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am 15. Oktober 2007
Mittlerweile wurde in den Medien sehr viel über "Die Mittagsfrau" geschrieben, etliche Rezensionen kluger Menschen, da werde ich mich auf mein persönliches Empfinden bei der Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches beschränken. Die Inhaltsbeschreibung steht auf dieser Seite weiter oben unter "Produktbeschreibung" der Amazon-Redaktion.

Die Mittagsfrau als Gestalt der slawischen Sagenwelt raubt den Menschen ihren Verstand oder tötet sie. Thematisch kenne ich kein zweites Buch dieser Art, ein Buch über Frauen, so doch kein Frauenbuch, in dem zwar Männer eher von ihren schlechten oder hässlichen Seiten beschrieben werden aber nicht ohne eine Prise Humor. Es werden Tabus dieser Zeit (z.B. vorehelicher Sex, gleichgeschlechtliche Liebe, Bildungschancen für Frauen) genauso sicher gebrochen wie das damalige (und heutige?) Frauenbild sukzessive hinterfragt wird.
Besonders fesselnd erlebte ich die sprachliche Virtuosität der Autorin. Neben wunderbar poetischen Bildern rührender, ja unschuldiger und sinnlicher Zärtlichkeit, findest du genauso die beklemmende Kälte eines leidenden Inneren, einer gefangenen Seele, die mich als Leser irritiert, die aber keinesfalls bewertend daherkommt. Diesen Spagat ambivalenter Weiblichkeit finde ich ganz besonders gelungen.
Als Mann nehme ich die seelischen Tiefen einer Frau sicher nur von außen wahr, als Mensch ahne ich sie wie jeder andere empfindsame Mensch auch. Es gibt kein Gut und Böse in diesem Roman, es gibt aber die Wahrheit einer Frau in einer schrecklich frauenfeindlichen Zeit - und ich fand mögliche Antworten auf die Frage, warum ein Mensch der wird, der er ist.

Georg B. Mrozek
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... sagt die Protagonistin in Julia Francks Roman Die Mittagsfrau, die kein rettendes Ufer im Strom der Menschheit findet und im Innersten erkaltet. Ein bewegendes Schicksal einer Frau zwischen zwei großen Kriegen.

Diese sorbische Legende durchzieht als Metapher das ganze Leben ihrer Protagonistin Helene, eine Frau, die sich einer ungeheuerlichen, eigentlich nicht nachvollziehbaren Tat schuldig gemacht hat. Ohne Erklärung, ohne Kommentar, lässt sie ihren achtjährigen Sohn Peter 1945 allein auf einem Bahnsteig zurück. Sie sind auf der Flucht, weg aus Stettin, weg von Hunger, Elend, den Verbrannten im Hausflur. "Ich bin gleich zurück, wart hier", sind die letzten Worte, die der kleine Junge von seiner ohnehin sehr stillen Mutter hört. Es ist eine Lüge. Helene wird nicht zurückkommen.

Bereits die ersten Seiten zwingen zum Luft anhalten. Julia Franck schreibt psychedelisch. Sie dringt in den Kopf des Lesers ein. Der Prolog ist ein Bericht des Schreckens, mit den unschuldigen Augen eines kleinen Jungen. Er schildert die letzten Kriegstage und die beginnende Nachkriegszeit in Stettin mit seiner in sich gekehrten, tief traumatisierten Mutter, die offensichtlich mit der Erziehung ihres Sohnes überfordert ist. Ihr Ehemann hat sie verlassen, Trost findet sie nur noch in ihrer Arbeit als Krankenschwester. Doch ist dies entschuldbar für ein derartig verachtenswertes Verhalten?

Der Roman spannt einen großen Bogen über 30 Jahre deutsche Geschichte: von der wilhelminischen Zeit bis kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In dieses denkwürdige historische Umfeld hat die Autorin eine berührende Familiengeschichte über drei Generationen gesetzt. In erster Linie ist Die Mittagsfrau jedoch ein Entwicklungsroman.
Die Autorin zeichnet mit großer Einfühlsamkeit die Hoffnungen, das Glück und die Enttäuschungen Helenes nach, vom sensiblen, doch starken, klugen und liebesfähigen jungen Mädchen zur harten, hilflosen und desillusionierten Frau.
Franck hat ein großartiges Gespür für Sinnlichkeit, Abhängigkeit, Liebe, Macht und Demütigung und für die Situation. Sie passt ihren Erzählton dem jeweiligen Kontext an: eine Besitznahme des Augenblicks. Berichtet sie über die Kindheit in Bautzen noch in leichtem, unbeschwertem Ton, so wird die Zeit nach Carls Tod mit kurzen stakkatoartigen Sätzen geprägt ("Wir. Wer waren wir? Wir waren wer. Nur wer?").

