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Kundenrezension

am 2. August 2013
John Ford inszenierte diesen grandiosen Western-Klassiker 1946 nach einer Erzählung von Sam Hellman und lose angelehnt an die Wyatt Earp-Biografie von Stuart N. Lake.

Ford geht hier absichtlich sehr, sehr frei mit der Historie um. Er verlegt die Stadt Tombstone von Arizona in sein geliebtes Monument Valley, nimmt signifikante Änderungen an Handlungsabläufen und Figuren vor. Wyatt Earp etwa wird wie seine Brüder als einfacher, hart arbeitender Mann vorgestellt, und ist damit ein echter John Ford-Held. Dem Regisseur geht es weder um eine dokumentarisch akkurate Rekonstruktion der Ereignisse, noch um eine bis ins letzte Detail korrekte Biografie der Charaktere. Vielmehr erzählt er vor dem Hintergrund der in den Wilden Westen Einzug haltenden Zivilisation eine klassische Geschichte der Konfrontation von Gut und Böse.

Man könnte, da Filme bekanntlich auch immer Kinder ihrer Zeit sind, durchaus so weit gehen, diesen Western als Allegorie auf den erfolgreichen Kampf der Freiheit gegen den Faschismus zu interpretieren. Der Zweite Weltkrieg war ein Jahr zuvor mit dem Sieg der Alliierten und der völligen Kapitulation der Nazis zu Ende gegangen. John Ford, der den USA als Admiral gedient hatte, stand sicher noch unter dem Eindruck des Erlebten, als er nach Hollywood zurückkehrte. Auch Hauptdarsteller Henry Fonda hatte Kriegsdienst geleistet. "My Darling Clementine" war seine erste Arbeit nach seiner Rückkehr in die Heimat.

John Fords grandiose Bildkompositionen zeigen wie so oft eine sehr persönliche Geschichte. Er lässt seine Figuren im Vordergrund agieren, während dahinter der Fluss der Geschichte unaufhaltsam seinen Weg nimmt. Die Pioniere siedeln sich an und sorgen nach und nach für die Anbindung der so isoliert liegenden Stadt an eine dem Fortschritt aufgeschlossene Welt. Henry Fonda hatte in "Trommeln am Mohawk" (Drums Along The Mohawk, 1939) unter Fords Regie selbst einen heldenhaften amerikanischen Pionier gespielt.

Ford fängt die Szenerie genial ein. Er bedient sich beim Einsatz der Kamera einer bemerkenswerten Tiefenschärfe, sowohl bei Außenaufnahmen als auch in Innenräumen. Staub, Licht, Nebel, Regen, Rauch oder im Wind schwingende Lampen gehören zu den zusätzlichen visuellen Finessen, die einen Schauplatz mit Leben füllen.

Wyatt Earp (Henry Fonda), ehemaliger Marshall von Dodge City, treibt mit seinen drei Brüdern Rinder in Richtung Kalifornien, als sie nahe der Stadt Tombstone auf den Rancher Clanton (Walter Brennan) und seinen ältesten Sohn Ike (Grant Withers) treffen. Das Angebot, die Rinder sofort zu kaufen, lehnt Wyatt ab.

Schon in dieser Exposition beginnt Ford visuell mit der Gestaltung des späteren Konfliktes. Er kombiniert weitläufige Landschaftsaufnahmen mit den beteiligten Charakteren und lässt durch die Perspektive der Kamera keinen Zweifel aufkommen, wer hier die Helden und wer die Schurken sind.

Ford inszeniert auch die späteren Begegnungen der Earps mit den Clantons in Tombstone, ohne dabei zu viele Worte zu verlieren. Er lässt, wo immer er kann, die Bilder für sich sprechen und erschafft so unvergessliche Momente. Die Earps wissen, mit wem sie es zu tun haben, doch noch fehlen für eine Anklage wegen Mordes und Viehdiebstahls die Beweise...

