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Kundenrezension

am 25. Februar 2014
Die Rezension erscheint in dem Magazin der Uni Halle: [...]

Wenn mein Fahrrad einen Platten hat, ist es vorbei. Ich muss gestehen, dass ich kaum imstande bin, einen Reifen selbst zu flicken. Zwar haben mir öfters mein Vater und meine Freunde geholfen und mir jeden Schritt geduldig erklärt, aber richtig sicher bin ich mir beim Reparieren nicht. Auch sonst ist das Handwerkliche nicht alltäglich: Einen Knopf annähen, eine Deckenlampe anbringen, einfache Haushaltsgeräte reparieren – scheinbar simple Tätigkeiten, die wir oft nicht gelernt haben. Das Handy ist kaputt? Reparieren wäre zu teuer, ein Neues kaufen lohnt da mehr.
Gegen die Wegwerfgesellschaft und verloren gegangene Fähigkeiten empört sich Wolfgang M. Heckl in seinem neuen Buch „Die Kultur der Reparatur“. Der Physiker, der das Deutsche Museum in München leitet und an der TU München doziert, ist auch leidenschaftlicher Handwerker. Zu Hause versucht er, alles irgend möglich zu reparieren: Den tropfenden Wasserhahn, das alte Radio, die kaputte Kaffeemaschine.
Ausgehend von einer neuen Welle der Reparatur-Cafés und Selbsthilfewerkstätten beschreibt er die Vorteile und die Dringlichkeit des Reparierens: Denn die Ressourcen der Erde sind nicht unendlich und das alte Handy enthält zu viele wichtige Metalle und Seltene Erden, als dass man es wegschmeißen könnte. Diese Repair-Cafés, in Halle gibt es beispielsweise für größere Dinge das „Eigenbaukombinat“, machen das gemeinschaftliche Reparieren zu einem ungeheuer gewinnbringenden Erlebnis und fördern das Verständnis der Stoffkreisläufe.
Dass der Handarbeits- und Werkunterricht an Schulen in den letzten Jahrzehnten durch Medienerziehung und Informatik ersetzt wurde, sieht Heckl als eine Ursache für das veränderte Verhältnis zu den Dingen: Es sei ein „fundamentales und hochemotionales Erfolgserlebnis, wenn man einer Mechanik auf den Grund kommt. Nicht vergleichbar mit dem Drücken des 'Gefällt mir'-Buttons auf Facebook.“ Außerdem plädiert Heckl für mehr Achtsamkeit gegenüber allen materiellen Sachen, für die achtsame Wartung und Reparatur vor dem Verschleiß.
Interessant ist da die Geschichte, wie er versuchte, den kaputte Klinkeneingang seines Macbooks, an den man Kopfhörer oder Lautsprecher anschließen kann, zu reparieren. Anstatt das Gerät einfach einzuschicken, wie es der gewöhnliche Student sicher tun würde, recherchierte Heckl in Elektronikläden und bei Youtube nach Lösungen. Mit diesem Eifer zum Selber-Herausfinden, durch den er schließlich das Macbook ohne Garantieservice selber reparierte, wirbt der Autor für das verloren gegangene Gefühl der Autonomie: Etwas selbst wiederherstellen, einen Fahrradreifen selber zu flicken und nicht auf Fremdhilfe angewiesen zu sein, das sei für ihn ein äußerst befriedigendes Erlebnis, ein „Hochgefühl der Autonomie“. Wir sollen uns als Konsumenten nicht damit abfinden, dass man defekte Gegenstände recycelt oder einfach entsorgt, sondern immer eine Reparatur in Betracht ziehen.
Zuletzt sieht Heckl seine „Kultur der Reparatur“ in einem viel größeren Rahmen, als Teil des Klimaschutzes. Er zieht Parallelen zur „Shared Economy“ mit Carsharing, Foodsharing und anderen Bewegungen wie „Containern“. Auch Tauschbörsen, urbane Dachgärten und Flohmärkte seien wichtige Institutionen. Letztlich gehe es darum, Ressourcen zu sparen. Reparieren sei zu einer kulturkritischen Haltung geworden, zu einem aktiven Protest gegen wachsende Müllberge und Elektroschrott.
Ein bisschen Kulturpessimismus schwingt mit, wenn Heckl die gesellschaftlichen Veränderungen beklagt. Für alle Tüftler, Bastler und Sammler, aber ebenso für die hilflosen Studenten, die wie ich beim Fahrradplatten aufgeschmissen sind, ist das trotzdem ein lohnenswertes Buch.
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