All ihre divergenten Charaktere sind mit ausgeprägtem Feingefühl gezeichnet und wirken vollkommen stimmig. Hinzu kommt eine wunderbare, schnörkellose, poetische Sprache.
Helenes innere Leere wird stilistisch spürbar gemacht, ohne jedoch ihre Härten und Kanten zu entgraten. Auch eine Erklärung des Unerklärlichen gibt Julia Franck nicht. Diese emotionale Schwerstarbeit überlässt sie dem Leser. Jedoch eine ungemein lohnenswerte Aufgabe! Julia Franck beherrscht die Klaviatur der Wörter und Sätze virtuos.

Fazit:
Die Mittagsfrau ist eine fesselnde, manchmal geradezu schmerzhaft fesselnde Lektüre und auf jeden Fall ein würdiger Preisträgerroman.
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am 9. Juni 2011
Eigentlich bin ich gerade ziemlich im Stress, aber zu sehen, dass dieses Buch bei amazon momentan nicht mehr als 3 Sterne insgesamt bekommt, kann einfach nicht so stehen gelassen werden.

Dieses Buch ist meiner Ansicht nach eine kleine, feine Liebes- und Familiengeschichte, die in die Zeit zwischen 1. und 2. Weltkrieg eingebettet ist. Sie werden jetzt sicher sagen "Öde, nicht schon wieder!", aber ich fand, dass dieses Buch gut mit einem Thema umgegangen ist, welches schon so häufig beschrieben wurde und sehr wohl noch etwas Neues beizutragen hatte. Außderdem werden teilweise auch gesellschaftliche Aspekte angedeutet, die heute wie damals noch in der Grauzone liegen und gar nicht so angeklärt sind, wie sie häufig erscheinen. Die Sprache von "Die Mittagsfrau" ist außerdem neu und irgendwie doch der Zeit entsprechend und alleine deshalb schon beeindruckend.

