "Du wirst doch wohl nicht den Weihnachtsmann schlagen wollen! Das ist aus so vielen Gründen schäbig, dass ich gar nicht die Zeit habe, sie alle auszuzählen."
"Du meinst, sie aufzuzählen", sagte Dale, wobei das warme Wintersonnenlicht auf den neuen Kronen seiner Vorderzähne schimmerte. Er war zweiundfünfzig, so gut wie kahl und hatte die kräftigen Schultern eines Zimmermanns, noch immer breit und kantig, trotz des Bierbauchs, der darunter hing.
"Ich meine, das ist schäbig - du bist schäbig - und geizig bist du auch", und dann hielt sie ihm wieder die Glocke ans Ohr und schüttelte sie wie ein rot berockter Terrier, der einer kreischenden Messingratte das Leben aus dem Leib bimmelt.
Dale krümmte sich, holte mit dem Fünf-Kilo-Eisbeutel weit aus und traf Lena am Solarplexus, was sie rückwärts über den Parkplatz taumeln und nach Luft ringen ließ. Das war der Moment, in dem die Ladys im BULGES die Bullen riefen... oder besser: den Bullen.
Das BULGES war ein Fitnesscenter für Frauen direkt über dem Parkplatz vom Thrifty-Mart, und von ihren Tretmühlen und Treppensteigmaschinen aus konnten die Mitglieder des BULGES beobachten, wer im Supermarkt ein und aus ging, ohne das Gefühl haben zu müssen, sie würden jemandem nachspionieren. So endete der Augenblick reiner Freude und milder Adrenalinausschüttung für die sechs, die Lena und Dale beobachteten, mit einem herben Schock, als der böse Immobilienmakler der Latino-Nikolette einen Sack mit Eiswürfeln in den Bauch rammte. Fünf der sechs kamen kurz ins Stolpern oder stöhnten auf, aber Georgia Bauman - die ihre Tretmühle gerade auf dreizehn Stundenkilometer hochgedreht hatte, weil sie bis Weihnachten acht Kilo abspecken wollte, um in das rote, paillettenbesetzte Cocktailkleid zu passen, das ihr Mann in einem Anflug von sexueller Schwärmerei gekauft hatte -taumelte auf ihrer Tretmühle rückwärts und landete in einem farbenfrohen Haufen aus Yogaschülerinnen in Gymnastikhosen, die hinter ihr auf den Matten übten.
"Autsch, mein Arsch-Chakra!"
"Es heißt Wurzel-Chakra."
"Fühlt sich aber an wie mein Arsch." "Habt ihr das gesehen? Er hat sie fast umgehauen. Die Ärmste."
"Sollten wir nachsehen, ob sie okay ist?" "Irgendjemand sollte Theo anrufen."
Unisono klappten die Sportskanonen ihre Handys auf, wie die Jets ihre Messer, wenn sie im West-Side-Story-Bandenkrieg frischvergnügt dem Tod entgegentanzten.
"Wieso hat sie den Kerl überhaupt geheiratet?"
"Er ist so ein Arschloch."
"Sie hat früher getrunken."
"Georgia, Liebes, kommst du zurecht?"
"Kriegt man Theo, wenn man 911 wählt?"
"Der Scheißkerl wird noch wegfahren und sie einfach da liegen lassen."
"Wir sollten Hilfe holen."
"Ich hab noch zwölf Minuten auf dem Ding hier."
"Das Netz in diesem Kaff ist fürchterlich."