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Kundenrezension

66 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Neuromythologie und Neuro-Wahrheit, 17. Januar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung (3., ... 2013) (X-Texte zu Kultur und Gesellschaft) (Taschenbuch)
Es ist ein beliebtes und manchmal auch amüsantes Hobby einiger Wissenschaftsjournale, in regelmäßigen Abständen die größten Menschheitsrätsel in Form einer „Hitliste“ zu veröffentlichen. Ganz oben in den Charts steht dann zumeist (zusammen mit der kosmologischen „Ur-Frage“ nach der Struktur des Universums) die noch weitgehend ungeklärte Beziehung zwischen Gehirn und Bewusstsein. Diese Beziehung heißt „Qualia-Problem“ und beschäftigt seit längerer Zeit Legionen von Philosophen, Psychologen und Medizinern (in neuerer Zeit auch Computerexperten und sogar Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler).

Der Autor Felix Hasler beginnt seinen Exkurs mit einem Streifzug durch das „neurozentrische Zeitalter“, und er beschreibt dabei unter anderem die Rolle der Medien, die ziemlich kritik- und ahnungslos jede vermeintlich neue Entdeckung aus dem Bereich der Neurologie zu Sensationsmeldungen aufbauschen. Dass hingegen in der Arena des wissenschaftlichen Disputs alles andere als eitel Sonnenschein herrscht, wird auf den folgenden Seiten klar. Gerade in den grundlegenden Fragen prallen die Meinungen hart aufeinander. Während manche etwas vorschnell das Bewusstseinsrätsel als gelöst betrachten, argumentiert die Gegenseite, dass die angepriesenen Lösungen den Kern der Sache verfehlen und dass es bis dato nicht mal gelungen ist, richtige Fragen zu formulieren (von Antworten ganz zu schweigen).

Natürlich ergreift Felix Hasler die Gelegenheit beim Schopf, ein Happening der besonderen Art zu schildern. Die Geschichte ist nicht ganz neu, verdient jedoch eine Erwähnung, da sie ein grundlegendes Problem beleuchtet: Vor einigen Jahren legten drei junge Psychologen einen ausgewachsenen Lachs in den MRT-Scanner und hielten ihm Fotos von Menschen in sozialer oder familiärer Interaktion vor die Kiemen. Pflichtschuldig zeichnete der Scanner die lachsspezifischen Gehirnaktivitäten auf, die bei der Auswertung als charakteristische rote Blasen im Tomogramm erschienen. Leider hatte das Experiment einen gravierenden Haken: Der Fisch befand sich im postmortalen Stadium, war also längst tot, und die vermeintlichen Aktivitätsmuster entpuppten sich als rechnerische Artefakte. Der „Lachs des Zweifels“ erlangte rasch Berühmtheit, doch die Fachwelt war darüber nicht sehr amused. Sie wies darauf hin, dass Scannerdaten, um falsche Signale auszuschließen, stets mit statistisch relevanten Methoden korrigiert werden. Soweit die Theorie. Inzwischen hat eine retrospektive Analyse jedoch gezeigt, dass dies in vielen Fällen eben nicht geschieht. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil beim Herausrechnen falscher „Blobs“ auch echte Signale spurlos verschwinden können.

Es würde hier zu weit führen, alle Tücken und Unwägbarkeiten aufzuführen, die sich bei der Vermessung des menschlichen Gehirns ergeben, wobei die mangelnde Reproduzierbarkeit nur ein Manko von vielen ist. Von manchen Forschern wird der Nutzen bildgebender Verfahren generell bezweifelt, da nach Ihrer Ansicht neuronale Korrelate des Bewusstseins nicht existieren. Nichtsdestotrotz widmen sich immer mehr wissenschaftliche Richtungen, die das Kürzel „Neuro“ im Titel führen, der Erforschung des menschlichen Zentralorgans. Ein Paradebeispiel, das in Haslers Buch ausführlich besprochen wird, trägt die Kapitelüberschrift „Neuro-Reduktionismus, Neuro-Manipulation und das Verkaufen von Krankheiten“. Es geht darin um die schlichte Tatsache, dass im klinischen Sektor die altbekannte Psychotherapie längst zur Neurotherapie mutiert ist. Frühe Versuche aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts trugen Bezeichnungen wie „Insulinschock“, „Elektrokrampftherapie“ und „Lobotomie“ und erinnerten in ihren Aus- und Nebenwirkungen lebhaft an eine Frankenstein-Geschichte. Inzwischen ist an die Stelle dieser Brachialanwendungen ein scheinbar sanfterer Umgang mit den Patienten getreten, nämlich die Verabreichung von Psychopharmaka. Der weltweite Markt für diese Mittel wird in Kürze das Volumen von einer Billion Dollar erreichen, und entsprechend ausgeprägt sind die Begehrlichkeiten, die dieses Wachstum weckt bzw. schon lange geweckt hat. An dieser Stelle sei nur kurz erwähnt, dass dieses Buchkapitel nicht nur ein langes, sondern auch ein sehr dunkles ist, mit allerlei zünftigen Zutaten wie Schweige- und Schmiergelder, größeren und kleineren Manipulationen, im Sande verlaufenen Gerichtsprozessen und falschen wissenschaftlichen Studien, die von „Ghostwritern“ der Pharmafirmen verfasst wurden.

