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Kundenrezension

am 14. Oktober 2011
Die erste Ungereimtheit ist schon im Untertitel enthalten und gibt Anlass zum nachdenken: 'Schaltungen bauen, berechnen und simulieren'. Sollte die Reihenfolge nicht besser 'Schaltungen berechnen, simulieren und bauen' lauten?

Im Vorwort wird behauptet, Röhrenverstärker erlebten derzeit eine Renaissance. Dies haben bereits vor über 20Jahren Knoblauch, Hoffmann und später Haas und andere geschrieben. Zwar waren Röhrenverstärker in den 70er und 80er nicht so verbreitet, aber wirklich ganz verschwunden waren sie zu keiner Zeit.

Weiter wird behauptet ein guter Röhrenverstärker sei nicht teurer als ein gleichwertiger Transistorverstärker. Dies ist schon allein deshalb in Zweifel zu ziehen, weil die qualitätsbestimmenden Ausgangstransformatoren erhebliche Kosten verursachen ' Kosten die bei einem Transistorverstärker nicht anfallen. Andere Bauteile sind aufgrund der erforderlichen hohen Spannungsfestigkeit deutlich teurer als Standardware. Und eine Röhre auch aus aktueller Fertigung kostet ein Vielfaches eines Transistors.

Im Kapitel 'Altgeräte reparieren' werden am Beispiel eines Grundig 2099 Röhrenradios 'Reparaturempfehlungen' gegeben. So sollen pauschal alle Folienkondensatoren des NF-Teils gewechselt werden, weil diese Kondensatoren 'minderwertig' sind. Elkos, so wird behauptet, seien nicht so sehr wie die Folienkondensatoren gefährdet. Dies widerspricht den Erfahrungen der meisten Leute, die sich eingehender mit der Materie befasst haben.

Im Kapitel 'Altgeräte verbessern' wird empfohlen, das Brummen durch den Tausch des vorhanden Selengleichrichters durch kapazitiv überbrückte Siliziumdioden zu ersetzen und die Siebung sollte nun 2x220uF statt der üblicherweise enthaltenen 2x47uF betragen. Dies ist zum einen völlig überflüssig zum anderen technisch unkorrekt. Erstens weil eine deutlich höhere Anodenspannung aufgrund des viel geringeren Innenwiderstands der Siliziumdioden entsteht, wovon dann alle Bauteile inkl. Netztrafo und Endröhre betroffen sind und ggf. überlastet werden. Und zweitens entstehen durch die höhere Siebkapazität i.V.m. dem geringeren Diodeninnenwiderstand sehr viel größere 'Spikes' als es beim Selengleichrichter der Fall ist. Im Ergebnis wird es schlechter und obendrein die Betriebssicherheit des Gerätes verschlechtert.

Im Kapitel 'Altgeräte zerlegen und Einzelteile gewinnen' wird zum 'Schlachtfest' aufgerufen um mit eigenen Schaltungsideen zum 'Röhrenwohlklang' zu gelangen. Es ist zum einen verwerflich historische Geräte als 'Organspender' zu missbrauchen und zum anderen wird man mit den dort enthaltenen einfachen Ausgangstransformatoren und sonstigen Bauteilen nicht die Messwerte und auch nicht den Klang, wie mit aktuell mehrfach geschachtelten Übertragern und guten passiven Bauteilen erreichen können.

Weiter geht es mit der ersten Simulation in LTSpice ' neben der Berechnung und dem Bau ist die Simulation Hauptthema des Buches, zumindest gemäß Untertietel. Die angebotene Schaltung ist zumindest als unorthodox zu bezeichnen. Die Endröhre wird an der max. zulässigen Leistungsgrenze bzw. darüber betrieben, was der Lebensdauer deutlich abträglich ist. Die Primärimpedanz des Ausgangsübertrager ist gegenüber der Datenblattempfehlung zu niedrig, was den zu erwartenden Klirrfaktor erhöht und die verwendete Betriebsspannung zu hoch.

Leider hat der Autor versäumt auf der beiliegenden CD die Simulationsdateien und die verwendeten Modelle zu hinterlegen. Zwar sind im Anhang Parameter ausgewählter Röhren abgedruckt, aber ein 'Anfänger' wird vermutlich Schwierigkeiten haben diese Daten so aufzubereiten, dass er sie in LTSpice nutzen kann. Zudem fehlt im Anhang das Modell für die in dieser Schaltung verwendeten EABC80.