In Tombstone kehren Wyatt, Virgil (Tim Holt) und Morgan (Ward Bond) ein, während James (Don Garner) draußen in der Prärie zurückbleibt, um auf das Vieh aufzupassen. Als die drei nachts an den Lagerplatz zurückkehren, sind die Rinder verschwunden. James ist tot, außerdem fehlt sein wertvolles Medallion aus Silber. Ford gewinnt sogar einer solchen Szene noch etwas besonders Einprägsames ab. James Leiche liegt neben seinem Pferd. Sein Fuß hängt noch im Steigbügel. Die folgenden Momente stiller Trauer zeigen ebenfalls, wie genial John Ford es verstanden hat, Emotionen über die Kraft der Bilder zu transportieren. Er zeigt die drei noch lebenden Brüder im strömenden Regen mit dem Rücken zur Kamera. Die Gesichter sieht man nicht.

Zuvor hatte Ford beim letzten Zusammensein am Lagerfeuer noch einmal den Zusammenhalt der vier Brüder beschworen. Nun wurde ausgerechnet der Jüngste, der kurz vor seiner Hochzeit stand, ausgelöscht und die Familie damit eines Teils ihrer Zukunft beraubt. Das Motiv der Einwirkung einer Form von Gewalt auf eine intakte Familie und die Folgen davon findet sich in vielen großen Filmen John Fords. Beispiele sind seine berühmte John Steinbeck-Verfilmung "Früchte des Zorns" (The Grapes Of Wrath, 1940), für die er einen seiner vier Regie-Oscars erhielt, und sein Jahrhundert-Western "Der Schwarze Falke" (The Searchers, 1956).

In Tombstone übernimmt Wyatt den ihm bereits zuvor angebotenen vakanten Posten des Marshalls, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen zu können. Seine Brüder werden seine Assistenten.

Wie Henry Fonda auf der Veranda in seinem Stuhl sitzt mit seinen Stiefeln an einem Stützpfosten, gehört ohne Frage zu den berühmtesten Bildern in John Fords Gesamtwerk und im Western-Genre allgemein. Es zeigt den aufrechten, unbestechlichen, stets wachen und aufmerksamen Mann des Gesetzes, der alles im Griff hat. Wie sehr Fords Blick auf die Pionierzeit in späteren Western von immer tiefer werdendem Pessimismus gekennzeichnet sein wird, zeigt sich etwa an folgendem Beispiel: In "Zwei ritten zusammen" (Two Rode Together, 1961), fünfzehn Jahre später, stellt Ford die berühmte Veranda-Szene aus "My Darling Clementine" (1946) praktisch auf den Kopf, wenn er den korrupten Marshall Mc Cabe (James Stewart) gelangweilt gähnend in einer ähnlichen Pose zeigt. In seinem letzten Western "Cheyenne" (Cheyenne Autumn, 1964) wird Wyatt Earp schließlich auf eine Weise porträtiert, die nichts mehr mit Henry Fondas Darstellung gemein hat. James Stewart spielt ihn darin als abgebrühten, gleichgültigen Zyniker.

Als Marshall von Tombstone sorgt Wyatt für Ordnung und erwirbt sich schnell den Respekt der Bevölkerung. Er und seine Brüder stellen sich in den Dienst der Gemeinschaft. Ihr Handeln ist in erster Linie sozial motiviert und erst in zweiter Instanz geht es um Vergeltung für den ermordeten James, ein exemplarisches Verhaltensmuster so vieler Ford-Protagonisten jener Jahre, anders als später etwa der von John Wayne verkörperte Ethan Edwards in "The Searchers" (1956), ein Rassist und Atheist, der von Hass und Rachedurst getrieben wird. Während Wyatt noch nach einem Weg sucht, gegen die Clantons vorzugehen, lernt er Doc Holiday (Victor Mature) kennen, einen berüchtigten Spieler mit der Reputation eines Killers, der mit der mexikanischen Barsängerin Chihuahua (Linda Darnell) zusammenlebt.