Ein Eckpfeiler der gegenwärtigen Neuro-Konjunktur ist die völlig unbelegte, aber gleichwohl höchst aktuelle Annahme, dass der Mensch ein Bioautomat ohne freien Willen ist, der nach festgeschriebenen Programmschemata handelt, und dass dessen Ich und das damit verknüpfte Bewusstsein nichts anderes als Illusionen respektive Hilfskonstrukte des Gehirns darstellen. Weiter gedacht ergibt sich daraus die Konsequenz, dass nicht die Person für individuelle Verfehlungen zur Verantwortung gezogen werden kann, sondern bestenfalls das betreffende Gehirn. Nun kann man ein Gehirn schlecht separieren und bewachen, aber man könnte es – so die Vorstellung einiger Neuro-Forensiker und Gesundheitsbehörden – bereits im Vorfeld therapieren. Mit dem geeigneten Instrumentarium wäre es ein Leichtes, aggressiv-kriminelle Potenziale rechtzeitig zu scannen – möglichst in früher Jugend - und aus dieser „Vermessung des Bösen“ die optimale Medikation abzuleiten. Das Verfahren ließe sich auch bei einer vermuteten Drogensucht anwenden, da das Verlangen nach Rauschmitteln (einschließlich Alkohol) als Krankheit des Gehirns definiert wird. Wobei die Suche nach „pathologischen“ und „abnormen“ Gehirnen an diesem Punkt kaum aufhören und wohl direkt in eine schöne neue Neuro-Welt von Orwellschen Ausmaßen führen würde. Dieser von einigen Psychohygienikern gehegte Wunschtraum hat lediglich einen Schönheitsfehler: Die Fundamente, auf denen er ruht, erweisen sich als äußerst brüchig, wimmeln vor statistischen Fehlern und sind in keiner Weise empirisch gesichert. Nicht nur auf diesem Sektor hüllt sich die Neurobiologie in das gleiche Outfit, wie es in der Märchengeschichte „Des Kaisers neue Kleider“ beschrieben wird.

Felix Hasler hat ein wichtiges, informatives und rundum gelungenes Buch aus Sicht eines in der Neurobiologie bewanderten Insiders geschrieben. Der Autor schildert umfassend das Für und Wider verschiedener wissenschaftlicher Positionen, zeigt jedoch deutlich auf, wo seiner Meinung nach ein fehlender Datenfundus durch ideologische Inhalte ersetzt wird. Manches wird nur am Rande erwähnt, wie der komplexe Bereich veränderter Bewusstseinszustände, die Frage möglicher epigenetischer Einflüsse auf die Gehirnplastizität oder das weite Feld vererbter verhaltenspsychologischer Eigenschaften. Das ist indes leicht zu verschmerzen, da das Werk bewusst Schwerpunkte setzt. Es will kein trockenes Kompendium sein, sondern (wie bereits der Titel verheißt) eine ebenso aufrüttelnde wie fundierte Streitschrift gegen neurobiologische Allmachtsphantasien und allzu bequeme reduktionistische Sichtweisen.

Fazit: Haslers Buch ist ein ungemein faktenreicher und exzellenter Beleg dafür, welche Verwirrung (und das in jeder Hinsicht) eine knapp dreipfündige cerebrale Biomasse stiften kann.

Noch ein kleiner Tipp zum Abschluss: Wer mehr über philosophische, erkenntnistheoretische und physikalische Aspekte zu diesem Thema wissen möchte, ist bei „Brigitte Falkenburg – Mythos Determinismus. Wieviel erklärt uns die Hirnforschung?“ bestens aufgehoben.
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