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Kundenrezension

TOP 500 REZENSENTam 21. Februar 2014
Erstaunlich ist es schon, beinah irritierend, dass ausgerechnet ein Musiker, der seit bald sechs Jahrzehnten Songs schreibt und Platten aufnimmt, die deutlichsten Worte zum aktuellen Zeitgeschehen findet, zu all dem galoppierenden Irrsinn der mittlerweile unser privates und gesellschaftliches Leben prägt, bedrängt und massiv beeinflusst; wenn auch oft nur schleichend und subtil. Jüngere und zum Teil sehr viel jüngere Musiker finden in den letzten Jahren anscheinend nur noch Worte über persönliche Befindlichkeiten - was an sich auch kein Qualitätsdefizit ist; Musik soll ja berühren und private Befindlichkeiten spiegeln, allein das >nur< ist das Problem - und kaum mehr den Mut oder die Kraft auch Kritisches in Töne zu kleiden; möglichen Widerspruch auch von Fans bereit auszuhalten; obwohl es doch gerade den Jüngeren ein Anliegen sein müsste ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen, auch musikalisch. Was, wenn nicht Musik, kann Menschen auch in großer Zahl für gesellschaftliche Schieflagen und Gefahren sensibilisieren? Ein Vortrag an der Volkshochschule? An speziell interessierte Leser adressierte Fachliteratur? Wohl kaum!

Es gibt vielfach die Meinung, dass Musik und Politik so gut zusammenpassen wie Kartoffelsalat und Schokoladenpudding; was auch stimmt, wenn man es falsch macht, wenn man Lieder zu herumfuchtelnden Zeigefingern geraten lässt, zu schwingenden roten Fahnen oder anfängt eine imperative Morallehre zu vertonen. Das kann dann nur so zerknirscht und besserwisserisch klingen, dass kein Ton mehr imstande ist daraus ein Lied zu machen, was man gern und freiwillig hören mag. Man kann es aber auch richtig machen! In dem man einfach Ängste artikuliert, unbequeme Fragen stellt, das was ist reflektiert und weiter in die Zukunft hinein spinnt, die Hörer zum selber denken animiert und nicht Handlungsanweisungen erteilt, Schlüsse nicht vorgibt, und vor allem dabei nicht völlig auf Humor, Ironie und Augenzwinkern verzichtet. Und dann klingt es! Und es wirkt auch! Eine Disziplin, die Udo Jürgens seit Jahrzehnten beherrscht, die schon seit den späten 1960er Jahren immer einen festen Platz auf seiner Alben hat, und die immer wesentlicher wird, ihm zunehmend Nährstoff beim Entstehen neuer Lieder gibt, je verrückter und überreizter unsere Welt wird.

Anno 2014 ist viel los auf der Welt und so war es fast vorhersehbar, dass Udo Jürgens die Themen aufgreift und in sein neues Album einfließen lässt. Und wie!
"Der gläserne Mensch" ist das erste (zumindest mir bekannte) Lied, was das ungeheuerliche Ausmaß der Spionageaktivitäten gegen unsere Zivilisation ganz konkret aufgreift und ungehalten Empörung, Befürchtungen und Protest musikalisch umsetzt. Nicht ganz, stimmt, denn bereits vor drei Jahren war es ebenfalls Udo Jürgens, der mit "Du bist durchschaut" das Problem des Verschwindens der Privatsphäre thematisch aufgriff. Damals allerdings eher humorvoll, in bester "Ein ehrenwertes Haus" Tradition, eben mit dem Kunstgriff Gesellschaftskritik mit einem Augenzwinkern zu servieren, und damals ging es auch mehr um die freiwillige Selbstentblößung. "Der gläserne Mensch" ist textlich und musikalisch deutlich zorniger und das Augenzwinkern wird bestenfalls noch angedeutet, im Kern aber ist das Lied bitterernst. "Zur Sicherheit - Lauschangriff. Wir werden voll überwacht. BND - NSA, wir alle stehen unter Generalverdacht... Der gläserne Mensch, gefangen im Netz, gegen jedes Recht und Gesetz!" ist nur ein Ausriss des Textes, dazu braust die Komposition auf wie ein Hochseesturm und im großen Orchester haben alle Musiker viel und schnell zu spielen. Ein absoluter Höhepunkt auf dem insgesamt außergewöhnlich starken Album.

Ein weiterer ist "Die riesengroße Gier", ebenfalls thematisch von sich in den letzten Jahren immer mehr zuspitzender Dringlichkeit. Musikalisch ähnlich kraftvoll und treibend wie "Der gläserne Mensch", geißelt Jürgens den hemmungslosen und völlig entmenschlichten Größenwahn, der ohne Netz und doppelten Boden bei kleinsten Fehlern einzelner selbsternannter Übermenschen ganze Nationen und deren Völker (zur Erinnerung, das sind Menschen!) unverschuldet in schwerste wirtschaftliche Bedrängnis bringen und sogar in den Ruin reißen kann, welch Irrsinn! "So viele Nullen unterwegs, dass auch der aller schlauste Schädel schwirrt..." lautet eine wunderbar doppeldeutige Zeile des Stückes. Besonders in den Magen fährt einem aber die Quintessenz des Liedes, die Udo Jürgens am Schluss in nur vier Zeilen zum ausklingenden Orchester mehr spricht als singt: "Nur ein Gedanke macht mich krank: Wär' diese Erde eine Bank, ich hätte glatt gewettet, sie wäre längst gerettet." Das sitzt. Das klingt nach.

