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Kundenrezension

am 20. Juli 2004
Bei dem vorliegenden Hörbuch handelt es sich um ein ganz besonderes Tondokument.
Der zum Zeitpunkt der Aufnahme 80 Jahre alte Thomas Mann liest eine Novelle, die vor über 50 Jahren aus seiner Feder entstanden war, die zu den Kernbestandteilen seines Werkes gehört. In vielen seiner Geschichten und Romane ist der Autor in der einen oder anderen Form hinter seinen Gestalten präsent, doch selten so unmittelbar wie hier. Der damals 25- bis 27-jährige zeichnet das Bild eines Künstlers, der sich zwischen den für ihn gegensätzlichen Lebenssphären der Kunst und der Geistigkeit auf der einen, und der liebenswürdigen, nicht durch Erkenntnis verdorbenen Gewöhnlichkeit auf der anderen Seite, hin- und hergerissen fühlt. Er rechnet sich der Seite der Kunst zu, ist aber von einer stetigen Sehnsucht nach dem gewöhnlichen Leben, nach den „Blonden und Blauäugigen" dieser Welt, ergriffen.
Unschwer lassen sich bei einiger Kenntnis des Mannschen Lebenslaufes die autobiographischen Züge der Erzählung erkennen.
Diese sehr persönliche Seite der Novelle, und der zeitliche Abstand zwischen Entstehung und Aufzeichnung der Lesung machen den inhaltlichen Reiz dieser Aufnahme aus.
Ein weiterer hervorzuhebender Aspekt liegt in der ganz besonderen Atmosphäre der Lesung. Die zahlreichen Nebengeräusche, wie das Knarren des Lehnstuhls, das Rascheln der Seiten usw. schaffen einen ganz intimen Eindruck, der sich wohltuend von dem moderner Studioaufnahmen unterscheidet. Man fühlt sich gleichsam in das Arbeitszimmer des Vortragenden versetzt, wo man, bequem im Sessel zurückgelehnt, dem Vortrag folgt.
Dieser Vortrag nun ist sehr beeindruckend. Thomas Mann lässt sich Zeit. Die Geschichte fließt in gemächlichem Tempo dahin, man hat das Gefühl, so, und nur so, muss dieser Text gelesen werden. Genauso muss betont werden. Die komischen Stellen, wie z.B. die Tanzstundenszene oder das nächtliche Gespräch mit dem jungen Kaufmann auf dem Dampfschiff, wie auch die kontemplativen Passagen, wie der Schluss des zweiten Kapitels, kommen wunderbar zur Geltung. Ein Gert Westphal hätte wahrscheinlich eine CD weniger gebraucht, um die Geschichte vorzulesen, er hätte aber auch, bei allem Respekt, nicht diese Klasse erreicht.
Es ist schade, dass diese Aufnahme die einzige ihrer Art zu sein scheint, die auf uns gekommen ist. Das macht sie aber auch besonders wertvoll. Für mich zählt sie zu den Stücken, die ganz oben auf der Packliste für die einsame Insel verzeichnet sind.
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