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Kundenrezension

TOP 1000 REZENSENTam 25. Februar 2014
Der Jurist und emeritierte Geschichtsprofessor Arnulf Baring ist bei einem größeren deutschen Publikum bekannt durch seine Fernsehauftritte, wo er sich in Gesprächsrunden meist durch eine von Parteiinteressen unabhängige Position auszeichnet. Nonkonformismus provoziert Anfeindung und Ausschluß und erfordert daher Mut und Beharrlichkeit. Wen das beeindruckt, der wird vielleicht wissen wollen, wer der Mensch Baring ist, und Gefallen an seiner Autobiographie finden.

Mit dem Titel "Der Unbequeme" ist allerdings weder das Buch noch der Autor zutreffend beschrieben. Das geht schon damit los, daß er ja nicht ohne Grund so oft in Fernsehsendungen eingeladen wird. Von "Ausschluß" kann überhaupt keine Rede sein. Baring erfüllt durchaus eine nützliche Funktion im Medienzirkus. Die FAZ schrieb, daß Sandra Maischberger ja nicht wüßte, was sie ohne ihn täte :-). Im übrigen wird man unschwer einsehen, daß ein gewisser Nonkonformismus sowieso gleichermaßen am rechten und linken Rand des beherrschenden Blocks der politischen Mitte in Erscheinung tritt. Es ist vielleicht ganz illustrativ, Arnulf Baring einmal mit Noam Chomsky zu vergleichen. Chomsky, der große amerikanische Linksintellektuelle, stößt zwar im universitären Milieu auf große Sympathie, in der amerikanischen Gesellschaft im ganzen aber eher auf Ablehnung. Chomsky erzählt, daß es in Boston bis zum Herbst 1966 unmöglich war, außerhalb geschlossener Räume eine Friedensdemonstration gegen den Vietnamkrieg abzuhalten, die nicht gewaltsam gestört und aufgelöst wurde. Die Medien hätten diese Gewalt auch noch begrüßt. Chomsky gehörte zu den ersten, die sich gegen diesen gesellschaftlichen Mainstream stellten und die Rolle der Premium-Presse tadelten. Bei Baring war es umgekehrt: Im linken Milieu der Freien Universität Berlin konnte er sich zwar als Widerständler fühlen, aber war es doch nicht in der deutschen Nachkriegsgesellschaft im ganzen. Übrigens sind beide Intellektuelle je auf ihre Art Patrioten. Zu ihrem achtzigsten Geburtstag haben sich die FAZ und die WELT mit beiden Denkern befaßt: Ihre Artikel zu Chomsky (6.12.2008) waren von Häme geprägt, die zu Baring (6.5.2012) überaus freundlich gehalten.

UNBEQUEME POSITIONEN?
Schauen wir uns doch einmal ein paar der angeblich so unbequemen Positionen Barings an. Ich beschränke mich ganz bewußt auf einfache Fragen, die im Prinzip aus verfügbaren Texten oder Quellen beurteilbar sind (die Euro-Frage ist das nicht):
• Hohmann | ein Antisemit?
Baring hat den CDU-Abgeordneten Martin Hohmann, der sich angeblich antisemitisch geäußert hatte, Anfang der nuller Jahre in Schutz genommen. Der amerikanische jüdische Intellektuelle Norman Finkelstein, der politisch Chomsky nahesteht, hat das aber auch getan. Und in der linksalternativen Zeitschrift "Kommune" gab es in den neunziger Jahren einen ganz sachlichen Aufsatz mit praktisch der gleichen Argumentation wie die in der Rede von Hohmann.
• Sarrazin | ein Rassist?
Baring hat Thilo Sarrazin und sein Buch Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen in Schutz genommen. Helmut Schmidt hat das mit Verweis auf entsprechende textliche Inhalte auch getan (s. Verstehen Sie das, Herr Schmidt?). Ebenso der sozialdemokratisch argumentierende Düsseldorfer Philosophieprofessor Gerhard Schurz und die türkischstämmige Necla Kelek.
• 8. Mai 1945 | Tag der Befreiung?
In seiner kontroversen Rede vom 8. Mai 1985 hatte der damalige Bundespräsident Richard von Weizäcker den Tag der bedingungslosen deutschen Kapitulation und das Kriegsende als den Tag der Befreiung ausgerufen. Es ist aber evident, daß angesichts vieler Nachkriegsverbrechen jene Deutschen, die sie erleiden mußten, das Kriegsende eben nicht als Befreiung erleben konnten. Nur mitleidlose Psychopathen sähen das nicht ein. Und 95% aller Menschen sind ja auch keine. Auch der linke Historiker Wolfgang Wippermann, der sich im Schulterschluß mit ZDF und Bildzeitung an der Abservierung von Eva Herman beteiligte, kam nicht auf die Idee zu behaupten, daß die Frauen, die zu hunderttausenden von Angehörigen der Roten Armee vergewaltigt wurden, sich befreit gefühlt hätten. Im Gegenteil, er hat auch noch korrekt darauf hingewiesen, daß viele Mädchen unter den Opfern waren (s. Dämonisierung durch Vergleich - DDR und Drittes Reich). Respektierung historischer Quellen und Mitmenschlichkeit haben nichts mit links und rechts zu tun und man muß daher kein Konservativer sein, um auch für diese Frauen einzutreten.

