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Kundenrezension

am 13. August 2009
Die Bugwelle des Comedy-Overkills der privaten Fernsehsender schwappt schon seit einer Weile in die Belletristik. Wer fade Witze für fade Formate wie "Die dreisten drei", "Zack - Comedy nach Maß" oder Endstumpfsinn wie "Alles Atze" zu verfassen in der Lage ist, wird von Verlagen hofiert, die die nicht minder dünnsinnigen Machwerke der Autoren, zuweilen aber auch der Darsteller selbst, bereitwillig in die Buchhandlungen verklappen. Ralf Schmitz, Martina Brandl, Moritz Netenjakob, Mark Werner, Eckart von Hirschhausen, David Safier, Tommy Jaud, Ralf Husmann und wie sie noch alle heißen. "Names sell" lautet die Devise. Wer mal was für den "Fun Freitag" konzipiert hat und dieserart auf die PR-Unterstützung seiner Komikerkumpels hoffen darf, findet auch seinen Weg in die Verlagsprogramme. Qualität spielt dabei eine nur untergeordnete Rolle, wenn überhaupt. Die Rechnung geht auf, und das Unterschichtfernsehpublikum amüsiert sich auf niedrigem Niveau an den Pools und Stränden von Mallorca. Okay, diese Leute haben ja sonst auch wirklich nichts zu lachen.

Gantenberg ist so einer. Da Formate wie "Alles Atze", für das er verantwortlich gezeichnet hat, erstaunlicherweise keine Straftatbestände erfüllen, ist der Mann auf freiem Fuß - und er hat einen "Roman" geschrieben. Wie alle Vorbilder recherchefrei, ich-erzählt, voller Kommentare, superlustiger Vergleiche und, was wenig wundert, in der Medienwelt angesiedelt. Da auch diese "Autoren" - immerhin - verstanden haben, dass man nur über Dinge schreiben sollte, von denen man etwas versteht, ergibt sich das quasi von selbst.

Paul Elmar ist Lokalredakteur bei einem kleinen Blatt irgendwo in der westfälischen Provinz. Mehr erfährt man über diese Figur auf den großzügig gesetzten knapp 280 Seiten genaugenommen nicht. Paul schwatzt viel über nichts und führt eine irgendwie leicht versandete Ehe mit Bettina, die für einen christlichen Bildungsverein tätig ist, ansonsten hat die Hauptfigur so viel Farbe wie die Mondrückseite, tändelt zwischen Depp und postintellektuellem Frauenversteher. Er kommt auf die Idee, einen Fortsetzungsroman zu schreiben. Einen "emanzipatorischen", dessen Hauptfigur Hannah ist, die unsterbliche Schwester Jesu: "Die Messias". Die dünne, witzfreie und vollständig unoriginelle Serie, die der Romanleser auch noch zu konsumieren genötigt wird, entwickelt sich alsbald zu einem gewaltigen Erfolg. Da Paul unter einem Pseudonym schreibt, sind total lustige Verwicklungen natürlich vorprogrammiert. In die sind dann noch ein paar andere Knalltüten involviert, die sich Gantenberg ausgedacht hat.

Von Stil darf man bei diesem Roman nicht reden, auch nicht von Spannungsbögen, Lakonik oder pfiffigem Humor. Stattdessen bekommt man "komische" Szenen aus der Mottenkiste präsentiert, etwa das Gespräch mit dem Pfarrer, währenddessen Paul Elmar glaubt, es ginge um seinen geheimen Fortsetzungsroman, während der Pfarrer aber, bruhaha!, eigentlich davon spricht, Paul Elmar als Helfer für das Pfarrfest akquirieren zu wollen. Oder Sitzungen des Bauausschusses, die Pauls Mobiltelefon laufend stört. Göttlich.

Das einer fortwährenden Leserfolter gleichkommende Hauptelement des Buches aber ist jene, in fünfzehn - glücklicherweise kurzen - Folgen erzählte Geschichte um Hannah, unsterblich, ein bisschen dick und auf der Suche nach dem Mann fürs Leben. Hannah ist so schlau wie eine Herdplatte und stellt eine platte Mischung aus Bridget Jones und Daisy Duck dar. Ihre Erlebnisse aber sorgen, wie Gantenberg behauptet (Behauptungen stellen den Großteil der Erzählung dar), für eine Welle der Identifikation, lösen gar eine Art Rebellion aus. Dabei bestehen die vermeintlichen Skandälchen aus so bahnbrechenden Forderungen wie derjenigen, die Gleichberechtigung endlich auch in der katholischen Kirche durchzusetzen. Ja, ist es denn wahr! Es steht zu vermuten, dass der Autor des Buches während der vergangenen dreißig Jahre tatsächlich nur Fun-Freitage angeschaut hat. Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung muss komplett an ihm vorbeigegangen sein.

Mir tun die armen Lektoren leid, die von ihren Vorgesetzten solchen gequirlten Mist vorgesetzt bekommen, um daraus Bücher machen zu müssen. Mir tun die fähigen Autoren ohne "Comedy-Erfahrung" leid, die mit ihren Debüts scheitern, weil sich Verlage und Medienmaschine auf diese Hirntotenbelletristik stürzen, weil sie leichter zu verkaufen ist. Mir tun die Leser leid, die als einzige Lektüre im Jahr so einen vermurksten Unlustigdreck inhalieren und glauben, es wäre Literatur.

"Neu-Erscheinung" (schon der subtile Wortwitz des Titels ist ein Brüller) ist so originell wie "Deine Augenfarbe passt zu meiner Bettwäsche"-Anmache, so stilvoll wie Katja Kesslers BILD-Unterschriften zu den Nacktfotos auf der Titelseite, so skandalös wie ein Furz in der Wüste, so amüsant wie Psalm 23 und so literarisch wie das Telefonbuch von Mueggelheim. Wer diesen Roman geschenkt bekommt, sollte über eine Umfeldveränderung nachdenken.
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