Das Verhältnis zwischen Wyatt Earp und Doc Holiday ist in "My Darling Clementine" deutlich reservierter und angespannter als in anderen Verfilmungen. Wirkliche Freunde fürs Leben werden die beiden nie. Schon ihre erste gemeinsame Szene legt diese Stimmung fest. Als die beiden zusammen trinken, besteht Holiday auf Champagner, während Wyatt eigentlich Whisky bevorzugt. Holiday ist aufgrund seiner persönlichen Situation ein Außenseiter. Personen, die aus den verschiedensten Gründen an den Rand einer Gesellschaft gedrängt werden, nehmen in Fords Filmen immer wieder eine signifikante Stellung ein. Holiday ähnelt ein wenig der Figur des Hatfield aus Fords "Stagecoach" (1939), und kann in seiner inneren Zerrissenheit auch durchaus als eine Vorstufe zu Ethan Edwards in "The Searchers" (1956) angesehen werden.

Eines Tages trifft Clementine Carter (Cathy Downs) in Tombstone ein. Sie ist auf der Suche nach Doc Holiday, den sie überreden will, zu ihr zurückzukehren. Clementine wird später in Tombstone bleiben und dort als Lehrerin wirken. Dieser Frauen-Typus, der repräsentativ für die enorme Wichtigkeit der Erziehung und Bildung in einer noch im Entstehen begriffenen Gemeinde steht, ist klassisch im Kosmos John Fords. Variationen solcher Charaktere finden sich nicht nur in seinen Western, sondern auch in anderen, meist besonders persönlichen Werken wie "Wem die Sonne lacht" (The Sun Shines Bright, 1953).

Wie praktisch alle großen Filme John Fords behandelt auch dieser ein Schlüsselereignis in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. Ford selbst war sein Leben lang ein begeisterter Leser und liebte vor allem Werke, die sich mit amerikanischer Geschichte auseinandersetzten, was nachvollziehbar macht, warum ihn solche Themen auch in seiner Karriere als Filmemacher bis zuletzt nicht losgelassen haben.

Ford wurde in den 1890er Jahren geboren. Er hat sicher in jungen Jahren einige Menschen gekannt, die bereits zu der Zeit gelebt haben, in der seine großen Western spielen. Möglicherweise sind ihm durch diese Personen bereits Geschichten über den amerikanischen Westen zu Ohren gekommen, auch solche, die den großen Mythen jener Epoche und nicht gerade der absoluten Wahrheit verpflichtet waren, und die seine filmische Vision des Old West entsprechend beeinflusst haben, vor allem in seinen frühesten Western der Stummfilm-Zeit, sowie der 30er und 40er Jahre. In seinen Filmen der 50er und 60er Jahre wird John Ford einen viel dunkleren, pessimistischeren Ton anschlagen. Dem echten Wyatt Earp soll er übrigens noch persönlich begegnet sein.

"My Darling Clementine", sein erster Western seit "Stagecoach"(1939), gehört zu John Fords poetischsten Filmen. Er hat keinen besonders stringent aufgebauten Plot, aber das ist nicht das Entscheidende: Was dieses Werk so besonders macht, sind die archetypischen Szenen, mit denen der Geist einer Ära eingefangen und gleichzeitig der Konflikt zwischen den Earps und den Clantons geschildert wird. Für John Ford lagen die Wurzeln der amerikanischen Demokratie genau in jenem Zusammentreffen von Wildnis und Zivilisation, wie es in diesem Film gezeigt wird. Recht und Gesetz halten in Person Wyatt Earps und seiner Brüder Einzug in einen zuvor weitgehend rechtsfreien Raum. Die Clantons, die Gewalt und Anarchie repräsentieren, werden letztlich erfolgreich bekämpft. Der Weg dorthin fordert jedoch weitere Opfer, ein Thema, das man im John Fords Werken immer wieder vorfindet.