Nun gibt Udo Jürgens auf seinem neuen Album nicht nur den "angry old man", bei weitem nicht. Auf "Mitten im Leben" vereint er alles wofür er seit Jahrzehnten steht und treibt es groß orchestriert zur Perfektion. Es ist der Traum eines jeden Musikers, dass ihm einmal das absolut perfekte Album glücken möge; ohne den kleinsten Makel, virtuos bis in den dezentesten Ton, bis in die letzte Silbe brillant. Nun, auch ohne rosa Fanbrille kann man Udo Jürgens quittieren, dass er (bis auf sehr wenige Ausnahmen) mit kaum einer seiner vielen Produktionen bisher allzu weit daneben lag, aber so nah dran, wie mit diesem Album, war selbst er dem perfekten Album selten.

So wie der Zorn, die gebotene Entrüstung und berechtigte Sorge in aufbäumenden Liedern widerhallt, finden sich auf dem neuen Album auch Stücke, mit einer sagenhaft poetischen Kraft und Substanz, textlich wie musikalisch. Schon das zweite Lied, nach dem dynamisch polemischen Auftakt mit "Der Mann ist das Problem", zeigt Jürgens von eben dieser empfindsamen Seite. Nachdenklich, intensiv und poetisch wie selten: "Alles Illusion, alles Träume lediglich, doch du sollst einfach wissen, was ich gerne wär für dich..." singt er zu einer traumverlorenen Piano-Komposition. Auch die vier Intermezzos, die jeweils nur etwa 40 Sekunden lang sich zwischen den zwölf Stücken des Albums wiederfinden, sind von derartig sanft bezwingender Kraft. Eindringlich und still, streut er "Dieser Tag/Unser Glück/Der Augenblick/Diese Lieder" betitelt ein paar Gedanken nur sich selbst am Klavier begleitend ein.

Auch das vereinen von Phantasie und Philosophie ist ein immerwährendes Markenzeichen von Jürgens, hier auf diesem Album mit "Wohin geht die Liebe, wenn sie geht?" mit beachtenswerten Gedanken vertreten. Im Text treten zur Liebe Strophe für Strophe Glück, Worte, Trauer und Hoffnung in angelehnter Fragestellung hinzu, und die Antworten kann man natürlich auch als pathetischen Quatsch abtun - wenn man aus Holz ist und nur das sachlich Faktische anerkennt! Man kann darin aber auch eine höhere Wahrheit erkennen, die oftmals eben doch Fakten schafft, auch wenn sie sich sachlich nicht erklären lassen.

Es gab schon einige Umfragen, nach denen Udo Jürgens (oder Menschen von seinem Schlage) gern als Kanzler oder Präsident gesehen wären. Nun, darüber sollten manche Politiker vielleicht mal angestrengt nachdenken und sich fragen, warum das so ist. Auf diesem neuen Album aber ist ein Lied, dass ihn meines Erachtens für ein noch höheres Amt qualifiziert: zum Papst! Hei, das wär ein Spaß! All die entrüsteten fehlerlosen Immerfrommen mit aus den Gleisen getragenen Gesichtszügen. Ausgerechnet Udo Jürgens! Ich meine schon. Mag sein, dass er "Alles aus Liebe" gar nicht als Gebet in Liedform gemeint hat, aber man kann es genau so hören. Lässig und mitreißend swingend zählt er Strophe um Strophe auf, was so menschelnd vorkommt, was unsere oft amüsante Artenvielfalt so alles hergibt. Und natürlich passt nicht immer alles allen. Aber solang nicht einer dem andern damit mutwillig auf die Füße steigt "Lass es alles aus Liebe geschehen". Ob man diese Bitte nun an den einen Schöpfer richtet oder aneinander, mir jedenfalls ist kein schöneres Gebet bekannt - eines was noch mehr swingt übrigens auch nicht.

Wenn das in der Duluxe-Ausgabe im Hardcover-Buch auch auffällig schön gestaltete und reich bebilderte Album mit "Zehn nach elf" still ausklingt; einem Lied, mit dem Jürgens die Leere, die sonderbar intensive Einsamkeit nach dem Konzert aus Sicht des Sängers für uns Konzertbesucher fühlbar macht; hat man eine ganz besondere knappe Stunde hinter sich.
"Mitten im Leben" ist Leben satt, in allen Facetten, mit weiten Themenbögen, musikalisch außerordentlich intensiv, eben mitten im Leben. Mitten leider nicht im Sinne von Halbzeit, dafür aber umso mehr mittendrin. Mittendrin in diesem wunderbar verrückten Leben, mit allem was elementar dazu gehört: Weinen, Lachen, Trauer, Freude, Angst, Hoffnung, Wut, Vertrauen - und Liebe!

Ach ja, und 80 wird er im September - man merkt es nicht.
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