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Kundenrezension

TOP 1000 REZENSENTam 8. Oktober 2013
Paul Martins »Glückskindern« aus dem Jahre 1936 wird unter den Filmen, die zwischen 1933 und 1945 in Nazi-Deutschland entstanden sind, üblicherweise ein gewisser Ausnahmestatus zugesprochen. Der Film zählt zu den erfolgreich ›eingedeutschten Vorbildern‹ (Karsten Witte). Er orientiert sich offen am Hollywood-Kino, wobei insbesondere die Übernahme von zentralen Motiven aus Frank Capras Screwball-Comedy »It Happened One Night« (1934) unübersehbar ist. Der Film macht diesen Bezug sogar explizit, wenn etwa in einem Liedtext die Zeile ›Ich wollt’, ich wär’ Clark Gable‹ auftaucht oder in einer Szene, die auf einer Pferderennbahn spielt, in ironischer Absicht ein Clark-Gable-Double eingesetzt wird.

Zu sagen, die Story sei hanebüchen, ist in diesem Fall nicht als Einwand gemeint. Karsten Witte hat vollkommen recht, wenn er von einer »wunderbaren Nonsense-Komödie« spricht. Gil Taylor (Willy Fritsch) ist verhinderter Lyriker und Zeitungsvolontär. Eine Intrige seiner Kollegen führt dazu, dass er als Reporter zu einem Schnellgerichtstermin geschickt wird. Dort bekommt er Mitleid mit der jungen Frau Ann Garden (Lilian Harvey), die wegen Vagabundierens angeklagt ist. Er gibt sich als ihr Verlobter aus und ist schließlich, um seine Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel zu setzen, gezwungen, sie noch im Gerichtssaal zu heiraten. Von seiner Zeitung entlassen, erhält er Unterstützung von seinen beiden Kollegen (Oskar Sima und Paul Kemp), die urspünglich für die Intrige verantwortlich waren. Irgendwann gelangen die Männer zu der Überzeugung, dass es sich bei der undurchsichtigen Ann Garden um eine schon länger vermisste Millionärserbin handelt. Gil ist wegen der Täuschung, der er sich ausgesetzt fühlt, empört und bringt Ann zu dem mutmaßlichen Millionärsonkel zurück. Doch damit beginnen weitere Verwicklungen.

Paul Martins Regie gelingen sicherlich keine Wunder, sie bringt den Film jedoch recht nahe an die US-Vorbilder heran. Der Rhythmus ist flott, einige schnelle Schnittfolgen und längere Kamerafahrten tragen zum Hollywood-Look bei. Dazu kommen ein paar sehr hübsche Bildeinfälle, wobei die Idee, eine lange Blumenbank mit Kakteen als ›Bettteiler‹ des Harvey/Fritsch-Paares zu verwenden, sicherlich heraussticht (das schlägt klar die vergleichbare Raumteiler-Szene in »It Happened One Night«). Die einzige längere Szene mit Gesang und kleiner Tanzeinlage kann immer noch vollauf überzeugen, der Peter-Kreuder-Song ›Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn‹ ist ohnehin klassisch. Exquisit sind die Bauten von Erich Kettelhut, die in fast jeder Szene durch ihre Detailgenauigkeit bestechen (das Amerikanische sollte offenbar möglichst authentisch wirken). Im letzten Drittel des Films versucht sich Martin in der Imitation typischer Hollywood-Muster: Verfolgungsjagd und Slapstick. Während die Verfolgungsjagd noch einigermaßen gelingt, gleitet der Slapstick-Versuch in niveaulosen Klamauk ab (plötzlich explodierendes Auto, danach allgemein rußgeschwärzte Gesichter usw.), der den zuvor etablierten Komödienton auch komplett verfehlt.

Lilian Harvey macht ihre Sache vorzüglich und begegnet ihrem Pendant Claudette Colbert auf Augenhöhe. Willy Fritsch ist dagegen sicher kein Clark Gable. Dazu fehlt ihm das Charisma. Fritsch agiert mit der für ihn charakteristischen Steifheit (nur beim Rauchen zeigt er echte amerikanische Coolness). Sein notorisches Dauerlächeln wirkt heute eher wie ein Zeichen männlicher Hilflosigkeit. Oskar Sima und vor allem Paul Kemp stehlen den Hauptdarstellern zeitweise ein bisschen die Show. Kemp ist gerade im Hinblick auf seinen Körperausdruck ein Vollblut-Filmschauspieler mit großem Potenzial. Alle männlichen Darsteller fallen allerdings dadurch hinter ihre amerikanischen Vorbilder zurück, dass sie dem für den deutschen Tonfilm charakteristischen Sprechideal folgen. Übertriebene Wohlartikuliertheit und ein Hang zum Deklamatorischen verleiht den sprachlichen Darbietungen etwas Theatralisches und Anti-Naturalistisches. Die von Curt Goetz verfassten Dialoge sind oftmals zu lang und zu ausgefeilt für Screwball-Comedies, die nach einem äußerst verknappten, trockenen Schlagabtausch verlangen (man denke an die extrem pointierten und überlappenden Dialoge bei Howard Hawks). Goetz’ Dialogstil kann seine volle Wirkung erst in Komödien eines anderen Typs entfalten, die Goetz dann später auch selbst inszeniert hat.

»Glückskinder« kam 1936 heraus, im Jahr der in Berlin stattfindenden Olympischen Spiele. Die Welt schaute auf Deutschland, und das Nazi-Regime gab sich vordergründig etwas weltoffen und modern. Doch gleichzeitig versuchte das Regime, die überaus beliebten Hollywood-Filme – Capras »It Happened One Night« war ein Riesenerfolg in Deutschland gewesen – durch ›Eindeutschungen‹ zu verdrängen. Dabei blieb es oft bei bloßem ›Ersatz‹, aber bisweilen gelangen Filme, die aus dem deutschen Mainstream positiv hervorstachen. »Glückskinder« gehört dazu, selbst wenn der Film hinter seinem unmittelbaren amerikanischen Vorbild zurückbleibt. Mit der Figur der Ann Garden werden Geschlechter-Klischees bis zu einem gewissen Punkt mutig aufgebrochen. Der Umstand, dass es am Ende dann doch recht umstandslos zur üblichen Zähmung der Widerspenstigen kommt, markiert den Abstand, den das deutsche Kino jener Zeit zu den subversiven Tabubrüchen in Hollywood hatte.

Der Film wurde 2012/13 aufwändig und sorgfältig restauriert. Da kein Kameranegativ mehr zur Verfügung stand, bildete eine Nitro-Kopie die Ausgangsversion. Deren Gebrauchsspuren ließen sich nicht komplett eliminieren. Nichtsdestoweniger hat die Restaurierung Großartiges geleistet. Die restaurierte Fassung wurde auf der Berlinale 2013 uraufgeführt.

Die DVD bietet als Extras nur den üblichen Kino-Trailer sowie ein Featurette, dass die Restaurierungserfolge in Vorher/nachher-Vergleichen demonstriert. Das 12-seitige Booklet enthält einen sehr informativen Essay zum Film von Anke Wilkening und einen ausführlichen Bericht über die Restaurierungsarbeiten von Zuzana Zabkova. Auf dem Backcover ist eine Laufzeit von 98 Minuten angegeben, was entweder auf einem Zahlendreher beruht (der Film dauert 89 Minuten), oder aber die Dauer von Trailer und Featurette mit einrechnet.
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