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Kundenrezension

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die zwei Seiten der Medaille, 7. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Little Bee (Taschenbuch)
Ein Autor, der sich wünscht, dass man nicht weitererzählt, was im Buch passiert. Damit ein Autor, der von der Kraft seines Buches, seiner Geschichte so überzeugt ist, dass er fest überzeugt davon ausgeht, dass es einem von den Lippen drängt, was man gelesen hat.

Und ein Autor, der genau damit recht hat. Ein umwerfender, wunderschöner, vor allem aber die einzelnen Nuancen zutiefst treffender und weitergebender Sprachstil ist bei den vielen sprachlich eher simpel gestrickten Büchern und "Bestsellern" unserer Tage alleine schon das Lesen wert.
Wenn dann noch Figuren handeln und sprechen, die aus ihrer ganz entgegen gesetzten Erlebniswelt in die Tiefe dergleichen Erfahrungen und Geschehnisse vordringen und durch dieses Zusammenspiel dem freien, zivilisierten, kulturell eingebildet bis blasierten Gesellschaftskreis der westlich-marktwirtschaftlichen Welt in solch unverfälschter Form von der 16jährigen Little Bee ein Spiegel sondergleichen vorgehalten wird, dann wartet ein Leseerlebnis der ganz besonderen und lange nach haltenden Art, aber keineswegs einfachen Art.

Wie kann es sein, dass ein junges, nigerianisches Mädchen, dass die grausame und menschenverachtende Seite der Welt am eigenen Leib bereits erfahren musste, dessen ganzes Grundgefühl daraus besteht, unerwünscht und überall fremd zu sein, doch immer wieder die Kraft und den Mut aufbringt, neue Wege anzunehmen und auf der anderen Seite ein gut situierter Engländer, Vater und Ehemann, sich, neben einer inne liegenden Neigung zur Depression, nicht zuletzt aufgrund eines gemeinsamen, traumatischen Erlebnisses das Leben nimmt, als er durch einen Anruf von Little Bee der Traumata nicht mehr Herr wird?

Dies ist nur eine der Grundfragen, denen Chris Cleave in einer tief treffenden, bildhaften Sprache von zwei Seiten aus nachgeht. Einerseits aus der Sicht Little Bees, Nigerianerin, 16 Jahre alt, die letzten zwei Jahre als illegaler Flüchtling in englischer Abschiebehaft und nun auf "freiem Fuß", was immer Freiheit nun genau heißen mag (eine weitere Frage, die in den Tiefen des Buches ihre Wendungen nehmen wird), sich befindet.
Auf der andern Seite Sarah, deren Mann ebenjener Selbstmörder war, deren Sohn sich mit Verkleidungen gegen all das Böse der Welt wappnet, deren Begriff von Leben, Freiheit und Zukunft sich aber in ganz anderen Bahnen bewegt, als es bei Little Bee der Fall ist. Sarah, die Little Bee während eines Urlaubes kennenlernte in deren bedrohtem Leben, Little Bee, die nun im Sarahs alltäglichem Leben in London anlangt.

So lösen die gemeinsamen, schrecklichen Erinnerungen, aber auch die nun folgenden gemeinsamen Erlebnisse ganz verschiedene Assoziationen und Reaktionen aus. Eine Verschiedenheit, die letztlich der ganzen westlichen Welt den Spiegel vorhalten wird, die die tiefe Unterschiedlichkeit der Prägungen und Lebenshaltungen ungemein ausdrucksvoll zur Sprache bringt. Und ein Blick auf die (mögliche) Schönheit des Lebens und der Welt, gespiegelt in der (realen und täglich sich vollziehenden) brutalen Grausamkeit, bei deren Schilderung Cleave aber wirklich kein Blatt vor den Mund nimmt.

Ist es wirklich so, dass der gut situierte 'Westler' nur mehr sich aus den Illusionen eines relativen Wohlstandes und dem Blick auf eine mögliche, bessere Welt nährt, während die globale Realität in ganz anderer Richtung immer weiter fortschreitet und dem größten Teil der Menschheit jede Luft zum Atmen und Leben genauso nimmt, wie schon das ganz einfache Nahrungsmittel sich mehr und mehr an vielen Orten fast unerschwinglich darstellt? Dazu den tägliche Unwert des eigenen Lebens spürbar im Raume zu erleben? Fragen, die Cleave nicht moralinsauer trocken in den Raum stellt, sondern im Zuge seiner Geschichte fast unmerklich sich aufdrängen lässt

Ein wunderschön geschriebenes, in die menschliche Tiefe reichendes, letztlich sehr verstörendes Buch, das aufgrund der erlebten und geschilderten Grausamkeit der Welt schmerzvoll die mögliche Schönheit in den Raum zu stellen vermag. Eine mögliche Schönheit, die sich immer weiter entfernt durch Egozentrik und Trägheit mancher auf Kosten der Vielen. Ein Buch mit einem erschütternden Ende, soviel sei noch gesagt.
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 24.03.2012 22:13:41 GMT+01:00
Nightrider meint:
Finde Ihre Rezension besonders gelungen, weil Sie die ganze Gefühlswelt und Dramatik des Romans treffend auf den Punkt bringen, ohne den Inhalt zu verraten - das ist m.E. hohe Kunst!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.03.2012 07:58:52 GMT+02:00
Vielen Dank für dieses Kompliment. grüße, mlp

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.03.2012 07:59:22 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 25.03.2012 08:01:22 GMT+02:00]
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