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Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Norma assoluta, 4. Oktober 2005
Rezension bezieht sich auf: Bellini: Norma (Gesamtaufnahme) (Aufnahme Mailand 1954) (Audio CD)
Zusammen mit Gaetano Donizetti und Gioacchino Rossini bildet der sehr jung verstorbene Sizilianer Vincenzo Bellini das Dreigestirn der berühmtesten Belcanto - Komponisten, die das Operngeschehen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast uneingeschränkt beherrschten. Von diesen dreien erschien einige Zeit lang jedes Jahr mindestens eine neue Oper, die meist einem bewährten Strickmuster folgten: Ein Textbuch mit einem Nichts an Handlung, gefällige und schwungvolle Musik, dazu ein bis drei exponierte Sänger, die mit ihrem stimmakrobatischen Fertigkeiten das Publikum zu Ovationsstürmen hinrissen. Allerdings hat auch dieser stets als oberflächlich gescholtene Opernstil Meisterwerke auf der Habenseite zu verzeichnen, ohne die das Musiktheater um einiges ärmer wäre, so Rossinis "Il baribiere di Siviglia", "La Cenerentola" und "Guillaume Tell" (eigentlich keine Belcanto - Oper mehr), Donizettis "L' elisir d' amore", "Lucia di Lammermoor" und "Don Pasquale" und natürlich Bellinis "Norma".
Nur knapp drei Jahre blieben Bellini, um seinen Ruhm auszukosten. 1831 hatte er nach einigen Achtungserfolgen mit "La Sonnambula" seinen internationalen Durchbruch gefeiert, noch im gleichen Jahr, am 26. Dezember, wurde "Norma" in Mailand uraufgeführt, im Triumphzug verbreitete sich das Werk in den nächsten Jahren über die ganze Welt und verschaffte dem mit gerade einmal 33 Jahren verstorbenen Bellini seinen gebührenden Platz im Musik - Pantheon.
"Norma" rettete Bellinis Namen vor dem Vergessen, die enorm anspruchsvolle Titelpartie war für jede Sängerin, die etwas auf sich hielt, ein Anreiz, von den weiteren Werken des Komponisten ließ man jedoch weitgehend die Finger. Sie galten als veraltet, der Einfluß der omnipräsenten Meister Verdi und Wagner mit ihren ausgefeilten Musikdramen verdrängte die Vertreter der reinen Gesangskunst in ein Nischendasein, obwohl Wagner, der schärfste Verächter des Belcanto, sich zumindest über "Norma" uneingeschränkt lobend äußerte. Bellini selbst wurde als "Vorläufer Verdis" abgekanzelt und seine Partituren verstaubten in den Archiven.
Das änderte sich, als nach dem 2. Weltkrieg das Verlangen nach einfach schöner Musik und bewundernswerten Gesangsleistungen sprunghaft anstieg. Hinzu kam, dass die Mailänder Scala, vor allem durch das Auftauchen Maria Callas' und ihrer kongenialen Mitstreiter Gobbi und di Stefano, in den 50er Jahren in ein "Goldenes Zeitalter" eintrat. Endlich war wieder eine Primadonna da, die für die extrem schwierigen Bellini - Partien sowohl die stimmlichen Fähigkeiten, als auch das schauspielerische Talent mitbrachte. So gab es in den frühen 50ern eine wahre "Bellini - Renaissance", vergessene Werke wie "Il pirata", "Beatrice di Tenda" und "I puritani" wurden ebenso gegeben, wie die etwas geläufigere "Sonnambula". Der Diamant in der Belcanto - Krone blieb allerdings die "Norma", fast über ihre gesamte Karriere hinweg die Paraderolle der Callas. 1948 sang sie die Rolle erstmals in Florenz unter dem Dirgat ihres Förderers Tullio Serafin, danach gab es kaum ein Jahr, in dem die Callas nicht irgendwo auf der Welt dieser Partie und natürlich sich selbst Ruhm einbrachte. Selbst als ihre Stimme bereits schwer angeschlagen war, stand sie weiterhin als "Norma" auf der Bühne, was ihr nun an stimmlicher Leistungsfähigkeit fehlte, machte sie mit ihrem schauspielerischen Talent wett, blieb bis zum letzten Auftritt in der Rolle 1965 und bis heute der Inbegriff für die Idealbesetzung der Partie, die "Norma assoluta".
