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Kundenrezension

NR. 1 HALL OF FAMETOP 50 REZENSENTam 27. September 2011
Hermann Scherer ist ein Getriebener, und er ist nach seiner Definition ein Glückskind. Allerdings kriegt man das nicht so einfach heraus, denn er verrät uns erst am Ende seines Buches, wer oder was Glückskinder eigentlich sind. Etwas Verwirrung, ob nun absichtlich erzeugt oder nicht, trat bei mir jedenfalls schon viel früher ein. Auf Seite 31 lesen wir: "... der Preis, den die Glückskinder bezahlen, ist bisweilen hoch ... Als ... Reich-Ranicki (offenbar auch ein Glückskind - R.M.) ... sein Leben resümierte, fiel das so aus: >> Ich bin nicht glücklich. Ich war es nie. <<"

Ein Glückskind, das nie glücklich war? Über sich selbst schreibt Scherer (S. 84): "Nein, ich bin leider kein positiver Mensch. Ganz im Gegenteil, nicht selten bin ich negativ, pessimistisch, grüblerisch, kritisch und skeptisch. Ich wäre oft froh, wenn ich eine positivere Haltung einnehmen könnte." Scherer sucht "Chancen", und nichts graut ihn mehr, als sein Leben ängstlich und faul zu verplempern, wie das seiner Meinung nach die Mehrheit tut, die bekanntlich niemals Recht hat.

Glückskinder sehen, so Scherer, ihre Chancen im Leben und nutzen sie. Kurz vor Ende seines Buches steht: "Glückskinder sind Menschen, die so kompetent sind, dass sie es schaffen, ihren eigenen Willen so zu bekommen, dass sie damit niemandem schaden oder, noch besser, anderen sogar nutzen." Glückskinder, so lesen wir an einer ganz anderen Stelle, seien ausschließlich auf Lösungen fokussiert, nicht auf Probleme. Entweder hätten sie dies in die Wiege gelegt bekommen oder gelernt. Und für alle die, die es noch nicht verstanden haben, aber es nun lernen wollen, hat Scherer dieses Buch verfasst.

Er gibt als Beruf Redner an und lebt von dieser Tätigkeit offenbar hervorragend. Warum das so ist, kann man an diesem Buch in faszinierender Weise beobachten. Der Text liest sich sehr gut, und wahrscheinlich hört man Scherer auch entsprechend gerne zu. Sein Stil ist fesselnd, an den richtigen Stellen kommen bekannte und scheinbar überzeugende Beispiele, und nicht zuletzt hat er fast immer Recht. Entscheidend scheint mir jedoch, dass er seine Leser oder Zuhörer dazu anregt, doch wenigstens einmal über ihr Leben und ihre Träume nachzudenken. Lebt man wirklich das Leben, was man sich früher einmal vorgestellt hat, und falls nicht, warum?

Dass sich Scherer gelegentlich in Widersprüche verwickelt, Begriffe merkwürdig wählt oder Beispiele (wie Schrödingers Katze) etwas vergewaltigt, fällt dabei nicht so sehr ins Gewicht. Hauptsache, es passt ins Konzept. Und das zeigt offenbar bei vielen Menschen Wirkung. Und wenn diese Wirkung dazu führt, dass man sich in eine andere, bessere Richtung bewegt, dann kann man solche Kleinigkeiten in der Methodik irgendwie vernachlässigen oder belächeln. Oder?

Angesprochen auf die Widersprüche in seinen Gedanken, antwortet Scherer cool: "Dass ich mir selbst widerspreche ist erstens normal und zweitens sinnvoll." Weitere Erklärungen findet man im Text (S. 176/177). Auch dass er Glück mit einem wie auch immer definierten Erfolg verwechselt, ficht ihn nicht an. Scherer geht es darum, dass wir unser Leben nicht vergeuden, sondern es so leben, wie wir es uns einst erträumt haben. Leider kam bei vielen etwas dazwischen.

Wer also einen Ruck braucht, um sich wieder an einstige Träume zu erinnern und sie vielleicht doch zu verwirklichen, der greife zu diesem manchmal widersprüchlichen, aber gut geschrieben Buch. Ob er danach glücklicher wird, ist offenbar eine ganz andere Frage.

Sein Inhalt lässt sich nur schwer beschreiben. Es geht ums Loslassen, darum, dass das Leben keine Generalprobe ist und dass die Sonderangebote des Lebens zu billig sind. Erklärt wird die ausbremsenden Wirkung von Perfektionismus, genannt werden Gründe dafür, warum wir angeblich unglücklich sterben. Wir lernen die Nützlichkeit von Verwirrung vor Durchbrüchen zu schätzen und erfahren viel über Komplexitätskompetenz und Chancenintelligenz, und schließlich auch noch über sozialen Individualismus.

Wenn Scherer übrigens seine Batterien wieder einmal aufladen möchte, geht er gelegentlich für eine Woche in ein Zen-Kloster. Dort herrscht ein radikales Sprechverbot. Blickkontakte sind unerwünscht. Bereits vor Sonnenaufgang wird meditiert, ein wenig im Kreis gelaufen und wieder meditiert. Hat er mal einen Zen-Mönch, der gewiss nicht auf der Suche nach Chancen ist, gefragt, ob er glücklich sei?

Wir wissen es nicht. Aber Glücklichsein ist ja auch nicht das Thema dieses Buches.

Fazit.
Ein sehr gut geschriebenes Buch für alle, die einen Ruck brauchen oder an ihre einstigen Träume erinnert werden wollen.
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