Ich persönlich fand dieses Buch spannend und bereichernd und 4 Sterne erhält es nur, weil 5 Sterne bei mir nur sehr, sehr gute Jahrhundertliteratur bekommen würde. Es ist aber auf jeden Fall lesens- und empfehlenswert und sollte nicht so stiefmütterlich behandelt werden.
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am 6. März 2011
Selten hat mich ein Buch von Beginn an so traurig gestimmt wie Julia Francks "Die Mittagsfrau".
Über dem Buch liegt eine depressive und schwermütige Stimmung, die den Leser langsam einspinnt und in Helenes grauer sprachloser Welt gefangen nimmt.
Julia Franck beginnt ihr Buch mit einem Prolog, der den Leser schonungslos mit der inneren Kälte der Protagonistin Helene konfrontiert und schockt. Sie lässt ihren Sohn Peter alleine auf einer Bank am Bahnhof in Stettin zurück und verschwindet aus seinem Leben. Im folgenden entwickelt die Autorin die Geschichte jener unglaublichen und unverständlichen Tat aus der Rückschau auf Helenes Leben.
Die Legende, dass die Mittagsfrau Menschen um die Mittagszeit besucht und jene vergiftet, die ihr nicht die Zeit widmen, um ihr eine Geschichte zu erzählen, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch. Nur dort, wo die Sprache Raum hat und wo Sprachlosigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen keinen Platz einimmt, bleibt die Mittagsfrau erfolglos und kann nichts ausrichten.
Das hat Helene schon in ihrer eigenen Kindheit erfahren. Solange sie in der Druckerei ihres Vaters helfen darf, solange sie mit ihrem Vater und dem angestellten Drucker erzählen kann,ist ihre kleine überschaubare Kinder-Welt in Ordnung. Doch der Vater zieht in den Krieg. Helene und ihre Schwester Martha werden das erste Mal Gefangene der Mittagsfrau- in der Gestalt ihrer eigenen Mutter, die langsam das Gift des Wahnsinns in die Mädchen träufelt.
Endlich nach dem Tod des Vaters gelingt den beiden Mädchen die Flucht nach Berlin, weg von der irren Mutter hin zur drogensüchtigen Tante Fanny. Martha wird in ihren Bann gezogen,lässt sich blenden von der schönen Scheinwelt und wird ebenfalls drogenabhängig. Wieder gelingt es der Mittagsfrau, das Leben der Mädchen zu lähmen. Die Sprachlosigkeit zwischen den Schwestern packt zu und die einst so innig Verbundenen driften auseinander.
Wieder gelingt es Helene, sich aus den Fängen zu befreien. Diesmal ist es ein junger Student, Carl Wertheimer, in den sich Helene verliebt. Die Sprache, Bücher, Gedichte und Gespräche halten wieder Einzug in ihr Leben. Kurz vor der Hochzeit schlägt die Mittagsfrau wieder erbarmungslos zu. Carl stirbt bei einem Unfall.
Von nun an ist Helene innerlich erstarrt und ihr Herz erkaltet. Die Sprachlosigkeit, Gleichgütligkeit und Gefühlskälte treibt sie schließlich zu dem Schritt, der den Leser im Prolog so schockt und der auch im Epilog nicht aufgelöst wird.
Julia Franck ist ein meisterhaftes Buch gelungen. Mit einer beeindruckend starken Sprache bringt sie das unaussprechliche zum Ausdruck, ohne zu entschuldigen zeigt sie die schonungslose Wahrheit.
Ihr gelingt es, dass der Leser einen solchen Schritt nachvollziehen kann und denoch erstarrt er vor der tatsächlichen Handlung. Die Legende der Mittagsfrau ist ein Sinnbild für das Leben an sich, das Buch ein Buch gegen die Macht der Sprachlosigkeit.
Eines der besten Bücher der letzten Jahre für mich, aber auch eines, das den Leser viel Zeit und Kraft kostet.
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Nach "Liebediener" und "Lagerfeuer" erscheint jetzt der Roman "Die Mittagsfrau". Für dieses Buch, das mit zu den Favoriten des diesjährigen Deutschen Buchpreises gehört, gibt es eine überlieferte Begebenheit, die dem 1937 in Stettin geborenen Vater der Autorin in Wirklichkeit, wie dem kleinen Peter im Buch, widerfahren ist. Er wurde 1945 im Zuge der Flucht gen Westen von seiner Mutter auf einem Bahnsteig irgendwo in Vorpommern ausgesetzt wurde. Für ihn wurde dieses absichtliche Aussetzen zu einem schweren Trauma, welches ihn in seinem Leben sehr geprägt hat.

In dem Roman "Die Mittagsfrau" wird von Helene und ihrer Schwester Martha erzählt wie es zur Tragödie kam. Es beginnt in der Zeit vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit einer idyllischen Kindheit in der Lausitz und es behandelt in der Folge die beeindruckenden Frauenschicksale zwischen den zwei Weltkriegen.

Aus Bautzen brechen Martha und Helene, lebenshungrig in das Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre auf, verlassen die im Wahnsinn kläglich dahin vegetierende Mutter. Martha geht in der Partyszene" auf. Helene wird Apothekenhelferin, sucht und findet den Traummann. Sie verliert ihn jedoch, während schon die nahende Katastrophe des Faschismus heraufzieht. Mit viel Liebe, Mühe und Aufopferung bringt sie ihren Peter durch die schweren, leidvollen Kriegsjahre und als alles überstanden zu sein schien, auf der Flucht 1945, lässt sie ihn allein am Bahnsteig zurück, kehrt nie wieder. Er wächst bei seinem Onkel und seiner Tante auf, seinen Pflegeeltern". Von dem vermeintlichen, ersehnten Wiedersehen der Mutter mit dem nun erwachsenen Jungen, an dessen siebzehnten Geburtstag, mit erzählt uns die Autorin im Epilog des Buches. Bis dahin legt sie besonderen Wert darauf, die damalige Entscheidung der Mutter nachvollziehbar zu machen, zu verstehen wieso sie so gehandelt hat, ohne das es sich ihr seinerzeitiges Verhalten zu einer Rechtfertigung im moralischen Sinne gestaltet. Erst wenn man Julia Franck folgt und die Lebensgeschichte von Helene zwischen den beiden Weltkriegen verfolgt, die von Einsamkeit, Hoffnung und Liebe bestimmt ist, dann wird deutlich warum diese brutale und radikale Entscheidung möglich war.

