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Kundenrezension

25 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine mutige Auseinandersetzung zu einer hoch brisanten Frage, 28. Mai 2002
Rezension bezieht sich auf: Wozu Ethik?: Über Sinn und Unsinn moralischen Denkens und Handelns (Sondereinband)
.
Bei der Lektüre dieses Buches war ich anfangs etwas verwirrt, denn es beginnt nicht wie sonst mit einem hohen Loblied auf die Arbeit der akademischen Ethik und ihrer Vertreter. Das Gegenteil ist der Fall. Helmut Kaplan spricht von Wirkungslosigkeit, gewollter Unverständlichkeit, Überflüssigkeit, Alibifunktion und sogar von der Verlogenheit in unserer Moralphilosophie. Normalerweise hackt keine Krähe der anderen ein Auge aus; trotz aller Unterschiede der Konzepte in der Moralphilosophie herrscht Waffenstillstand unter den Damen und Herren Philosophen, einverständliches Schweigen im morschen Gebälk der akademischen Philosophie. Es ist Helmut Kaplan hoch anzurechnen, dass er mit dieser Tradition bricht, dass er das Schweigen und Tabuisieren nicht länger hinnehmen will.
Er macht mit diesem Buch offenkundig, dass die heutige Ethik in weiten Bereichen sinnlos und überflüssig ist, mit anderen Worten, dass sie versagt hat.
Also, wozu noch Ethik überhaupt?
Ich wollte das Buch schon resignierend bei Seite legen... und dann, gegen Ende des dritten Kapitels, das sich mit dem Thema Mitleid beschäftigt, durchschlägt Kaplan diesen gordischen Knoten und fordert uns eindringlich auf zum Philosophieren und Hinterfragen, weil unvoreingenommenes, rationales Nachdenken über das moralisch Richtige, also ethisches Denken, deshalb unerlässlich ist, weil es die einzige Möglichkeit darstellt, Widersprüche in unserem Denken und Handeln auszudecken. In den darauf folgenden Kapiteln - es war das Beste und Ehrlichste, was ich je zu diesem Thema gelesen habe - fordert uns Helmut Kaplan konsequent auf, ethisch zu denken, Vorurteile zu erkennen, Widersprüche aufzudecken und Entscheidungen zu treffen, die eine friedfertige und gerechte Lebensweise fördern.
Sein Plädoyer beginnt mit der Überschrift: "Wir müssen philosophieren."
Und die Philosophie ist Kaplan's Metier: Er spricht Themen an, über die sonst nicht so offen in unserem Kulturkreis gesprochen werden. ("Das Leben ist immer, auch im glücklichsten Falle, ein "Verlustgeschäft", seine Bilanz ist immer negativ. Das Leiden überwiegt immer das Glück. Jede Sekunde der Freude muss mit Stunden, Tagen und Wochen des Leidens erkauft werden.")
Er prangert die absurden Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft an, nennt die psychologischen Voraussetzungen, die absolut notwendig sind, um überhaupt ethisch zu denken, und fragt zum Schluss: "Warum sollen wir überhaupt moralisch handeln? Besteht tatsächlich eine realistische Chance, die Menschen nachhaltig zu bessern, sie zu moralischen Wesen zu machen?"
Sein ehrliches Fazit lautet: "Für eine Veränderung im großen, das heißt für die Abwendung des Weltuntergangs bedürfte es freilich nichts Geringeren als eines Wunders. Denn es spricht, wie gesagt, nichts dafür, dass wir uns nicht umbringen. In einer solch aussichtlosen Situation spricht allerdings auch nichts dagegen, auf ein Wunder zu hoffen."
Helmut Kaplan scheut sich letztendlich nicht zu fragen, ob es nicht vernünftiger wäre, dem Leben auf Erden, diesem permanenten, sinnlosen Leiden, ein Ende zu setzen. Mit der realistischen, wenn auch tragischen anthropofugalen Weltsicht von Ulrich Horstmann (Das Untier. Suhrkamp-Verlag Frankfurt, 1985) kommt Kaplan schließlich zu seinem Schlussplädoyer:
"Wenn wir Glücklichen uns für das Leben entscheiden, dann haben wir die verdammte Pflicht, den Unglücklichen beizustehen, wo immer wir nur können. Wer dieser absoluten Pflicht nicht mit größtem Ernst nachkommt, wer genießt, ohne zu helfen, den soll der Teufel holen und mit ewigem Leben bestrafen - als Tier, das Menschen ausgeliefert ist."
Ich habe die rund 70 Seiten dieses Buches mindestens zehnmal gelesen - vielleicht darum, weil sie meinen eigenen Gedanken zu diesem Thema so ähnlich sind. Als Leiter des Arbeitskreises Tierrechte & Ethik habe ich dieses Buch meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wärmstens empfohlen, und ich kann es jedem Menschen empfehlen, der sich ernsthaft mit der Frage des Sein-Sollens auseinandersetzt.
Stefan Bernhard Eck
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