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Kundenrezension

am 19. August 2000
Der Autor ist Professor für Neurobiologie an der Psychiatrischen Klinik der Univer-sität Göttingen. Zuvor hat er sich am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin mit Hirnentwicklungsstörungen und mit der langfristigen Modulation monoaminerger Systeme beschäftigt. Er ist unter anderem Mitglied der Gesellschaft für Biologische Psychiatrie, AGNP, ISTRY. Der Autor möchte mit seinem Buch dem Leser aufzei-gen, warum manche Menschen ihr Gehirn so benutzen, daß sie möglichst schnell vorankommen und was in ihrem Leben über die Richtung ihres Handelns entschei-det. Nach dem Vorwort gliedert sich das Buch in zehn Kapitel: Kapitel 1: Im ersten Kapitel stimmt der Autor den Leser auf die Thematik seines Buches ein. Er führt ihn auf einen Hügel und vergleicht die von dort oben zu erken-nenden Straßen, Wege und Pfade mit den Vernetzungen in unserem Gehirn. Sie sind vergleichbar mit den Verschaltungen zwischen den Nervenzellen, die Denken, Handeln und Fühlen bestimmen. Kapitel 2: Der Autor zeigt, daß ein und dasselbe "Ding", entweder aus großer Ent-fernung oder aus großer Nähe betrachtet, sehr verschieden aussieht. Daraus resul-tierte auch lange Zeit eine unterschiedliche Begriffswelt. Erst am Ende des 20. Jahrhunderts vollzieht sich eine Synthese zwischen geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Ansätzen. Es entstehen immer differenziertere Kenntnisse über die Beeinflußbarkeit biologischer Prozesse durch psychische Faktoren. Kapitel 3: In diesem Kapitel führt der Autor den Leser zurück zu den Anfängen des Denkens und Fühlens. Er erfährt, daß unsere Vorfahren ein ererbtes Programm in sich trugen, das ihre körperliche Gestalt, ihren Stoffwechsel und ihr Verhalten dik-tierte. Es wird die Bedeutung der natürlichen Variabilität und die Notwendigkeit von Selektion für die Entwicklung hervorgehoben. Der Autor zeigt auf, daß die Streßre-aktion ein großer Modellierer ist, der den Menschen befähigt, sich vielfältigen Ver-änderungen der Lebensumwelt anzupassen. Der Auslöser dieser Reaktion ist die Angst. Am Ende widmet G. Hüther sich der modernen Streßforschung, den Model-len von Lazarus, Mason, Ursin und Olff. Kapitel 4: Der Fokus des Lesers wird in diesem Kapitel auf die Auslöser der Streß-reaktion gerichtet und den damit einhergehenden physischen Reaktionen (wie Er-höhung der Herzfrequenz und beschleunigte Atmung). Gut erläutert werden auch die Mechanismen der neuroendokrinen Streßreaktionen und der beteiligten Kortex-areale. Der Leser lernt, zwischen unkontrollierbaren und kontrollierbaren Streßre-aktionen zu unterscheiden. Kapitel 5: Wie unkontrollierbare Streßreaktionen bewältigt werden, steht im Mittel-punkt des fünften Kapitels. Neuere tierexperimentelle Untersuchungen haben als eine Möglichkeit gezeigt, daß die Anwesenheit eines vertrauten Tieres (Freund des Menschen) hier von großer Bedeutung ist. Aber auch Gaube und Liebe helfen die größte Angst zu überwinden. Eine Schwierigkeit besteht allerdings darin, daß der Mensch sich gleichsam eine neue Angst einhandelt. Nämlich diesen Schlüssel der Angstbewältigung wieder zu verlieren. Kapitel 6: Die ersten Seiten dieses Kapitels erläutern mir die Funktionsweise des Gehirns und die Erregungsleitung der Nervenzellen. Anschließend erhalte ich aus-führliche und gut verständliche Informationen über kontrollierbare Belastungen und ihre Auswirkungen auf das Denken, Fühlen und Handeln. Kapitel 7: Der Leser erfährt was geschieht, wenn es zu unkontrollierbaren Bela-stungen kommt und welche physiologischen Auswirkungen damit verbunden sind (wie Schädigung des Immunsystems, Schlafstörungen und Potenzstörungen). Er erhält aber auch Kenntnis darüber, wie sich alles zum Guten wendet. Kapitel 8: Dieses Kapitel wird eingeleitet durch eine Zusammenfassung des bisher Gelesenen. Das sich daraus ergebende Fazit lautet: Unser Gehirn scheint ein sich selbst organisierendes System zu sein, das sich immer wieder neu an die jeweils vorgefundenen äußeren Bedingungen anpaßt. Das Kapitel endet mit der Aufforde-rung, ständig wachsam zu sein. Dies ist notwendig, um so früh wie möglich zu er-kennen, wenn sich die Bedingungen, unter denen wir leben, verändern. Kapitel 9: Der Autor schlägt eine Brücke zu seiner Ausgangsfrage: Was bestimmt unser Denken, Fühlen und Handeln? Er bezieht sich auf die Theorien von Sigmund Freud. Besonders hebt er die grundlegenden Erfahrungen hervor, die wir bereits im Mutterleib und später mit Eltern, Geschwistern, Großeltern und anderen Bezugs-personen machen. Sie alle hinterlassen Spuren, die später unser Verhalten be-stimmen. Der Autor macht zudem deutlich, daß wir die Angst brauchen, um unser Verhalten immer wieder zu überdenken und gegebenenfalls zu ändern. Unsere Welt ist nicht immer so, wie sie sein sollte, aber sie ist die einzige, die wir haben. Und nur wir können sie verändern. Kapitel 10: G. Hüther zeigt im letzten Kapitel Möglichkeiten des Umganges mit dem neu erworbenen Wissen auf. Er weist darauf hin, daß wir zunächst verstehen müssen, weshalb und wovor wir uns ängstigen, und erkennen müssen, was in die-sem Fall mit uns passiert. Erst dann können wir nach geeigneten Auswegen su-chen. Wir sind nicht wehrlos; wir können selbst aktiv sein. Dieses Buch habe ich mit sehr viel Freude gelesen. Der Autor hat eine sehr ange-nehme und einfühlsame Art, auch komplizierte Sachverhalte darzustellen. Beson-ders gefallen hat mir, daß der normale Text zwischendurch immer wieder unterbro-chen wird. Der Leser erhält so die Möglichkeit, sein Wissen und seine Fragen durch die neusten wissenschaftlichen Kenntnisse zu vertiefen. Zweitens erfreute ich mich an den jedem Kapitel voran gestellten Gedichten. Das Buch macht Mut, gewohnte Wege zu verlassen. Seine Angst als Chance zu verstehen und nach Verände-rungsmöglichkeiten zu suchen. Ein sehr unterhaltsames, empfehlenswertes Buch.
Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis: - Begegnung und Ausschau - Zugangswege - Entwicklungswege - Sackgassen - Auswege - Gebahnte Wege - Neue Wege - Der intelligente Weg - Spurensuche - Ausblick und Abschied
Agnes Schulte-Mattler
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