Diese Gesamtaufnahme stammt aus dem Jahr 1954, sozusagen mitten aus dem "Goldenen Zeitalter". Am Ende einer für die Callas triumphalen Scala - Saison holte Tullio Serafin ein Ensemble zusammen, das mit den zu besetzenden Rollen ausreichede Erfahrung besaß und stimmlich auf (fast) durchgehend höchstem Niveau agieren konnte. Wie bei Serafin üblich geht nicht vom Dirigentenpult, sondern von den Sängern der fesselnde Zauber dieser Einspielung aus. Serafin war kein Pultstar, der mit geschlossenen Augen und selbstvergessen im Klangmeer des Orchesters badet, sondern fungierte stets als unterstützender Begleiter, wie ein guter Korrepetitor. Er versucht nicht, durch Exponieren bestimmter Orchesterteile oder Verlangsamen bzw. Beschleunigen der Tempi der Oper seinen unverkennbaren Stempel aufzudrücken, läßt einfach Bellini spielen und verliert sich nicht im Wohlklang (das gibt Bellinis Musik, um ehrlich zu sein, auch nicht her), sondern ist ein stets bescheiden im Hintergrund wirkender Bändiger des ansonsten gerne mal schief spielenden Scala - Orchesters. So etwas muß man auch erstmal können.
Wie kaum eine andere Oper steht und fällt die "Norma" mit der Hauptdarstellerin. Sie ist fast ununterbrochen auf der Bühne, steht immer im Mittelpunkt und muß das Geschehen beinahe im Alleingang an sich reißen. Dabei hat sie eine Gesangspartie zu bewältigen, die mit Koloraturen, Sechzehntelläufen, Skalen und ständig über das Notensystem hinausführenden Spitzentönen gespickt ist. Eine "Norma" muß also schauspielerisch wie stimmlich über eine Gesamtdauer von fast 2 3/4 Stunden ständig wach und präsent sein, kann sich nicht die kleinste Unaufmerksamkeit leisten, ohne dass diese vom Hörer bemerkt würde. Für Maria Callas in der Form von 1954 kam diese Herausforderung gerade recht. Ohnehin schon weltberühmt für ihre "Norma" setzte sie sich mit dieser Aufnahme ein Denkmal. Wie jede ihrer Lieblingsrollen hat sie die gallische Priesterin verinnerlicht und bringt das Kunststück fertig, aus über 50 - jähriger Entfernung ihr Rollenportait dem Hörer allein durch ihren Gesang vor Augen zu führen. Wie ein Vorrezensent so richtig bemerkte, handelt es sich hierbei um kein Video, das ist allerdings auch gar nicht nötig. Wenn man genügend Phantasie besitzt, läuft der Film automatisch im Kopf ab und Maria Callas ist dabei die größte Hilfe. Stimmlich steht sie auf ihrem Höhepunkt, die extremen Schwierigkeiten der Rolle meistert sie mit einer Souveränität, die ihresgleichen sucht. Vom himmlischen "Casta diva" bis zu ihrem erschütternden Schuldgeständnis zieht sie den Hörer in ihren Bann, um ihn nie wieder ganz loszulassen. Eine überzeugendere und gesanglich bessere "Norma" ist für mich (noch) nicht denkbar. Mal sehen, die nächste "assoluta" kommt bestimmt.
Auch für die wichtige Rolle der Adalgisa wurde eine bewährte Kraft geholt. Ebe Stignani hatte schon 1926 in dieser Rolle an der Scala debutiert und galt seitdem als Idealbesetzung für die junge, etwas naive Priesterin. Auf der Bühne mag der deutliche Altersunterschied zwischen ihr und Maria Callas ein wenig irritierend gewirkt haben, auf CD jedoch merkt man der Stignani ihr fortgeschrittenes Alter kaum an. Auch sie kann für ihre Rolle aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen und singt mit einer wunderbar reinen, nicht mehr jugendlichen, aber klaren Mezzosopran - Stimme. Besonders in den Szenen Norma - Adalgisa erlebt man ein Wunder an Sopran - Mezzo - Harmonie. Auch Ebe Stignani ist ein gutes Argument für die Anschaffung dieser Aufnahme.
Etwas anders sieht es mit dem Pollione von Mario Filippeschi aus. Die ziemlich einfach gestrickte Rolle des römischen Prokonsuls mit Vorliebe für gallische Mondpriesterinnen vermag er zwar überzeugend darzustellen, gesanglich geht er meiner Meinung nach allerdings zu sehr gemäß dem Motto "Hauptsache laut" ans Werk. Ein wenig erinnert er an den dauer - fortissimo singenden Mario del Monaco, nur hat er bei weitem keine so audrucksvolle und schöne Stimme. Einen Ausfall kann man ihn nicht wirklich nennen, er hat einige sehr schöne Momente mit Ebe Stigani und v.a. mit der Callas. Singt er alleine, muß man jedoch mit einem ziemlich krachledernen Römer leben.
Ausgezeichnet besetzt dagegen ist die kleine Rolle des Oroveso mit dem Baß - Bariton Nicola Rossi - Lemeni, einem, wie man hören kann, bochbewährten Belcanto - Sänger, der die oft vernachlässigte Rolle des Oberpriesters beträchtlich aufwertet.
Auch der Scala - Chor zeigt sich in dieser Aufnahme als Einheit, was sonst nicht immer der Fall ist, sehr konzentriert und diszipliniert.
Für den Callas - Fan ist diese Aufnahme ohnehin unverzichtbar, für jeden, der diese einamlige Sängerin kennen lernen möchte, der denkbar beste Einstieg.
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