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Kundenrezension

am 14. November 2012
Viele Radprofis der Ära, die jetzt durch die UCI gerne als die schwarze Ära vergessen gemacht werden möchte, haben sich als Autoren oder Geschichtenerzähler verdingt: Riis, Armstrong, Millar, Landis, Jan Ullrich. Über andere gefallene Stars ist von dritter Seite mehr oder weniger gelungen geschrieben worden: Marco Pantani, Ullrich (Klaus Blume/Des Radsports letzter Kaiser?), Kohl (Grenzwertig: Aus dem Leben eines Dopingdealers). Braucht es da jetzt eine weitere Beichte eines Fahrers, der wie viele seiner Kollegen zunächst beharrlich die Unwahrheit vertreten hat, um dann letzten Endes doch aufzufliegen? Eigentlich nicht, denn wenn man einiger Maßen bei Verstand ist, sollte man seine Zeit und sein Geld grundsätzlich nicht auch noch in Bücher von Akteuren dieser zweifelhaften Szene investieren.

Für den Radsportfan und Leser der anderen angesprochenen Werke ist Hamiltons Beichte allerdings insoweit von Bedeutung, als dass sie hilft, das wirre Geflecht der Darstellungen aus hoffnungslos naiv geschriebenen Fanbüchern,einseitiger Legendenbildung,dummdreisten münchausenesken Schwindeleien und weitgehender Enthaltung zu ordnen und das eigene Bild abzurunden.

Mit Daniel Coyle hat Hamilton ein kompetenten Co-Autor, der seinerzeit schon durch das objektive Buch Lance Armstrong's War angenehm aufgefallen ist, gefunden. Kompakt, schenll lesbar arbeitet Hamilton seine Doping-Karriere ab. Die Darstellung ist detailreich und konzentriert sich keineswegs darauf, mit Lance Armstrong abzurechnen. Annahmen sind als Annahmen gekennzeichnet und Coyle ergänzt viele Passagen mit interessanten oft querverweisenden Fußnoten, um bestimmte Einschätzungen jedenfalls mit weiteren Indizien abzurunden. Das führt an der einen oder anderen Stelle auch dazu, dass Coyle sich in Widerspruch zu seinem Co-Autor setzt. Hamilton legt vor allem seine eigene Vorgehensweise beim systematischen Doping offen. Soweit auch immer wieder Einblicke in Verhaltensweisen und die Person Armstrongs gegeben werden, wird man auffallend viele Parallelen zu Coyles Wahrnehmungen in Lance Armstrong's War aber auch anderer Zeitzeugen wie Landis finden. Viele Anekdoten im Zusammenhang mit Armstrong - wie die Attacke auf einen aggressiven Autofahrer - mögen für sich betrachtet ungeheuerlich klingen, passen aber letztlich genau in das Bild, dass man von dem (ehemaligen) Tourrekordsieger in anderen Veröffentlichungen From Lance to Landis: Inside the American Doping Controversy at the Tour de France und über Armstrongs Selbstdarstellung in Presse und Bild über die Jahre gewinnen durfte. Interessant sind insbesondere die Ausführungen zu den Vertuschungstaktiken und die Darstellung, wie sich die Doping-Gewohnheiten über die Jahre von team- zum fahrergesteuerten EPO-Konsum, von Dosierungen bis zum Grenzwert zu schnellabbaubaren Mikrodosierungen und dem Übergang zu CERA und Eigenbluttransfusionen verändert und vor allem dem Vorgehen der Fahnder angepaßt haben. Hamilton bestätigt die Überzeugung vieler, dass die Dopingfahndung letztlich immer im Hintertreffen ist.

Konnte man aufgrund des Rückzugs Armstrongs vor wenigen Wochen noch vermuten, dass das Buch die einzige Gelegenheit bleiben könnte, etwas mehr über die Einzelheiten zu erfahren, die Gegenstand des USADA-Verfahrens waren, hat sich das sich diese Informationsexklusivität des Buches seitdem erheblich relativiert, da die USADA die Überlassung ihrer Untersuchungsergebnisse an die UCI ja medienwirksam mit der Veröffentlichung der Zeugenaussagen im Internet kombinierte. Man hat also seit Erscheinen der englischen Ausgabe dieses Buches Gelegenheit gehabt, sich auch die zahlreichen anderen Aussagen von Zeitzeugen zu Gemüte zu führen. Das ändert aber nichts daran, dass Hamilton's Buch natürlich flüssiger zu lesen ist als seitenlange Vernehmungsprotokolle.

Man mag Hamilton unterstellen, er nutzt mit dem Buch seine letzte Möglichkeit, nach seiner gescheiterten Karriere noch ein paar schnelle Dollar zu machen. Vermutlich ist das auch eines der Motive für dieses Buch. Hielt er sich unmittelbar nach der Veröffentlichung in der Öffentlichkeit noch etwas zurück, hat er in den vergangenen Wochen vermehrt die Öffentlichkeit gesucht und kräftig - auch in Richtung Jens Voigt und Jan Ullrich - nachgelegt. Letzteres steht ihm zwar nicht mehr ganz so gut zu Gesicht, weil er - obwohl sehr viel, wenn nicht alles dafür spricht, dass er auch mit diesen Mutmaßungen richtig liegt - mit diesen Akteuren nie gemeinsam gefahren ist und anders als in der causa Armstrong keine Tatsachen vorbringt.

Richtig Schlimmes kann ich daran aber nicht erkennen. Ob Hamilton reich damit wird, entscheidet die Käuferschaft. Wenn das Buch prosperiert, dann wird Hamilton vermutlich zunächst einmal Löcher stopfen müssen, die seine aufwändige Verteidigungsstrategie gerissen hat. Außerdem zahlt Hamilton für einen entsprechenden Ertrag einen hohen Preis, läßt er doch die Trägerhosen weit runter und räumt mit sich selbst erfrischend schonungslos auf. Man mag Hamilton -schon in seiner aktiven Zeit kein lautsprecherischer Unsymphat - glauben, dass es ihm (auch) darum geht abzuschließen und für die Irreführung der interessierten Radsportöffentlichkeit genauso öffentlich über diese Publikation Abbitte zu leisten. Die Schilderungen sind glaubhaft und Hamilton sammelt Punkte in Bezug auf seine lädierte Glaubwürdigkeit. Da gibt es nur wenig Jammern und auch nicht den Versuch, vor allem andere oder das System allein verantwortlich zu machen.

Fazit: Eines der besseren Bücher des Genres und eines, das in seiner Art auch dem ein oder anderen Akteur seiner Zeit gut zu Gesicht gestanden hätte. Peter Winnen's Post aus Alpe d'Huez. Eine Radsportkarriere in Briefen und Paul Kimmage's Raubeine rasiert. Bekenntnisse eines Domestiken bleiben aber unerreicht und eine Nominierung für den William Hill Sports Book of the Year Award ist doch etwas hoch gegriffen
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