Mit dem Thema der von strahlenden Heldenmythen umwehten Geburt einer Nation wird sich John Ford auch in späteren Jahren filmisch auseinandersetzen. Besonders ambivalent behandelt er die Kernthemen aus "My Darling Clementine" in seinem grandiosen Alterswerk "Der Mann, der Liberty Valance erschoss" (The Man, Who Shot Liberty Valance, 1962).

Der Showdown am O.K. Corall im Oktober 1881 ist ohne Zweifel die berühmteste Schießerei in der Geschichte des Wilden Westens. Legenden stilisierten sie oft zu einem Ereignis epischen Ausmaßes, in Wirklichkeit dauerte dieser Schusswechsel aber nur etwa 30 Sekunden. Zumindest was die Länge der Schießerei angeht, bleibt Ford den Fakten halbwegs treu.

Henry Fonda, der unter Fords Regie neben "Trommeln am Mohawk" bereits unvergessliche Auftritte als Abraham Lincoln in "Der junge Mr. Lincoln" (Young Mr. Lincoln, 1939) und natürlich als Tom Joad in "Früchte des Zorns" (The Grapes Of Wrath, 1940) geboten hatte, festigte mit seiner Darstellung des Wyatt Earp seinen Status als Superstar und lebende amerikanische Ikone. Fonda spielt Wyatt Earp mit der für ihn typischen stillen Autorität. Seine große Stärke als Schauspieler lag eben in dieser ruhigen Art. Selbst wenn er kaum eine Miene verzieht, weiß man in jedem Moment genau, was gerade in der Figur vorgeht. Seine Autorität äußert sich von innen heraus, so dass man gar nicht merkt, dass er schauspielert.

Im Umgang mit der holden Weiblichkeit wirkt dieser Wyatt Earp geradezu rührend schüchtern, zumindest wenn es um jemanden wie Clementine Carter geht, in die er sich offensichtlich verliebt hat. Für eine solche echte Lady erhebt er sich aus seinem Lehnstuhl und bringt ihr das Gepäck aufs Zimmer, was er bei Chihuahua nie getan hätte. Jemandem wie der heißblütigen Mexikanerin, die er bereits einmal beim Pokern als Betrügerin ertappt hat, spendiert er lieber eine Abkühlung im Wassertrog.

Während er nach einem Besuch beim Frisör- eine der komischsten Szenen, die John Ford je gedreht hat- beim gemeinsamen Tanzen und Feiern vor dem Gerüst der Kirche mit Clementine herrlich unbeholfen über das Parkett fegt, vollführt er nach einer Schimpftirade von Chihuahua seelenruhig im Stuhl balancierend eine kleine Tanz-Choreographie mit den Füßen. Auch das sind typische Ford-Momente, die zeigen, wie humorvoll er bei allem Ernst sein konnte. Tanz-und Gesangseinlagen sind natürlich auch ein Markenzeichen John Fords. Der Meister zelebriert das Leben, insbesondere das Leben in einer Gemeinschaft, als Abfolge von Ritualen.

Den Platz der im Gesamtwerk des gläubigen Katholiken John Ford so oft wiederkehrenden Figur des Predigers nimmt diesmal der Diakon von Tombstone (Russell Simpson) ein. Russell Simpson hatte unter anderem unter Fords Regie den Vater in "Früchte des Zorns" gespielt und Jane Darwell, damals die unverwüstliche Mutter, tritt diesmal in einer kleinen Rolle als Chefin des Bordells auf. John Ford liebte es, eine Vielzahl ihm vertrauter und lieb gewonnener Darsteller über viele Jahre hinweg immer wieder in seinen Filmen einzusetzen.

