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Kundenrezension

am 19. Februar 2012
"Nein, - ich bin, der ich bin! Und was sie finden
In mir als Schuld, ist ihrer Schuld Bericht.
Vielleicht bin ich der Sehende, sie die Blinden,
Nach ihrem Sinn bemisst mein Tun sich nicht!
(William Shakespeare, Sonett CXXI, Die Sonette)

Wir wachsen, Kierkegaard hat es immer betont, im Verhältnis zur Größe, gegen die wir ankämpfen, gleichviel, ob diese Größe einem Menschen, einer Idee, einem System oder einem Gedicht anhaftet. Und zu den Einsichten Kierkegaards zählen wir auch, dass Jugend dazugehört, um zu hoffen, Jugend dazu, um sich zu erinnern, aber es gehört Mut dazu, die Wiederholung zu wollen. Die Wiederholung als die Wirklichkeit und den Ernst im Dasein.

Rimbaud (1854-1891) als Sohn wird hier vom französischen Schriftsteller Pierre Michon (1945- ) auf das Vortrefflichste ins Licht gerückt. Mit Nietzsches aphoristischem Zugeständnis: "Wenn man keinen guten Vater hatte, so soll man sich einen anschaffen" an die Sache heranzugehen, verfehlt den weiten Sprung. "Wer aber arbeitet, gebiert seinen eigenen Vater" in der Kierkegaard Denke kommt dem Werke hier viel näher, zumal Rimbaud selbst beteuert: "Ich werde ein Arbeiter sein." Denn in der Tat ist Rimbaud vaterlos aufgewachsen, seine Mutter war von emotionaler Dürftigkeit und über-religiöser Gebundenheit ("Euch sagt's das Herz; [...], / Im Haus ist keine Mutter mehr! - der Vater weit! ..."; Rimbaud) und in seinem kleinen Ardennen-Ort Charleville widmete er sich Gedichten, mit deren Hilfe er sich selbst entfalten und der Enge entfliehen wollte ("Alles steigt und will sich weiten!", Rimbaud). Von der Mutter weiß er eben, dass sie auch im Juli "Dezembergesichter" macht, vom Vater weiß er, dass er Hauptmann in einer Garnison ist, seine Geschwister kennt er, werden kaum erwähnt, bis auf Isabelle, die ihm zugewandte in diesen Brüchigen Tagen. Sein Leben als Sohn wird so zu einem vorgestellten fern des jetzigen, sein Vater wächst gewissermaßen in der Vorstellung.

Doch der Sohn-Gedanke ist auch literarisch. Sein Stöbern in den Schriften von Hugo, Baudelaire, Banville und anderen entfaltet in ihm eine Sohn-Rolle gegenüber den Vorbildern. Zu sein, zu werden in einer Welt, ja eine Welt zu bilden, die die sichtbare, fühlbare und riechbare, zusammengefasst in 12stöckige Sätze und Reime, wird, ist sein Anliegen. In ihm wird die Poesie zur Person, gegenüber der Rimbaud bereitwillig die Rolle des Sohnes einnimmt. Überall dort, wo ein Wachsen in ihm schlummert, entdeckt er den Sohn, der lernen und überflügeln will, um in eine bessere Rolle Einzug zu nehmen, eine Rolle, die im dichterischen Ich seine Vorgänger überragt.

Im Begriff Sohn entdeckt Michon die Potenz dieses jungen Mannes aus den Ardennen. Denn alles was er geleistet hat, ist eingeschrieben von Anfang an. Seine Herkunft aus dem kleinen Ort, sein Leben in der Ambivalenz zwischen mütterlichem nah erlebten Vaterunser und väterlichem fern vermuteten militärischen Fanfaren und die Suche nach neuen exponierten Vorbildern wird zur sublimen inneren Kraft, die wartet, als Eruption zu erscheinen. Als Leser kann man nun sich Michons allzu deutlich heraustretende Bedeutung nähern. Denn in allem, was über Rimbaud sich entfaltet, steckt eben jene gedankliche Epiphanie, Rimbaud sei Sohn aller Menschen, denen nur über die Kunst des Wortes, des Bildes, der Musik geholfen werden kann. Natürlich in einer veritablen Auseinandersetzung wo möglich. Die großen Vorbilder wie Hugo, Baudelaire waren schon abwesend oder tot; einzig als reizvoller Partner für alle Lebenslagen bot sich in der Pariser Zeit Paul Verlaine an, dessen Lage und Sucht nach Worten in gleicher Ausprägung wie bei Rimbaud sich zeigten. Michon gelingt es bravourös diese Beziehung in ihrem Mix aus Liebe, Hass, Wollust, Streit und Verletzung erlebbar zu machen. Weil ihre "Liebe bis in ihre Seelen gelangte", nahm sie ein schlechtes Ende.