So ist man auf Vermutungen angewiesen wie der Autor seine abgedruckten 'Messwerte' erzielt haben mag - die übrigens so nicht nachvollziehbar sind.

Zudem fehlen Hinweise darauf, dass die simulierten Klirrwerte mit größter Vorsicht zu behandeln sind. Diese sind u.a. stark vom verwendeten Modell sowie der gewählten Aussteuerung abhängig. Die Datenkompression muss abgeschaltet sein u.a.m. Wird dies nicht beachtet, werden die Simulationsergebnisse bestenfalls noch am Rande mit der Realität zu tun haben. So gibt der Autor für diese Schaltung z.B. einen Gesamtklirr von 1,2% an ' in den Datenblätter unterschiedlicher Hersteller wird in der Regel ein Wert um 10% angegeben.

Der abgebildete Frequenzgang ist vermutlich der nicht berücksichtigten Streuinduktivität des 'Ausgangstransformatorenmodells' geschuldet. Bei Verwendung eines 'wiederverwerteten' Trafos ist dieser durchaus beachtlich, aber auch bei aktuellen Modellen kann er keinesfalls vernachlässigt werden.

Weiter geht es mit einer 'Bauanleitung' für einen Ausgangsübertrager für den Klassiker Quad II ' selbige passt auf gut eine Seite inkl. halbseitiger Abbildung. Mit dieser 'Anleitung' wird man bestenfalls einen teuren Drahthaufen produzieren können, aber keinesfalls eine hochwertigen Trafo mit Katodengegenkopplung. Kritische Hinweise, dass mit dieser 'Bauanleitung' nur jemand was anfangen kann, der vorher schon wusste wie man einen Trafo wickelt und das der Ausgangstransformator DAS qualitätsbestimmende Bauteil in einem Röhrenverstärker ist fehlen.

Das Kapitel Schaltungen berechnen wird mit ganzen 22 Zeilen abgehandelt ' mehr muss man dazu nicht sagen. Ein Kapitel über den sinnvollen praktischen Aufbau von Röhrenverstärkern fehlt gänzlich.

Im Kapitel 'Trickreicher Vorverstärker in Kaskodeschaltung mit E88CC' wird fälschlicher Weise eine SRPP-Schaltung als Kaskodeschaltung bezeichnet und dadurch natürlich vollkommen unzutreffend beschrieben. Im Kapitel 'EinfacherVerstärker für Lautsprecher in Klasse-A-Schaltung' wird eine ECL86 außerhalb der Spezifikation mit 350V an Ra 3,5k statt der empfohlenen 250V an 7k-10k betrieben. Im Kapitel 'Einfacher Verstärker der Klasse A mit EF86 und EL95' wird eine EL95 mit 350V an Ra 3,5k statt der empfohlenen 200-250V an 8k-10k gegrillt. Die EF86 hat einen Anodenwiderstand von 27k statt des empfohlenen Wertes von 100k-220k. Der Schirmgitterwiderstand hat gar einen Wert von 1k statt 390k-470k. Im Kapitel 'Endstufe Klasse A mit EL84' wird die EL84 mit 350V an Ra 3k statt der empfohlenen 4,5k-5,2k und 250V betrieben.

Im neunten Kapitel wird noch in 27 Zeilen die 'Funktion und Vorteile von Hornlautsprechern' beschrieben. Die folgenden acht Seiten beschreiben oder besser bebildern (6 Seiten sind Bildern empfohlener Software zum Thema bedruckt) den theoretischen Selbstbau von Hornlautsprechern.

So könnte man jetzt noch einige Zeit weiter machen. In diesem Buch sind diverse oberflächliche bis fragwürdige gar fehlerhafte Aussagen reichlich enthalten. Es ist schon ärgerlich für solch ein Werk 30,- EUR ausgeben zu haben. Offensichtlich war im Franzisverlag niemand verfügbar, der hinreichend Kenntnisse der Materie hatte um der Öffentlichkeit dieses Werk zu ersparen.
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