Kundenrezension

Rezension aus Deutschland vom 12. Dezember 2005
Tony Judt, New York (wo er an der Universität Geschichte lehrt und außerdem öfters Kolumnen in der New York Times vollschreibt), erklärt den Amerikanern, dass nicht Ronald Reagan den "Eisernen Vorhang" zu Fall brachte, sondern dass "Mikhail Gorbachev" vielleicht eher bei diesem Punkt zu nennen wäre - gern sieht er auch die Wende vorlaufend dazu schon eingeläutet von Einzel-Persönlichkeiten wie "Aleksandr Solzhenitsyn", dessen Buch vom "Archipel Gulag" so einiges ins Abrutschen gebracht habe in den Köpfen der Europäer: zum Beispiel jene etwas weltfremde, verklärte Bewunderung des Kommunismus durch führende west-europäische Intellektuelle (tschüs Sartre). Das Ende der großen Ideologien sieht Tony Judt bereits in Gang gebracht 1945: der Beseitigung des Nationalsozialismus und Faschismus folgte - mit dem Verkleinerungsglas von New York aus betrachtet: recht bald - der Zusammenbruch des russischen Kommunismus - und das Wackeln des amerikanischen Kapitalismus. Angenehm selbstkritisch erkennt Judt, dass die USA und China zwar momentan die King Kongs des Welthandels sind, dass aber jenseits des Horizontes des globalen Verkäufer- und Konsumenten-Netzes ein Sinn-Defizit bedrohlich auftaucht. Tony Judt hofft auf die Flexibilität der an unterschiedlichen Perspektiven reichen und kreativen europäischen Kulturen, dass sie einen neuen Horizont von Grundwerten des Zusammenseins erarbeiten. Insofern gewinnt der Sonderweg, den die vielstimmige und wachsende europäische Gemeinschaft beginnt einzuschlagen, an Wichtigkeit: denn einzig die amerikanische Praxis von Problemlösungen (im Stile des unwirschen Knotendurchhauens mit dem Schwert) scheint nicht immer langfristig als die Gescheiteste sich herauszustellen - der Umgang mit der Akzeptanz des Islam dürfte ein wichtiger Prüfstein sein: Dieses Thema aber hat sich Judt noch aufgespart - weil sein Buch dann sicher über 1000 Seiten angeschwollen wäre ...
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