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Kundenrezension

18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Eine andere Möglichkeit der Existenz", 22. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Koala: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Wir hatten selten Gelegenheit, uns zu sehen; mein Bruder bewegte sich kaum aus jener Stadt heraus, die ich dreiundzwanzig Jahre früher nicht ganz freiwillig verlassen und seither gemieden hatte. Wir führten verschiedene Leben, außer der Mutter und einigen nicht ausschließlich angenehmen Kindheits- und Jugenderinnerungen teilten wir wenig, und gewöhnlich reichten uns zwei Stunden, um der still empfundenen Verpflichtung, sich als Brüder nicht ganz aus den Augen zu verlieren, Genüge zu tun." Grund für den Ich-Erzähler in Lukas Bärfuss' Roman, sich nun doch intensiver und vielleicht zum ersten Mal wirklich mit seinem (Halb-)Bruder auseinanderzusetzen, ist dessen selbst herbeigeführter Tod. Doch das Öffnen der offensichtlich verschlossenen Tür, ein Neubau der abgebrannten Brücken, erweist sich als bedrohliche Fahrt durch einen dichten Nebel in das eigene Innere und in das Innere der Welt.

Den Namen "eines Beutelsäugers, eines Tieres vom anderen Ende der Welt", hatte man seinem Bruder bei den Pfadfindern verpasst. Koala - Warum gerade dieser drollige, flauschige Kobold, dieses Kuscheltier, als das sich sein Bruder mitnichten erwies. Der Ich-Erzähler verfängt sich in einem Karussell, in einem Mahlgang der Gedanken. Er sinniert über die Enggeistigkeit seiner Heimat ("Das Wesentliche lag im Ungesagten, in den Blicken, in den Gesten, den unausgesprochen Gedanken, die als Gekräusel auf einer Stirn sichtbar wurden, als Lippen, die sich verkneifen."), sucht um Rat in der Literatur und ihren berühmten Selbstmördern, um letztendlich auf den Begriff "Einsamkeit" zu stoßen: "Ich erkannte darin die Krankheit meiner Zeit, die Ursache des Unglücks, das jeder, der ein offenes Herz hatte, empfinden musste." Er beginnt "eine Buchhaltung seines Lebens" zu erstellen und stößt dabei immer mehr auf den Begriff Gewalt. Gewalt am Menschen, Gewalt am Tier und der Natur: "Alle im Kampf gegen alle." Das putzige, "mit pelzigen Ohren, stoisch, um nicht zu sagen lethargisch" und ausschließlich Eukalyptus fressende Tier nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein. Es scheint, als würde es ihm Bilder schicken, "Bilder, manchmal von großer Schönheit, eine fern im Osten liegende Bergkette, etwa, die in der Abendkette bläulich oszillierte. Einmal sah ich, wie Männer eine Schale an den Fuß eines Baumstammes stellten, eine Schalte mit Gift, bevor sie sich lachend wegstahlen, ihren Häusern zu, die am Rande einer Lichtung standen."

Vielleicht hatte gerade diese "Karikatur der Harmlosigkeit" Seiten, "die eine Gefahr darstellten und die man verstecken wollte." Die Gedankengänge des Ich-Erzählers, so scheint es, öffnen die Büchse der Pandora. Im zweiten Teil des Buches mäandert er zurück in der Zeit, in die europäische Eroberung Australiens, die ihren Ursprung 1788 nahm, als man die ersten Strafgefangenen aus England in diese "letzte Station vor der Hölle" verfrachtete. Lukas Bärfuss beschreibt die Verzweiflung, die Härte und Rücksichtslosigkeit der europäischen Siedler, den unglaublichen Überlebenswillen der Aussätzigen in dem kargen Land, ihre zunehmende Feindschaft gegen die Aborigines und die brutale Ausrottung der scheinbar lebensuntüchtigen Koalas, diesen "glubschäugigen, trägen Wesen ohne Eigenschaften, die keine besonderen Fähigkeiten besaßen, so aschgrau wie stumpfsinnig und blöde in den Bäumen hingen, zu faul, um zu fliehen", die man nur von selbigen schütteln musste, um an ihr begehrtes Fell zu kommen.

Fazit: Auch wenn das Thema dies nicht offeriert, aber "Koala" erweist sich als ein außerordentlich anmutiges und gebildetes Buch. Eigenschaften, die der Ich-Erzähler, das Alter-Ego des Autors, den Bewohnern seiner Heimatstadt mehr oder weniger abspricht. Den Leser erwartet nicht der dort übliche reduzierte Wortschatz, der "Sätze verklumpen" lässt, sondern Bärfuss fabuliert geschmeidig, zuweilen ausufernd in "Satzgirlanden", die sich dennoch flüssig lesen. Ein ungemein bereichernder Roman, sprachlich wie inhaltlich. Ein Text, der eine große Tiefe offenbart und einmal mehr den Ehrgeiz des Menschen, sein unausgesetztes Streben und die Unfähigkeit stillzusitzen, offenlegt: Eine Begierde, die oft und immer wieder auf Kosten des Schwächeren ausgelebt wird. Aber auch eine "Folge der Angst, die mit ihm in die Welt gekommen war, er war die Angst, und die Angst war er, er hatte die Angst in die Welt gebracht, sie war seine Erfindung, sein Beitrag zur Naturgeschichte, und er ließ niemals nach in seinem Ehrgeiz, sie in die hinterste Ecke zu bringen." Doch, und das wird nur allzu offensichtlich: Er wird sie niemals beherrschen.
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