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Kundenrezension

am 12. Dezember 2013
Im März 2010 erfährt Wolfgang Herrndorf, dass in seinem Kopf eine Zeitbombe in Form eines bösartigen Tumors tickt. Die Zeit des Wartens auf den eigenen Tod füllte der Berliner Schriftsteller mit Arbeit und Struktur. So hat er auch seinen Blog genannt, der jetzt gemäß seines Wunsches in Buchform erscheint. Zum Schluss wollte Wolfgang Herrndorf nicht länger warten. Am 26. August nimmt er sich das Leben. Er wurde nur 48 Jahre alt.

Im Schnitt sei er kaum glücklicher oder unglücklicher als vor der Diagnose, schreibt der Autor am 28.03.2011, nur die Ausschläge nach beiden Seiten seien größer. Euphorie und Trauer. Resignation und Verzweiflung. So gestalten sich Herrndorfs Tage ab jetzt. An einem Morgen fleht er zu Gott (an den er nicht glaubt, Herrndorf war Nihilist), ihm nur ein Jahr mehr Zeit zu geben, drei Stunden später witzelt er über den deprimierenden Anblick von ein paar Türstehern in der Reinhardtstraße: "Da geht's mir doch verhältnismäßig gut." Insgesamt sei er sogar vielleicht ein bisschen glücklicher als früher, weil "ich so lebe, wie ich immer hätte leben sollen. Und es nie getan habe, außer vielleicht als Kind."

Und er ist in dieser Zeit produktiver als je zuvor: Zwei preisgekrönte Romane, "Tschick" (2010) und "Sand" (2011), gelingen dem Mann, der früher Worte in seinem Kopf hin- und herrollte wie Sisyphos Steine, ohne wirklich etwas zu schaffen. Viele Kritiker nennen "Arbeit und Struktur" jetzt sein Hauptwerk. Und ja, dieses Tagebuch ist große Literatur, auch wenn Herrndorf in seiner typisch selbstzweiflerischen Art lediglich von der "mühsamen Verschriftlichung meiner peinlichen Existenz" spricht. Es ist, natürlich, so viel mehr. Es ist die Wahrheit über die eigene Endlichkeit, wenn sie sich nicht länger verdrängen lässt, weil sie einem jeden Tag ins Gesicht springt. Es ist das kranke Lachen eines Superschurken, der besiegt ist, aber seine letzte Schlacht zu Ende kämpft.

Zunächst als "Mitteilungsveranstaltung" für Freunde gedacht, lesen durch die wachsende Bekanntheit von Herrndorf und seinem Schicksal immer mehr Menschen seinen Blog, in dem er seine Krebserkrankung schildert und was sie mit ihm anstellt. Auch Stalker, Fanatiker und Irre, die zu kraniosakraler Therapie in Form von Handauflagen raten, zur Vermeidung von Energiesparlampen in Kopfnähe, oder wie Kieferorthopäde Dr. H.G. Fritz aus Bietigheim-Bissingen: "Nur schwarzer Kaffee ohne Zucker und Wasser mit Apfelessig und alle 2 Stunden frisch gepressten Gemüsesaft von Biogemüse." (Ja, Dr. Fritz ist rechtmäßig approbierter und praktizierender Arzt.) Schülerin Deneb ruft an, weil sie einen Werdegang über den "Tschick"-Autor schreiben soll. Ob er verheiratet sei? Bei Wikipedia stehe nichts dazu. Herrndorf bittet Deneb ihrer Lehrerin auszurichten, sie könne sich die Hausaufgabe in den Arsch schieben.

Nicht nur Bestrahlung, Chemo, Operationen zehren an Herrndorfs Kräften, auch der Tumor selbst greift immer mehr seine Substanz an. Seine größte Sorge ist es, irgendwann "nicht mehr Herr im eigenen Haus" zu sein. Manchmal kann er nur beruhigt arbeiten, wenn die Pistole neben ihm auf dem Schreibtisch liegt. Warum zahlt die Krankenkasse eigentlich Globuli, aber keine Bazooka? Als seine Krebsdiagnose noch nicht feststeht, weist er sich selbst in die Psychiatrie ein. Im Pinguinkostüm, weil: Wenn schon Klapse, dann richtig! Zu den manischen Phasen kommen mit der Zeit Sichtfeldeinschränkungen, Orientierungslosigkeit, Sprachstörungen, Epilepsie. Er irrt stundenlang durch Berlin, weil er seine Wohnung nicht findet, braucht mehrere Versuche, um die Hausschuhe anzuziehen. "Könnte auch L und R auf die Sohlen schreiben, um das grausame Spiel abzukürzen. Aber es ist halt auch eine Herausforderung, den Morgen mit einem IQ-Test zu beginnen."

In seinem Tagebuch finden sich einige Fotos, Selbstportraits, von Herrndorf. Stets schaut er direkt in die Kamera, er lächelt nie. Er will nicht gefallen oder etwas darstellen, was er nicht ist. Er wirkt kontrolliert und das war seine oberste Prämisse während dieser Erfahrung völliger Ohnmacht. Was wir von ihm zu sehen bekommen und was nicht, das bestimmt immer noch ganz allein er. Man erlebt seinen Verfall zwar volle Breitseite mit, das Gefühl von Echtzeit stellt sich ein, aber das stimmt so natürlich nicht. Der Blog dokumentiert ja keine unmittelbaren Ereignisse. Umso interessanter ist, was Herrndorf uns sehen lässt, was er preisgibt. Er schreibt von seiner Angst vor Monstern unterm Bett, davon, dass er beim Anblick von Kindern weinen oder gleich den Raum verlassen muss, wie er seine alten Tagebücher in der Badewanne einweicht, damit keiner seiner pubertären Ergüsse mehr lesen kann. Urängste, die irgendwie jeder kennt, genau wie das Sterben eine universelle Erfahrung ist. Und so habe ich aus diesem Text mehr Trost als Trauer, mehr Respekt als Mitleid gezogen. Und ich glaube, genauso wollte er es.
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