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Kundenrezension

am 9. April 2008
Pünktchen knickst die sauteuere Tapete der elterlichen Luxuswohnung an und bettelt um ein paar Pfennige. Papa Pogge ist irritiert-amüsiert, aber sein Töchterchen fährt auch gerne mal mit Dackel Piefke auf einem Tisch übers Meer und entdeckt Amerika. Also, das Kind hat halt Phantasie. Woher auch immer - denn der Papa ist ein Workaholic und die Mutter eine Vergnügungssüchtige mit dem reiche-Frauen-Hobby Migräne. Und das Kindermädchen Fräulein Andacht ist eine fade alte Jungfer ohne einen Hauch liebenswerter Seiten. Nur die dicke Berta, Köchin des Hauses, und Dackel Piefke bringen Glanz in den goldenen Käfig.
Und natürlich Freund Anton. Aber der kann nur heimlich genossen werden, denn diese Freundschaft resultiert aus einem Doppelleben: Das fade Kindermädchen Frl. Andacht finanziert sich einen kleinkriminellen Liebhaber mittels spätabendlicher Bettelaktionen. Da die reiche Herrschaft abends immer die Berliner Kultur genießt, kann hinter deren Rücken das Fräulein mit dem Kinde die Brücke an der Friedrichsstraße für getürkte Verkaufsaktivitäten "blinde Frau mit Kind" (Streichhölzer, aus der Küche geklaut) nutzen. - Gegenüber steht allabendlich Anton und verhökert Schnürsenkel. Im Gegensatz zu Pünktchen, die eher von Abenteuerlust und Freude an skurrilen Situationen getrieben wird, meint Anton es ernst: Seine Mutter ist schwer krank und kann nicht arbeiten. Also schmeißt er den Haushalt, kocht, rechnet und treibt die erforderliche Kohle für die tägliche Suppe und die Miete ein.

Pünktchen und Anton werden beste Freunde. Und Pünktchen wirtschaftet immer leidenschaftlicher in Antons Tasche, weil das Konzept "blinde Mutter - Kind" besser läuft als "armer Junge", und das von Pünktchen erbettelte Geld geht eh an den Lover Robert. Und den findet Pünktchen doof. Sie bewundert Anton, der kochen kann und wie ein Großer arbeitet, in einer ärmlichen Altbauwohnung lebt und die Mutter umsorgt. Da Anton in der Schule oft einschläft, sich aber lieber die Zunge abbisse, als dem Lehrer seine Not zu gestehen, holt sie ihm dann die Kastanien aus dem Feuer und weiht den Lehrer ein. Denn ein "blauer Brief" aus der Schule wäre fatal für Antons kranke Mama...

Unbewußt revanchiert sich Anton, indem er einen geplanten Einbruch des bösen Kindermädchen-Lovers in Pünktchens Wohnung spitz kriegt und verhindert. Denn Robert-dem-Teufel reichen die spärlichen Einnahmen seiner bettelnden Geliebten nicht wirklich, um treu zu bleiben.

Die Geschichte liest sich flüssig, unterhaltsam, humorvoll. Etwas fragwürdig erscheinen mir inzwischen die kursiv gedruckten, moralisierenden Zwischenkapitel, in denen Kästner den Lesern nochmal die Moral des vorangeganen Kapitels (und überhaupt) erklärt. Damit auch nix schief geht... Die Tochter von Wedekind trat in einer Bühnenfassung als "Herr Zeigefinger" auf - so wurde die Figur des Zwischentextes recht treffend benannt...

Eine latente Frauenverachtung des Autors für Damen, die nicht in der mütterlichen Rolle aufgehen (Pünktchens Mama und Frl.Andacht), ist nicht zu übersehen. Frau Pogge ist nur unsympathisch und oberflächlich. Der Gatte wird bedauert. Obwohl es zur Heirat und Kindeszeugung wohl gereicht hat. - Das Kindermädchen ist indiskutabel und wird in seiner Liebessehnsucht lächerlich gemacht.

Daß Anton den Geburtstag seiner Mutter vergißt, wird zwiespältig bearbeitet. Zwar bereut die Mutter ihren heftigen Groll, aber dennoch ist Anton allzusehr in der Verantwortung. Dem Kind wird hier zuviel zugemutet.

Und die Problemlösung ist sehr verhaftet in der Charles-Dickens-Romantik: Die Reichen sollen eben menschlich sein. Das ist Kästners ultimative Weltverbesserungsbotschaft, die kursiv gedruckt auch deutlich wird. Sein Beispiel des kleinen Jungen auf dem Weihnachtsmarkt, der schon fünf Pfefferkuchen-Pakete hat und wütend ruft: "Was gehen mich die armen Kinder an!", als er kein weiteres Paket kriegen soll, gibt mir zu denken. Kästner nimmt diesen Jungen voll in den Vorwurf: Statt dankbar zu sein bzw. drei Pakete an arme Kinder zu verschenken, brüllt er so rum... Dabei: Woher soll dieser im Reichtum aufgewachsene Junge seine Dankbarkeit nehmen, wenn er es nicht anders kennt und Zuwendung vermutlich im Überfluß an Pfefferkuchen besteht?
Und die Botschaft, immer an die Menschen zu denken, denen es materiell schlechter geht, und dann wird schon alles gut, ist allzu einfach.

Antons Mutter wird also Pünktchens neues Kindermädchen, und Anton bekommt so ein neues (=gutes) Heim. Damit wird verausgesetzt, daß das nun die Erfüllung dieser armen Frau ist. Bloß, weil der gute Vater ein Machtwort gesprochen hat und die oberflächliche Luxus-Mama von Pünktchen zu überrascht ist, um zu reagieren.

Damit wird alles doch sehr aufs Materielle bezogen. Und auf Verantwortung für Andere. Die dann dankbar und froh zu sein haben. Denn vor einer möglichen Entwicklung, daß die Anton-Mama sich als Kindermädchen im goldenen Käfig undankbarer Weise nicht wohl fühlen könnte, wird mal eben abgeblendtŽ. Die Reichen müßten eben geben, und die Armen sind dann glücklich... Das ist zu naiv.

Dennoch - ich mag das Buch nicht ablehnen. Ich habe es zu sehr geliebt.
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