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Kundenrezension

am 20. September 2010
Der Schriftsteller Henry hatte mit seinem zweiten Roman weltweit großen Erfolg, und zwar so enorm großen, dass er meinte, danach über die Freiheit zu verfügen, sich auch Themen zuwenden zu können, bei denen die belletristischen Erfolgsaussichten eher gering sind. Er schrieb ein Doppelbuch, einen Roman und gleichzeitig ein Essay, thematisierte den Holocaust, versuchte aber gleichzeitig, sich von den bisherigen Umsetzungen zu lösen und die Fantasie in den Vordergrund zu bewegen, Gewalt und Grausamkeit also auf einer Metaebene zu begegnen. In einer großen Runde mit Verlegern, Buchhändlern und Kritikern wurde er für diese Vorgehensweise abgestraft; das Buch erschien nicht. Henry zog sich zurück, wechselte den Wohnsitz und widmete sich fortan seinen Hobbys. Er entdeckte das Laienschauspiel, nahm Klarinettenunterricht, kaufte einen Hund und eine Katze, und Nachwuchs kündigte sich an. Aus dem Bestsellerautor wurde ein Privatier. Nur die immer noch in großer Menge eintreffenden Leserbriefe zu seinem Erfolgsbuch erinnerten ihn daran, dass er eigentlich Schriftsteller war. Dann bekam er ein seltsames Päckchen. Ein Leser, der ebenfalls Henry hieß, schickte ihm eine Flaubert-Erzählung, in der sämtliche Szenen, in denen die Hauptfigur Tiere metzelte, mit gelbem Markierstift hervorgehoben waren. Außerdem enthielt die Sendung einige Szenen aus einem Theaterstück, das dieser Leser offenbar geschrieben hatte - mit einer alten Schreibmaschine.

An einem kalten Nachmittag macht sich der Autor auf die Suche nach diesem Leser. Er entdeckt ihn in einem Fachgeschäft für Tierpräparationen. Der Mann ist weit über achtzig, ein dürrer, verschlossener, seltsam emotionsloser Typ. Der Schriftsteller ist fasziniert, nicht nur von den Präparaten und der seltsam weltfremden Stimmung zwischen den vielen ausgestopften Tieren, sondern auch und vor allem von jenem Theaterstück, in dem ein Brüllaffe namens Vergil und eine Eselin namens Beatrice merkwürdige, aber sehr feingeistige Dialoge führen. Der Taxidermist liest dem Autor über mehrere Tage hinweg aus diesem Theaterstück vor. Es geht um Formen von Gewalt, die kaum in Worte zu fassen sind, und die diese beiden Tiere offenbar miter- und überlebt haben. Sie entwickeln eine originelle Strategie, um mit der eigenen Vergangenheit zurechtzukommen und gleichzeitig zu verhindern, dass sie in Vergessenheit gerät. Die Mittel, die sie hierfür entwickeln, nennen sie "das Nähzeug", denn das Land, in dem die Ereignisse stattgefunden haben, ist "das Hemd".

Es ist anzunehmen, dass Yann Martel in diesem Buch zumindest teilweise von sich selbst erzählt, denn die Vita jenes Autors und diejenige Martels ähneln sich. Und tatsächlich wäre ein Buch wie "Ein Hemd des 20. Jahrhunderts" von einem Autor, der nicht zuvor einen weltweiten Bestseller wie "Schiffbruch mit Tiger" vorgelegt hat, kaum erschienen. Der Roman, der eigentlich eine Novelle mit eingebettetem Theaterstück ist, verweigert sich Formalien, verfügt über einen sehr unkonventionellen Aufbau und kommt recht sperrig daher. Ich muss zugeben, dass mich das Buch gelegentlich etwas geärgert hat. Aber es ist auch interessant, sehr kunstvoll, manchmal spannend und fraglos vortrefflich geschrieben.

Allerdings missfiel mir auch einiges. So hinterfragt der Schriftsteller in seinen Diskussionen mit dem Präparator immer wieder Dinge, die von so eindeutiger Symbolik sind, dass sich Fragen eigentlich erübrigen, wohingegen andere Szenen, deren Metaphorik durchaus erklärungsbedürftig ist, unkommentiert bleiben. Die Bedeutung der privaten Geschehnisse - etwa der grausame Tod des Katers, dahingemetzelt vom Hund, der sich offenbar in der Präparatorenwerkstatt die Tollwut geholt hat - erschloss sich mir nicht immer vollständig, und auch einige, ohnehin nur angedeutete, Nebenhandlungen schienen sich nicht aufzulösen. Tatsächlich aber zieht der Roman vor allem gen Ende stark in seinen Bann, er ist wortmächtig, eindringlich und von großer Wucht, und die dreizehn "Spiele für Gustav" (einer menschlichen Leiche, der die Tiere auf ihrem Weg begegnen), die den Schluss darstellen, erschrecken und verwirren. Das eigentliche Ende, die Klimax der Auseinandersetzung zwischen Schriftsteller und Präparator, musste ich zweimal lesen, um es auch nur ansatzweise zu verstehen.

Ein sehr seltsames Buch über Gräuel und Bestialität, über Unmenschlichkeit (ein, wie ich finde, ohnehin widersprüchlicher Begriff) und den Umgang mit ihr, über Vergangenheit und jüngere Geschichte, fesselnd und sicherlich auch zwingend, dicht und atmosphärisch, und trotz seines merkwürdigen Aufbaus - das Theaterstück um Vergil und Beatrice nimmt reichlich Raum ein - sehr fließend. Voller Metaphorik und Symbolik, rätselhaft und dann wieder über-eindeutig, aber am Ende ... ich weiß nicht so recht. Es hinterlässt den Leser schockiert (vor allem, wenn man sich traut, die Fragen, die im Rahmen der "Spiele für Gustav" gestellt werden, tatsächlich zu beantworten), und wenn es das erreichen wollte, ist es gelungen. Literarisch sowieso. Trotzdem bleibt das Gefühl, etwas gelesen zu haben, das mehr sein will, als es unterm Strich ist. Oder weniger, und der Rest ist Interpretation.
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