Die beiden als Antagonistinnen aufgebauten weiblichen Figuren und ihr Streit um die Gunst des todkranken Doc Holiday sind für Ford nur bedingt interessant. Die Entwicklung dieses Handlungsstranges dient eher dazu, die männlichen Protagonisten, allen voran Doc Holiday selbst, ihrem unvermeidlichen Schicksal zuzuführen.

Als Holiday später die von Billy Clanton (John Ireland) angeschossene Chihuahua, in deren Besitz sich das verschwundene silberne Medallion befand, in einem Hinterzimmer des Saloons notoperieren muss, hört man, wie sich nebenan eine Gruppe von Cowboys prächtig amüsiert. Auch das ist typisch für John Ford. Tod und Leben liegen wieder einmal ganz nahe beieinander.

Victor Mature überzeugt als Doc Holiday, auch wenn er für einen Mann, der an Lungentuberkulose leidet, eindeutig nicht krank genug aussieht. Holidays Selbsthass, den er mit Alkohol zu betäuben pflegt und seine Todessehnsucht vermittelt er trotzdem sehr gut, letzteres vor allem in der Szene mit dem ins Straucheln geratenen Schauspieler Thorndyke (Alan Mowbray), dessen Hamlet-Monolog er zu Ende spricht. Solche Szenen dienen einzig und allein der Charakterisierung von Figuren. Holiday spricht in dem Monolog über sich selbst, und Wyatt weiß das.

Die Clantons sind ebenfalls anwesend und erweisen sich als verrohte Tölpel, die für solcherlei Kultur nichts übrig haben. Der alte Clanton und Wyatt Earp bilden die beiden Antipoden des American Frontier. Hier der edle Viehtreiber, der nur zur Waffe greift, wenn er keine andere Wahl hat, nur in Notwehr tötet und sogar seinem größten Feind vor einem Duell noch die Chance gibt, sich freiwillig zu stellen, dort das personifizierte Böse, ein Mann, der seine eigenen Söhne wie Vieh behandelt und der seine Philosophie nach einigen deftigen Peitschenhieben in nur einem einzigen Satz zusammenfasst: "When you pull a gun, kill a man!"

In Kontrast zur Gewalttätigkeit des alten Clanton und seiner Söhne steht natürlich auch der wohl schönste Dialog des Filmes zwischen dem sanften Wyatt und dem Barkeeper: "Mac, have you ever been in love?" "No, I have been a bartender all my life."

Diese Special Edition bietet auf der ersten Disc die Kinofassung mit einem hervorragenden Audio-Kommentar von Ford-Biograf Scott Eyman und Wyatt Earp III. Der Kommentar geht unter anderem ausführlich auf John Fords Stil der Inszenierung ein und untersucht, inwiefern sich der Film an die wahren Ereignisse und Persönlichkeiten hält oder sich von der Historie entfernt, und warum Ford und Drehbuchautor Winston Miller dies getan haben.

Das Bild liegt im Format 4:3 Vollbild vor und ist sehr gut restauriert. Der Ton liegt auf Deutsch und Englisch vor und klingt im Original sauberer. Dazu gibt es entsprechende Untertitel. Der Audio-Kommentar ist deutsch untertitelt.

Von der deutschen Synchronisation möchte ich allerdings abraten, da sie die Original-Dialoge oft verfälscht wiedergibt und deren eigentlichen Sinn entstellt, zum Beispiel bei dem schon genannten berühmten Ausspruch des alten Clanton. Außerdem passen die deutschen Stimmen zum Teil nicht zu den Schauspielern, vor allem Henry Fondas Sprecher ist eine glatte Fehlbesetzung.

Die zweite Disc enthält die längere Preview-Fassung in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln. In einer Dokumentation erläutert Restaurator Robert Gitt die Unterschiede zwischen dieser Preview-Version, die viel alternatives Material aus John Fords Rohschnitt enthält, und der finalen Kinofassung. Hier, ebenso wie im Audio-Kommentar auf Disc 1, erläutern die Experten anschaulich, welche Änderungen und Kürzungen Studio-Boss Darryl F. Zanuck im Vergleich zu der Fassung vornahm, die John Ford ihm zuerst vorgelegt hatte und warum er sich entschied, den endgültigen Schnitt zu übernehmen.

