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Kundenrezension

am 27. Dezember 2010
Der Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur ist in meinen Augen eine der faszinierendsten Angelegenheiten die es zu entdecken gilt und entsprechend gespannt war ich auf das neue Buch des Linguisten Guy Deutscher. Zu Recht! Das Buch ist hervorragend geschrieben und gewährt interessante Einblicke in die Sprach- und Kulturwissenschaft.

Zum Inhalt:
Die Vorstellung, dass die Grenzen unserer Sprache auch die Grenzen unseres Denkens wären, ist immer noch ziemlich populär. Edward Sapir und sein Schüler Benjamin Lee Whorf - v.a. bekannt durch die heute umstrittene Sapir-Whorf-Hypothese von der sprachlichen Relativität - haben dafür gesorgt, dass immer noch vielfach davon ausgegangen wird, dass unsere Sprache eine Art "Gefängnis" ist. Warum dies nicht so ist, aber welchen (recht geringen) Einfluss die Sprache nichtsdestotrotz auf unser Denken hat, zeigt Deutscher hier anhand von drei Beispielen: Farbe, Raum und Genus.
Was bedeutet das nun genau? Deutscher räumt mit falschen Vorstellungen von Natürlichkeit im Zusammenhang mit Sprache auf. Hinter den meisten uns "natürlich" erscheinenden Dingen stecken nämlich kulturelle Konventionen. Das Beispiel Farbe ist verblüffend. Anhand von antiken Texten (v.a. von Homer) zeigt der Autor auf, welche für unser heutiges Verständnis seltsame Farbwahrnehmung die antiken Griechen gehabt haben müssen. "Veilchenfarbene Schafe"? "Weinfarbenes Meer"? War Homer etwa farbenblind?! Warum kommt keine Schilderung des unendlich blauen Himmels bei ihm vor? Und warum kennen heute viele Sprachen noch keine Unterscheidung von blau und grün? Steckt dahinter ein anatomisches Defizit? Diese Frage wird hier eindeutig mit "nein!" beantwortet. Dahinter stecken kulturelle Konventionen - und die sind ganz schön mächtig.
Der zweite ausführlich behandelte Aspekt kreist um die Raumwahrnehmung. Hier berichtet Deutscher von einer Aborigene-Sprache, dem Guugu Yimithirr, das uns übrigens via Cook auch das Wörtchen "Känguru" geschenkt hat. Die wenigen verbliebenen Sprecher dieser Sprache orientieren sich nämlich nicht wie wir im Raum - also nach dem Prinzip egozentrischer Koordinaten (vorne, rechts, links, hinten etc.), sondern anhand der vier Himmelsrichtungen, also geographischer Koordinaten. Während unser Koordinatensystem immer mitwandert (wir sind ja das Zentrum), bleiben die vier Himmelsrichtungen immer gleich, was für uns zu völlig absurden Raumbeschreibungen führt. Statt "dreh mal den Herd ab" sagt ein Sprecher des Guugu Yimithirr z.B. "drehe den Knopf ostwärts" u.ä. - immer davon abhängig wo man gerade steht. Sowohl im Großen als auch im Kleinen wird ausschließlich das Raster der Himmelsrichtungen verwendet ("pass auf, nördlich von deinem Fuß ist eine Ameise!" statt "Vorsicht! Vor deinem Fuß ist eine Ameise!"). Auch in anderen Sprachen (z.B. in Mexico oder auf Bali) existieren ähnliche Systeme, die sich an den Himmelrichtungen oder an Bergen und dem Meer orientieren.
Und schließlich geht es noch um das grammatische Geschlecht, die Genera. Das Deutsche verfügt ja über die Unterscheidung in männlich, weiblich, sächlich. Im Tschechischen unterscheidet man bei der männlichen Kategorie schon zwischen belebt und unbelebt. Nichts gegen Sprachen, in denen es z.B. ein Gemüse-Genus gibt, dem u.a. auch das Wort "erriplan"- Flugzeug angehört. Oder verschieden große Objekte in unterschiedliche Genus-Klassen eingeordnet werden. Aber was bringt diese Unterscheidung mit sich? Vor allem Assoziationen spielen hier eine wichtige Rolle. Deutscher erklärt, was man in verschiedenen Experimenten herausgefunden hat.

Der Autor hat eine Begabung dafür, Wissen unterhaltsam und mit Hilfe unglaublich anschaulicher (und oft auch witziger) Vergleiche zu vermitteln. Wenn ich in Büchern interessante und/oder unterhaltsam vermittelte Passagen finde, lese ich diese gerne meinem Mann vor - "Im Spiegel der Sprache" habe ich im fast vollständig vorgelesen :)
Man erfährt eine Menge über verschiedene Sprachen - z.B. über das ausgeklügelte und für uns entsetzlich kompliziert klingende System der Matses, einem nur noch 2500 Menschen umfassenden Stamm im tropischen Regenwald am Javari (einem Nebenfluss des Amazonas). Die Matses verfügen über das wohl ausgeklügeltste Evidentialitätssystem, das wir kennen. Rechtsanwälte hätten ihre reine Freude daran, denn hier muss bei jeder Aussage, die man trifft, auch immer eine Information über die Quelle vermittelt werden. Man muss also immer unterscheiden, ob man etwas aus eigener Erfahrung sagt, ob man es aus konkreten Anzeichen erschließt, ob man etwas mutmaßt oder ob man etwas allein vom Hörensagen weiß. Vergisst man diese Kategorisierung, gilt das Ausgesagte als Lüge.
Das Buch steckt voller solcher spannender Geschichten, die uns die Augen öffenen über die Rolle der Kultur im Bezug auf die Sprache. Sehr viel mehr möchte ich aber auch noch nicht verraten :) Schließlich ist es immer wieder schön, verblüffendes und überraschendes Neues zu erfahren! Und davon gibt es hier mehr als genug.

Fazit: "In allen Sprachen stecken andere Augen" hat Herta Müller einmal gesagt. Guy Deutscher beschreibt hier auf unterhaltsame und gut verständliche Weise, woran das liegt. Das Buch gehört zu den besten Sachbüchern, die ich dieses Jahr gelesen habe und ich kann es rundum empfehlen!
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