Das sind alles Positionen, die zwar parteipolitisch instrumentalisiert werden, in Wirklichkeit aber - wenn man alle Ängste, Nationalismen, Parteimitgliedschaften und Feindschaften abzieht - mit einem Mindestmaß an Vernunft und menschlicher Empathie einvernehmlich beurteilbar sind. Man kann sogar die These vertreten, daß die Mehrheit der Deutschen das so sieht oder sehen würde, wenn man es ihnen auseinandersetzte. Trotzdem bleibt richtig, daß Baring beherzter ist als manche andere, da er immerhin andere Konservative oder Landsleute in Schutz genommen hat. Ein Gefühl von Voltaire kommt jedoch erst bei einigen (amerikanischen) Linken auf, die sogar politisch und geographisch Fernstehende in Schutz nehmen, wenn die zu Unrecht attackiert werden.

FÜRS FERNSEHEN DER BEQUEME
Für die Fernsehanstalten ist es bequem, auf jemanden wie Baring zurückgreifen zu können. Denn bliebe die Meinungsbesitzerszene ganz unter sich, wären Diskussionsrunden so langweilig, daß überhaupt keiner einschaltete. Nun können alle auch noch denken, wir wären ein Land mit freier Meinungsäußerung. Das ist zwar nicht grundfalsch, aber man muß einmal Chomsky hören, um den Unterschied zu den USA zu ermessen. Und was ist das denn hier auch für ein angstgesteuertes System, in dem Martin Hohmann und Eva Herman abgeschossen werden, obwohl Aktenlage und Mehrheit dagegenstehen? Baring kokettiert mit seinem Status als Querdenker, er kritisiert aber nie das System in seinem Kern, sondern gefällt sich eher darin, daß es ihn hofiert. Baring läßt sich von den Mainstream-Medien einspannen und übersieht seine Instrumentalisierung. Oft sagt er, was die meisten denken, aber damit ist es dann gut. Nichts muß mehr passieren. Einer hat ja was gesagt. Der Mohr kann gehen und in der nächsten Talkshow kommt ein anderer konservativer Quotenkaspar und es beginnt das gleiche kurzweilige Spiel von neuem.

JA KEINE SYSTEMKRITIK
Im Vergleich zu Arnulf Baring ist Helmut Schmidt nun wirklich ein Mensch, der nicht angepaßt ist. Schmidt äußert echte Systemkritik. Er kritisierte den Afghanistankrieg und er kritisierte die Rechtschreibform als Systemfehler der parlamentarischen Demokratie, die sich von der Bürokratie immer wieder austricksen ließe (von den EU-Bürokraten ganz zu schweigen). Das ist eine authentische und fundamentale Systemkritik, die jeden Demokraten hellhörig machen müßte. In Außer Dienst: Eine Bilanz, wo Schmidt sie äußerte, verzichtete er auch konsequent auf die amtliche Rechtschreibung. Wort und Tat im Einklang! Baring dagegen, der in der Biographie erzählt, aus welchem elitärem Elternhause er stammt, in dem Bildung ein besonders hohes Gut war, läßt nicht davon ab, so emsig wie ein Schuljunge Adverbien groß zu schreiben. Der aus einfacheren Verhältnissen stammende Philosoph Peter Sloterdijk täte das nie und die rebellische linke jungewelt.de auch nicht. Baring gehört mehr zum Mainstream, als er selber weiß; Sloterdijk und Schmidt und die Junge Welt jeweils auf ihre eigene Art nicht. Mit jeder Seite, die sie schreiben, bringen sie ihre Distanz zum Ausdruck. Das sind die Unbequemen, die es viel mehr verdienen, so genannt zu werden.

FAZIT
Wer darin folgt, daß Baring nicht ganz so vernünftig ist wie Schmidt und zugleich viel angepaßter und bei weitem nicht so unbequem ist, wie er tut, kann sich trotzdem seine Neugier auf dieses gut lesbare Buch bewahren. Es handelt von dem beachtlichen Leben eines deutschen Patrioten aus gutem Hause.
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