Es ist eine, für die damalige Zeit typisch weibliche Biographie, weil zu jener Zeit nicht zählte wie intelligent und gebildet jemand war, sondern das Lesen von Literatur war eigentlich die einzige Möglichkeit die eigene Begabung zur Weiterbildung zu nutzen. Die einzige Form der Ausbildung des Allgemeinwissens die blieb war eigentlich das Lesen von Literatur. Die Autorin berichtet über die Maßen sensuell und physisch klug
aus dem Leben einer ungewöhnlichen, faszinierenden Frau in einer schweren, entbehrungsreichen Zeit.
Julia Franck schreibt beeindruckend, spannend, packend und plastisch in einer für sie neuen Erzählperspektive, denn sie erzählt den Roman in der Ditten Person. Die Motivation dafür liegt darin, so die Autorin in einem Interview, dass es eigentlich ja um den Verlust der Sprache geht, um das aus dem Wort fallen". So war es möglich, dass ihr Schreiben eine neue Dimension erreichte, nämlich, von den autobiographischen Ursprüngen hin zum großen, ungewöhnlichen Familienroman mit bewegenden Frauenschicksalen. Ein in jeder Beziehung beeindruckendes, unmissverständliches Zeitdokument, von der Autorin mit einer stets spürbaren, tabulosen Sinnlichkeit großartig erzählt.
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am 7. Februar 2008
Man kann natürlich trefflich darüber streiten, ob zeitgenössische deutsche Schriftsteller keine anderen Themen (mehr) finden als die Zeit des Nationalsozialismus. Tatsache ist, dass diese entsetzlichste Phase deutscher Geschichte in den Nachgeborenen nachwirkt - und damit hat das Thema m. E. durchaus weiter seine Berechtigung.

Als Leser oder Hörer nehmen wir teil an der Lebensgeschichte zweier Schwestern in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Welt, in die uns Julia Franck entführt, ist grausam, gefühlskalt und deprimierend. Dabei geht es um nichts weniger oder mehr als die Liebe, sei es zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern oder Liebespaaren.

Die "Mittagsfrau" ist eine mythische Gestalt als der slawischen Welt. Sie erscheint an heißen Tagen zur Mittagszeit und verwirrt den Menschen den Verstand, lähmt ihnen die Glieder oder tötet sie. Im Roman benutzt Helene den Mythos der Mittagsfrau, um ihren Sohn gefügig zu machen, der stets allein zu Hause bleiben muss. Sinnbildlich erleben wir in diesem Roman genau diese Lähmung der handelnden Personen, die als Konsequenz ihrer Furcht einzig im Rausch einen Ausweg sehen. Der Wahnsinn zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch.

Die Hörbuchversion wird von Julia Franck selber gelesen. Auch hier kann man darüber diskutieren, ob es (immer) sinnvoll ist, dass ein Autor seine Werke selber liest. Denn schreiben und (vor-) lesen sind zwei völlig unterschiedliche Qualitäten. Gewiss, als Autor weiß ich am besten, wo und wie ich betonen will usw. Und als zeitgeschichtliches Dokument möchte man manches vom Autor selber vorgelesene literarische Werk gewiss nicht missen. Doch eine ausgebildete Stimme hat wesentlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten.

Fazit: Ein bedrückendes Werk, geeignet für all jene, die hautnah mit erleben wollen, unter welchen Bedingungen Menschen in Deutschland die 30er und 40er Jahre (über-) lebt haben.
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am 11. April 2008
Ich wollte mal sehen, wofür man so den Deutschen Buchpreis bekommt.

Stettin, 1945: Der siebenjährige Peter wird von seiner Mutter Helene zum Bahnhof gebracht. Was Peter nicht weiß: Er soll im Westen ein besseres Leben haben als bei Helene, die mit seinem Wunsch nach Zuwendung überfordert ist. Nach 30 Seiten wechselt das Buch vom personalen Erzähler Peter zum personalen Erzähler Helene. Auf über 300 Seiten wird erzählt von ihrer ausgelassenen Kindheit bis zum ersten Weltkrieg, dem Tod des Vaters und der antisemitismus-bedingten Herzlosigkeit der jüdischen Mutter; Helene zieht mit 20 mit der großen Schwester nach Berlin, homoerotischen Versuchungen folgt die Bekanntschaft mit dem Juden Carl, der nach ihrer Verlobung stirbt. Wilhelm, Ingenieur von Reichsautobahnen, heiratet sie, aber die Ehe scheitert schon vor Peters Geburt. Der Rest der Handlung bis zum Aussetzen Peters wird auf 35 Seiten erzählt.