Fords bevorzugte Endfassung wäre, legt man die Preview-Version zugrunde, wahrscheinlich deutlich länger ausgefallen als die Kinofassung und hätte weniger Musik enthalten. Ein paar Szenen und Einstellungen in der endgültigen Kinofassung wurden sogar erst später von Lloyd Bacon nachgedreht, etwa der Kuss auf die Wange in der Abschiedsszene am Ende.

Auch Wyatt Earps Monolog am Grab seines Bruders James, eigentlich eine für Ford typische Szene, stammt nicht von ihm. Lloyd Bacon hat hier lediglich den Stil John Fords imitiert. Ford selbst hatte eine eigene Version dieser Szene gedreht, jedoch wurde diese von Studio-Boss Darryl F. Zanuck verworfen. Bei der Inschrift auf dem Grabstein ist zudem ein Fehler passiert. Die Lebensdaten sagen 1864-1882. Die Ereignisse in Tombstone fanden aber im Jahre 1881 statt.

An der Dokumentation über die Preview-Version bekommt man einen guten Einblick, wie das alte Studio-System Hollywoods oft funktioniert hat. Weder bei der Preview-Version noch bei der Endfassung von "My Darling Clementine", die 1946 in die Kinos kam, handelt es sich um einen klassischen Directors Cut, bei dem der Regisseur das letzte Wort gehabt hätte. Die Endfassung wurde vielmehr unter der Oberaufsicht des Studio-Chefs erstellt, der nicht selten sogar persönlich zur Schere gegriffen hat. Man muss bei der finalen Kinofassung daher von einem Producers Cut sprechen.

Man muss Darryl F. Zanuck allerdings zugute halten, dass er trotz aller Änderungen behutsam mit dem Material umging und somit sicherstellte, dass es sich immer noch um einen echten John Ford-Western handelt. Die Handschrift des Meisters ist von Anfang bis Ende unverkennbar. Der Film blieb insgesamt intakt.

Als weitere Extras gibt es Trailer und eine Bildergalerie und in der DVD-Hülle ein Inlay im Poster-Format, das wie die Seiten einer alten Zeitung gestaltet ist und weitere Informationen zu John Ford und dem Film bietet.

Eine wirklich sehr gelungene Edition mit ein paar kleinen Schönheitsfehlern in der Aufmachung. Die Erwähnung einer Übermacht von 300 Banditen auf der Rückseite des Covers ist natürlich Humbug. Zudem ist Doc Holiday in diesem Film ein Chirurg und kein Zahnarzt und Clementine Carter hat mit dem Kampf der Earps gegen die Clantons absolut nichts zu tun.

John Ford hat zweifellos viele tolle Western gedreht. "My Darling Clementine" (1946) ist für mich zusammen mit "The Searchers" (1956) und "The Man, Who Shot Liberty Valance". (1962) einer seiner drei besten. Einer der schönsten amerikanischen Western überhaupt, auch wenn er sich sehr viele Freiheiten gestattet und eindeutig auf romantische Weise einem Mythos huldigt.

Ein wunderbar stimmungsvoller Klassiker, der in jede gute Filmsammlung gehört und in dem Ford, wie es seiner damaligen Haltung entsprach, ein sehr optimistisches Bild jener Ära zeichnet. In dem vier Jahre später entstandenen, ebenfalls großartigen Western "Westlich St. Louis" (Wagon Master, 1950), der zahlreiche Parallelen zu "My Darling Clementine" aufweist, wird er dies erneut tun. Absolut unverzichtbar für jeden Western-Fan und für John Ford-Fans sowieso!
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