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Kundenrezension

am 10. Februar 2007
Henning Mankell hat nach eigenen Angaben in der Vorbemerkung zu diesem absolut bemerkenswerten Buch über 25 Jahren an diesem Werk geschrieben, und er hält die lange Zeit für eine der Erklärungen, warum dieser beeindruckende und bewegende Roman über die Zerstörungskraft des Kolonialismus so kurz werden konnte. Auf ca. 260 Seiten schildert Mankell in diesem, in Schweden schon 1998 erschienenen Roman, die Geschichte einiger Menschen, Schwarze und Weiße, die durch ihr Lebensschicksal miteinander verbunden sind.

Der weiße Siedler Dom Estefano und seine Frau Elvira, ihr langjähriger Diener Felisberto, der zeitweise auch der Liebhaber von Elvira ist, Felisbertos Familie in dem Dorf, in das er während der Revolution zurückkehrt, aber auch die jeweiligen Vorgeschichten der beschriebenen Romanfiguren.

Mankell erzählt in einer sensiblen, poetischen Sprache, die erfüllt ist von dem unsäglichen Leid und der unbeschreiblichen Schönheit Afrikas, der Liebe zu diesem Land und seinen Menschen, aber auch von dem Wissen um die Zerstörung, die der Kolonialismus und der Rassismus an den Seelen von Weißen und Schwarzen verübt hat. Und es gelingt ihm tatsächlich, auf knappem Raum mit den Lebensgeschichten seiner Figuren so etwas zu formulieren wie eine Kolonialgeschichte Afrikas, die gleichzeitig so etwas ist wie eine Psychohistorie von Afrikas Seele. Eine Seele, die nicht auszurotten ist, die weiterlebt, und die in diesem Buch die Stimme von Samima hat, einer längst verstorbenen, alten, weisen Frau, die für das Leben der Schwarzen eine fast religiöse Bedeutung hat. An einer Stelle beschreibt Mankell Samimas Wahrnehmung und fasst damit zusammen, was ihn selbst bewegt:

"Durch Samina strömte ein rasender Strom von Schmerz. Sie dachte an all das Unrecht, das ihren Kontinent und ihr Land so unbegreiflichen Qualen ausgesetzt hatte. Die Muskeln spannten sich unter ihrer mageren Haut, wo die Adern wie Fahrwasser auftauchten, die sie in die Tiefe der Erinnerung führte, die sie mit allen anderen teilte, die Erinnerung an den geschundenen Kontinent, auf dem sie gelebt hatte. Aus der Erinnerung, die eigentlich eine Landschaft war, holte sie Bilder, auf denen verzweifelte Sklavenkarawanen vorbeizogen. Sie sah die ersten weißen Männer ankommen und wie sie begannen ihre Pest und ihren Tod und ihre Gier um sich her zu verbreiten. Sie sah ihren Kontinent, wie er war, ein verletzter Büffel, der sich ständig, unaufhörlich aufs neuen wieder erhob, sich hartnäckig weigerte zu sterben. Und Samima dachte, das Geheimnis sei einfach, daß Afrika immer des schwarzen Mannes Last und des weißen Mannes Rettung gewesen war. In all den Jahren, die sie gelebt hatte, hatte sie diese Horden von Weißen gesehen, die aus allen Richtungen gekommen waren, mit ihren Traktaten und Schnurrbärten, mit ihrer Gier und ihren Göttern und Kassenbüchern. Sie hatten getötet und gewütet, und obwohl jetzt andere Zeiten waren, hatten sie die Erde mit ihren Untieren vergiftet."

Die Gegenwart des Buches spielt in der Hafenstadt eines afrikanischen Landes, wenige Wochen bevor diese Stadt als letzte Bastion der Weißen von den revolutionären schwarzen Aufständischen eingenommen wird.

Die einfachen Menschen wie Felisberto vertrauen darauf, daß die Revolutionäre schon wissen, was für die Menschen gut ist und träumen von einem Leben im Paradies. In einem Gespräch mit der Eisverkäuferin Lekula sagt er: "Freiheit muß bedeuten, daß niemand mehr zu arbeiten braucht." Doch Lekula ist realistisch: "Für solche wie uns, ist es trotz allem das wichtigste zu wissen, wann wir jubeln und wann wir nicht jubeln sollen. Das ist eine alte Wahrheit, die sich nie ändern wird."

Henning Mankell neues, in Wahrheit schon 8 Jahre altes Buch, ist ein wunderbares Stück Poesie zu einem traurigen Thema. Afrika, wo Mankell seit Jahrzehnten die Hälfte des Jahres verbringt, lässt ihn einfach nicht los, und je älter er wird, desto zorniger wird. In "Kennedys Hirn", einem vor zwei Jahren erschienenen Roman wird das ganz deutlich. Es empfiehlt sich, beide Romane nacheinander zu lesen.

Dieses Buch jedenfalls ist Mankells bester und dichtester Afrikaroman.
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