Was ich an dem Roman mag, ist, wie sensibel und tief Julia Franck in ihre beiden Figuren und die Zeit eintaucht und wie genau sie beobachtet. Ihren Stil, der mit vielen Kommata verbundenen Hauptsätze und Vermeidung von direkter wie indirekter Rede, fand ich gewöhnungsbedürftig, obwohl sie bombensicher darin ist. "Die Mittagsfrau" hat absolut literarisches Niveau, doch die Erzählgeschwindigkeit fand ich doch sehr ermüdend. Man liest zwangsläufig immer schneller über die breitgewalzten Szenen und läuft Gefahr, Entscheidendes zu überlesen. Fraglos Literatur, aber auch viel gepflegte Langeweile.
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TOP 500 REZENSENTam 21. Januar 2013
Lange habe ich mir Zeit gelassen mit der Lektüre des Gewinnerromans des Deutschen Buchpreises 2007. Mit Arno Geiger war ich schneller, mit Katharina Hacker ebenso. Erst recht mit Uwe Tellkamp, Kathrin Schmidt, Melinda Nadj Abonji und Eugen Ruge. Das sind die anderen Gewinner des Zeitraums 2005 bis 2011. Irgendwie war ich skeptisch, ob ein Buch, das sich sehr gut verkaufte und immer noch verkauft, von einer verhältnismäßig jungen Schriftstellerin, das auch noch "Die Mittagsfrau" heißt, meinen Geschmack trifft. Und nun hat mich die Gelegenheit, das Buch handsigniert zu erwerben, auch zum Lesen gebracht. Zum Glück!

Franck begibt sich mit ihrem Roman in die erste Hälfte des 20.Jahrhunderts. Die Hauptfigur Helene wird als Nachkömmling eines ungleichen Ehepaars in Bautzen geboren. Der Vater hat eine kleine Druckerei, die Mutter ist eine Einzelgängerin jüdischer Abstammung, die früh mit sich selbst genügend Probleme hat. Fixiert ist Helene in ihrer Kindheit und Jugend, aber auch später noch auf ihre neun Jahre ältere Schwester Martha. Von ihr lernt sie, ihr ist sie zugeneigt, auch über normale schwesterliche Verhältnisse hinweg. Helene ist ein intelligentes Kind, kognitiv ihren Altersgenossen weit überlegen.

Als der Vater in den 1. Weltkrieg ziehen muss, bleiben die beiden Schwestern mit der seltsamen Mutter zurück. Martha lernt Krankenschwester, Helene eifert ihr nach. Als der Vater invalide aus dem Krieg zurückkehrt, gelingt es dem Ehepaar nicht mehr in eine Beziehung zurück zu kehren. Zu abgewandt ist die Mutter, zu krank der Vater. Im Grunde warten die beiden Schwestern auf den Tod des Vaters, den sie dann nutzen, um nach Berlin zu einer Tante namens Fanny zu ziehen. Sie tauchen vollkommen unvorbereitet ein in die 20er Jahre der Berliner Metropole. Hinein in ein Milieu, in dem Mode, Tanz, Drogen, Erotik, kurzum das schöne Leben die Hauptrolle spielen.

Franck beschreibt in einer sehr pointierten, punktuellen Weise Epochen der deutschen Geschichte. Neben den 20er Jahren den aufkommenden Nationalsozialismus, später die Zeit des 2. Weltkriegs. Der Text verbreitet eine atmosphärische Dichte, die nicht alltäglich ist in Werken der modernen Literatur. Es handelt sich um einen sehr emanzipierten Roman, der deutlich macht, dass Frauen durchaus auch ohne Männer ihr Leben leben können. Männer sind eher die Fremdkörper in der Welt der weiblichen Hauptfiguren. Irgendwie unvermeidlich, aber auch störend.

