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Kundenrezension

am 19. Oktober 2006
Arthur Penns "Bonnie & Clyde", Michelangelo Antonionis "Blow Up", Stanley Kubricks "2001", Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod", Dennis Hoppers "Easy Rider" und Mike Nichols' "Die Reifeprüfung" waren jene Filme der ausgehenden 60er Jahre, dem ein neuer Zeitgeist inne wohnte, die eine neue Sprache sprachen, eine neue Gangart pflegten.

Penn hatte mit seiner Gewaltballade das erste blutige Road-Movie geschaffen, Antonioni europäisches Arthaus-Kino mit der Beatnik-Bewegung überein gebracht, Kubrick den Science-Fiction-Film neu erfunden, Leone den wohl elegantesten Western aller Zeiten gedreht, Hopper Drogen- und Freiheitserfahrung zur amerikanischen Tugend erklärt und Mike Nichols hatte den ersten amerikanischen Film gedreht, in dem es ganz offen darum ging, dass ein junger College-Absolvent mit einer viel älteren, verheirateten, Frau in's Bett geht um am Ende mit deren Tochter zusammen zu kommen. Ein höchst skandalöses Thema. Gegenwärtig jedoch wäre "Die Reifeprüfung" ein harmloser Film. Jede Vormittags-Talk-Show oder Nachmittags-Soap wäre eine weitaus ordinärere Begegnung mit selbigen Thema.

Abseitig seines hochinteressanten zeitlichen und filmhistorisch bedeutsamen Kontexts ist "Die Reifepüfung" eines der sensibelsten Meisterwerke über eine große Anzahl von Aspekten, die äußerst stimmig miteinander verwoben sind. Das ist es auch, was diesen Film in meinen Augen so unvergleichlich perfekt macht. Es ist eine Geschichte über einen, der irgendwie im "Dazwischen" gefangen ist und nicht so recht weiß ob sein Leben auch weiterhin streng in eine Richtung verlaufen soll. Es ist aber auch eine Persiflage und kritische Beäugung der Gesellschaft, die in ihrer Durchschnittlichkeit keine Optionen oder vielleicht sogar zu viele Optionen offen lässt. Hinter den Wohlstands-Fassaden lauern mittelmäßige Lebensentwürfe und mittelmäßige Floskeln ("Nur ein Wort: Plastik!"). Benjamin Braddock hat erkannt wozu seine Mitmenschen aufgrund ihres Luxus und ihrer Dekadenz nicht mehr in der Lage sind: Er hat erkannt wie sinnlos und leer das gesellschaftliche Versteckspiel bürgerlicher Lebens-, Wohn- und Wertevorstellungen verläuft.

In einem Hotel wird er ständig für einen anderen gehalten und später gesteht er Elaine: "Ich komme mir vor als spiele ich irgendein Spiel dessen Regeln ich nicht verstehe. Sie kommen mir vor als wären sie von den falschen Leuten gemacht. Nein. Die macht ja Niemand, die scheinen sich selbst zu machen."

Es ist gerade das tragisch-schmerzliche Gesicht von Dustin Hofmann, dass der Figur des Benjamin Braddock eine solche Desilliusion, eine solch unterdrückte Trauer verleiht. Wenn "Simon & Garfunkle" (einer meiner Lieblingsbands) erklingt und Benjamin Braddock einsam vor seinem Aquarium hockt, sich als der sympathisch-angepasste Querdenker nicht zu irgendeiner Entscheidung in der Lage sieht, dann sind das magische Augenblicke, in denen ich jedes Mal erstaunt bin wie großartig es Nichols gelungen ist gerade jenes Gefühl (auch gegenwärtiger) Lethargie und Orientierungslosgkeit visuell dezent und mitfühlsam auf den Punkt zu bringen.

Ohnehin besteht Nichols Meisterwerk aus Sequenzen, welche Einsamkeit, Verlorenheit und Melancholie darstellen, wie es vielleicht erst wieder Sofia Coppola Jahrzehnte später mit "Lost in Translation" so kongenial gelungen ist.

Einstellungen wie jene, als der unscharfe Fokus auf Elaines Gesicht plötzlich scharf wird und ihre Tränen offenbart werden, der einsame Gorilla während Braddock am Affengehege gelehnt ist, der Einsatz des Zooms im Flur vor Elaines' Zimmer als Mrs. Robinson Ben "Lebewohl" sagt, der Schnitt, als er auf seine Luftmatratze springt um auf Mrs. Robinson zu landen oder wie er ein dutzend Mal "Elaine" auf seinen Block schreibt und an die Decke starrt...jede Minute dieses Film ringt mir ein erstauntes Lächeln ab weil er so ungeheuer detailverliebt auf den ersten Blick banale aber dadurch umso wahrere Momente einfängt, die im Einklang mit den Figuren stehen. Über die Tatsache hinaus, dass der Film eine subtile Anklage gegen bürgerliche Idealvorstellungen und sensibeles Potrait eines angepassten Unangepassten ist, bietet Nichols aber auch einfach eine romantisch-schwelgerische Love-Story und die spannend inzenierte Darstellung einer Sexaffäre.

Für mich ist "Die Reifeprüfung" in erster Linie ein schwelgerisch-schöner Film-Traum, mit dessen Protagonisten ich mich einfach einmalig identifizieren kann, der aber auch, wie bereits erwähnt, die unterschiedlichsten Genre-Zutaten stimmig zu vermischen weiß. Ein echtes Meisterwerk, der meine Höchstwertung voll verdient hat.
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