Und aus diesem Drama Paris, London, Brüssel, all diesen vom ursprünglichen Leben abweichenden und doch das Leben ausprägenden Situationen, kommt Rimbaud zurück in das kleine Charleville. Es ist Erntezeit und anstatt zu helfen verschanzt er sich schluchzend auf dem Dachboden und schreibt über die "Zeit in der Hölle". Hier wird vollendet, was er erlebte, was er ersehnte. An diesem Ort wird erinnert ("Einst, wenn ich mich recht erinnere, war mein Leben ein Fest, wo alle Herzen sich öffneten, wo alle Weine flossen.", Rimbaud) ohne offensichtliche Bedeutung, an diesem Ort wird gelitten, weil der Mensch sich verloren hat, an diesem Ort wird gesehnt, die Lautlosigkeit der Stille, die Dunkelheit der Nacht, die Bewegung des Schwindels zu erfahren, an diesem Ort sollen die Worte gefunden werden, die die Farben der Buchstaben erkennen, die den Geruch der Bedeutung verkörpern. Dieser Ort war die elende Existenz des Alltäglichen und auch ein Ort der Suche nach Transzendenz. "Ich schrieb das Schweigen, die Nächte, ich zeichnete das Unausprechliche auf. Ich hielt den Taumel fest", so Rimbaud in seinen "Fieberphantasien" in "Une Saison en Enfer". Dieses Prosagedicht entgeht kaum der Gefahr, ungewollt Gedanken und Reiz des normativen Christentums zu spiegeln, entgeht kaum der Gefahr, die vehemente Verweigerung des Christentums zu verlieren, wie er es dann auf dem Sterbebett nicht länger leugnen konnte.

Pierre Michon hat als Dichter die Wucht, die Wut und den Wahn dieser letzten Schrift Rimbauds gespürt, hat ihn in wahrhaft prosaischer Poesie nachempfunden und auf seine Weise erkannt, dass hier ein Dichter schrieb, der seinen sterbenden Gott durch einen neuen ersetzten wollte, den Gott des ständig wachsenden inneren Selbst. Nicht umsonst verweist Michon auf den biblischen Verkünder Jeremias, der eine Leidenschaft zur Zerstörung im positiven Sinne verkündigte. Jeremias beklagt sich bei Gott, ihn betört zu haben und ihn zum Gespött gemacht hätte (Jer 20). Wenn nun Jeremias nicht mehr im Namen Gottes spricht, dann spürt er dies sagen zu müssen: "dann wird es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, [...] ich mühe mich ab, es zu tragen, und vermag es nicht."

Bei Jeremias (Jer 31) lesen wir auch: "Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen, und es ihnen ins Herz schreiben." Rimbaud hat in allem aus dem Herzen geschrieben, sein höllischer Ritt des letzten Gesangs trifft den Nerv und das Herz jeden Lesers und auch des ebenso guten Dichters Michon. Sein erneutes Credo an Rimbaud sichert ihm, dem jungen Künstler, der in nur vier Jahren seiner Gedichtkunst, nicht nur einen gesicherten Platz im Parnass der Dichter hat, sondern auch hiermit alle Sohn-Rollen verloren und sich zu einem Mann der Tat erwachsen hat, ohne die "Vaterschaft für seine Werke übernehmen zu können", dem Alexandriner sogar den Garaus machte. Am Ende der "Zeit in der Hölle" erkennt er, dass es jetzt ein Vorabend ist für ein neues Morgenrot und eine zukünftige Zeit.

Mit 37 Jahren und in erneuertem Glauben stirbt Rimbaud. Seine Dichterzeit betrug vier Jahre. Nie mehr nach 1873 hat er sich ihr gewidmet. Er zog aus, und machte einträgliche Geschäfte in aller Welt. Doch zurück nach Charleville führte ihn der Tod.
~~

PS
Rimbaud Zitate aus: Sämtliche Dichtungen: Zweisprachige Ausgabe
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