Von mir eine selten uneingeschränkte Leseempfehlung für ein Werk, das nicht ohne Gegner ist. Und ein großes Kompliment an die Autorin Julia Franck, verbinden mit einer gewissen Scham, dass ich längere Zeit dem Buch Ungerechtes unterstellt habe. "Die Mittagsfrau" ist nicht nur ein Frauenbuch, aber sicherlich nicht für jeden Lesemann erste Wahl.
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am 1. Januar 2008
Als ich auf "Die Mittagsfrau" aufmerksam wurde, dachte ich zunächst, dass der Roman vom Schicksal des von seiner Mutter verlassenen Jungen handelt und erwartete eine Geschichte aus dem Nachkriegsdeutschland der Fünfziger Jahre. So war ich zunächst einigermaßen überrascht, dass statt dessen das Leben der Mutter Helene geschildert wurde. Im Nachhinein erwies sich die Konzentration auf dieses Frauenschicksal allerdings als der große Pluspunkt des Buches, denn die männlichen Charaktere bleiben zugegebenermaßen eher blass und holzschnittartig. Dennoch hat mich der Roman gefesselt.
Zunächst nahm mich die besondere Sprache gefangen, mit der Franck wunderbar sowohl den Ton der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts trifft als auch den Charakter Helenes einfängt. Man fühlt sich tatsächlich zurückversetzt in eine Zeit gewählter etwas spröder Formulierungen, die Emotionen mehr erahnen lassen als detailliert beschreiben.
Und so unbegreiflich das Verlassen des eigenen Sohnes, das den Roman als Fixpunkt zusammenhält, auch ist, nähert man sich über die Distanziertheit der Sprache der Hauptperson dennoch schrittweise an und glaubt ein Einzelschicksal vor sich zu haben, das dennoch stellvertretend für ein typisches Frauenschicksal dieser Generation steht.
Besonders positiv fand ich hierbei, dass Francks Roman nie in eine belehrende Geschichtsstunde ausartet, sondern die Entwicklung einer Persönlichkeit zwischen Kleinstadtzwängen, großer Freiheit im Berlin der Zwanziger Jahre und anschließendem Rückfall in einengende Frauenbilder nur am Rand mit historischen Details unterfüttert wird, während dem Leser über weite Strecken Andeutungen genügen, um den Veränderungen der Zeit gedanklich zu folgen.
Wären da nicht die kaum vertieften Nebencharaktere und zweitweilige Abstürze in gängige Klischées (im Berlin der Zwanziger Jahre dürfen natürlich die verruchte Lebedame und der arme Künstler nicht fehlen, während der Nazi-Ehemann ein absolutes Charakterschwein ist), würde ich 5 Sterne geben.
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am 9. August 2010
aufgrund der bereits zahlreich vorhandenen rezensionen werden ich mich auf den eindruck beschränken, den dieses buch auf mich gemacht hat.
ich habe es aus dem regal meiner mutter gezogen, weil ich bei einem mehrtägigen besuch nichts zu lesen dabeihatte. ich ging also ohne großes vorwissen an die geschichte heran. Zwar spielen die kriege eine rolle und geben die situation vor, vor deren hintergrund die geschichte erzählt wird. doch in erster linie handelt es sich für mich um die geschichte von helene - einem unendlich klugen mädchen, deren talente jedoch stets verkannt werden. ihr leben lang bleibt ihr das glück verwehrt. ich litt mit ihr von ihrem fünften lebensjahr an, fühlte mit ihr ihre verwirrung über die homoerotische liebe zu und zwischen ihrer schwester und deren freundin leontine. bewunderte ihre reife und ihr durchhaltevermögen, den familienbetrieb mit ihren neun/elf jahren zu schmeißen, war glücklich mit ihr in den 20er jahren in berlin, wo sie einen tollen mann fand und ein spannendes leben genoss. ich war erschüttert, über diese elend unglückliche wende, die ihr leben dann jedoch wieder einmal nimmt. war wütend an ihrer stelle auf all die ungerechtigkeit und widerlichkeiten, die ihr immer wieder widerfahren.
denn helene selbst hält still. sie funktioniert und wehrt sich nicht und lässt das fühlen eines tages sein.
ihr schicksal hat mich tief bewegt. es stimmt, die geschichte fließt ohne viele äußere aufregungen dahin, kennt wenig höhepunkte. die nüchternheit, mit der die schicksalschläge beschrieben werden, bringen ihre grausamkeit oft um so mehr rüber. nicht zuletzt möchte ich auch die schöne, etwas altmodische sprache francks loben, die dem werk sehr gut steht.
ich kann nachvollziehen, dass dies nicht jedermans lieblingsbuch sein kann. doch für mich ist es eines der anspruchvollsten und bewegendsten bücher, die ich in der letzten zeit gelesen habe.
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