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Kundenrezension

"Dies ist eine Geschichte, die sich vortrefflich als Bettlektüre für eine Regennacht in einem alten Haus eignet." Mit diesen Worten eröffnet John Cheever seinen letzten Roman, der im Original 1982 erst kurz vor seinem Tod erschien. Nun, die Situation, während ich diese Zeilen las, hätte konträrer kaum sein können; es war hellichter Tag, die Sonne brannte bei schwülwarmen 33 Grad und ich saß aufrecht an einem Tisch im Schatten eines gewaltigen Baumes, der zuweilen den Eindruck erweckt, als wäre es nur seiner Freundlichkeit geschuldet, dass er mit seiner mächtigen Astkrone die ihn umstellenden Häuser, in deren Hofgarten er residiert, nicht einfach beiseite schiebt.
Ich ignorierte die Vortrefflichkeitsempfehlug des Autors und las, den denkbar größten Gegensatz der Situation beschmunzelnd, einfach weiter, um 120 begeisternde Seiten und etliche die Hitze einigermaßen erträglich machende Eistee später dann den letzten Satz auf der letzten Seite, John Cheevers nüchterne Beschwichtigung zu ein paar offenbleibenden Fragen, zu lesen: "...aber darum geht es hier nicht, und wie ich schon zu Beginn sagte, ist dies bloß eine Geschichte, die sich vortrefflich als Bettlektüre... usw."

Was ich beim ersten Satz noch nicht wissen konnte, beim letzten mir aber umso deutlicher schien: Cheever hat tiefgestapelt, sehr tief! "Ach, dieses Paradies" ist keine Einschlafhilfe-Literatur, keine leichte nur schon fast im Halbschlaf noch irgendwie ganz hübsch zu findende Schreibe. Im Gegenteil. Das Buch verdient die aufrechte Haltung des Lesers bei der Lektüre und wache Sinne, um all die Feinheiten, die vielen brillanten, meist subtilen Andeutungen zu bemerken, seinen lapidaren Schreibstil, der keine Szene übermäßig bis ins kleinste Detail auserzählt, sondern wortmalerisch mit denkbar knappen Schilderungen auskommt, zu bestaunen und sich daran zu erfreuen.

Dieser 2013 neu übersetzten Ausgabe von "Oh what a paradise it seems" - es erschien erstmals bereits 1984 in einer deutschen Übersetzung unter dem unsinnigen Titel "Kein schöner Land"; diese kenne ich zwar nicht, aber allein die Unsitte den Titel derart zu entstellen, erzeugt in mir unweigerlich Abwehr - steuerte kein geringerer als Peter Handke ein sechsseitiges Nachwort bei. An dieser Stelle gestatten Sie mir bitte einen kurzen Moment des intellektuellen Größenwahns, die Illusion des Höhenrauschs mit dem großen Handke auf einer Flughöhe zu sein. Denn auch Handke kommentiert Cheevers gleichwohl einleitenden wie abschließenden Satz, Zitat: "...meine Leseerfahrung dazu: >Regennacht<, ja, aber ebenso auch Tag oder Tage mit Sonne, Wolken, auch Wind und Wellen. Aber: Diese besondere Paradies-Story eine Bett-Lektüre? Nein, und abermals nein! Sie ist etwas zum Aufrechtsitzen und Aufrechtlesen..." Danke Handke! Ich steige jetzt auch wieder brav in die Niederungen kleiner Rezensions-Artikel-Schreiber hinab...

Cheever ersinnt keine großen Heldenfiguren als Protagonisten, in den Handlungen keine kolossalen Dramen. Er verharrt im amerikanischen Alltag und stattet seine Figuren mit allem Menschlichen aus, was wir in uns selbst und um uns herum auch erfahren. So schafft er scheinbar ohne Mühe eine vertraute Atmosphäre. Und weil dem Leser alles so vertraut scheint, ist es auch gar nicht nötig irgendwas über die Maßen detailliert mit Worten zu überschwemmen. Das gilt für mehr oder weniger normale Alltagsbefindlichkeiten - im Kern geht es im Buch um Menschen, die zwar bestrebt sind gutes vordergründig durchaus auch für andere zu tun, dabei allerdings kaum uneigennützig sind - wie auch für außergewöhnliche Momente. Wenn Gewalt aufkommt und einer sterben muß, dann stirbt er binnen zweier Zeilen, aus. Keine seitenlange Orgie der Eskalation, keinen zeilenlanges Beschreiben der Flugbahn des Projektils, kein endloses Ausmalen des Gesichtsausdrucks des Opfers beim letzten Atemzug und des Zuckens der Braue des Schützen beim Anvisieren. All das hat Cheevers Sprache nicht nötig, ohne dabei an Kraft zu verlieren. Er erspart dem Leser auch (wie leider in vielen Romanen zu finden) völlig deplatzierte Versuche irgendwie ein paar Seiten mit etwas unbeholfener, pseudoerotischer Sinnlichkeit zu füllen. Sex findet bei Cheever selten länger als eine Zeile lang statt. Wie ausführlich es wirklich gewesen sein könnte und ob in Anlehnung an gleich mehrere olympische Disziplinen, bleibt des Lesers Phantasie überlassen.

So knapp schreibt Cheever grundsätzlich und schafft es vielleicht gerade deshalb Welten entstehen zu lassen. Er konzentriert sich auf die Essenz, macht kluge Andeutungen, die den Leser in eine eindeutige Denkrichtung stoßen und überlässt es ihm, wie weit er dahin denken will, wie genau er sich die Szene ausmalt. Ein wunderbarer Stil. Auch hier läßt sich noch einmal Peter Handke bemühen, der im Nachwort genau diesen Eindruck der inhaltliche Fülle bestätigt. Er hatte das Buch vor Jahren bereits im englischen Original gelesen, und nun erneut, zum Verfassen seines Beitrags; und er erwähnt verwundert, dass ihm viele Begebenheiten des Buches als Seiten füllend in Erinnerung waren, die sich beim erneuten Lesen als nur wenige Zeilen umfassend präsentierten. Das liegt nicht an der Übersetzung, das ist Cheevers genialer Stil, das Original war auch nicht ausführlicher.

Wunderbarer Autor, wunderbares Buch! Schön, dass in den letzten Jahren etliche seiner Bücher in neuen Übersetzungen erschienen sind und so ein wertvoller Beitrag geleistet wurde John Cheever nicht zu vergessen oder überhaupt erst zu entdecken.
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