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Kundenrezension

am 23. September 2010
Der Enddreißiger Duncan ist zugleich das Beste und Schlimmste, was der Musikindustrie passieren kann: Superfan. Er kennt jedes Detail, jedes Gerücht, jede Theorie und kann auf jedweder, illegaler Liveaufnahme die feinen Nuancen in der Stimmung seines Idols Tucker Crowe bestimmen. Man könnte sagen, er kennt Tucker Crowe besser, als dieser sich selbst. Noch schlimmer: In Zeiten der digitalen Meinungsverbreitung hat Duncan weitere "Crowologen" gefunden, mit denen er sich austauschen und fachsimpeln kann. Hauptleidende ist Annie, Tuckers Beinahe-Frau. Die beiden führen mehr oder weniger eine Zweckbeziehung, die allerdings trotz all der gesellschaftlichen Sicherheit ihren Reiz verloren hat. Sollte sie jemals welchen besessen haben. Nun, zumindest findet Annie das Crowe-Album "Juliet" erstaunlich.

Als die Plattenfirma auf die glorreiche Idee kommt, die ursprünglichen Demoaufnahmen unter dem Titel "Juliet, Naked" zu veröffentlichen (die Beatles lassen grüßen), wird die schon brüchige Verbindung Duncan-Annie schwer auf die Probe gestellt: Wie kann ein solches Meisterwerk (laut Duncan) denn so gar nicht bei Annie ankommen? Und wie erdreistet sie sich, in Duncans Webforum direkt nach seiner Lobeshymne einen derartigen Verriss zu schreiben? Ein Verriss, der vor allem einer Person äußerst gut gefällt: Tucker Crowe selbst, der sich daraufhin per E-Mail bei ihr bedankt und der Fanwelt seit über 20 Jahren Abstinenz sein erstes Lebenszeichen gibt.

Schon auf den ersten Seiten lässt Nick Hornby wieder sein unglaubliches Wissen über die Musikindustrie und die Fanwelt auf höchstironische Art und Weise spielen. Wenn er im legendären "High Fidelity" noch eine eindrucksvolle Einsicht in die Welt des Plattensammlers gegeben hat, versucht er nun in "Juliet, Naked" die Leute zur charakterisieren, die nicht nur massig Platten besitze, sondern vor allem von einer bestimmten Platte eine Menge. Man kann ja nie genug Variationen seiner Lieblingsscheibe haben. Ich gestehe, ich gehöre dazu: Die 120 Led Zeppelin Tonträger in meinem Schrank unterscheiden sich auch oft nur im Detail, aber hey, auf dieses Detail kommt es immerhin an. Und wenn ich bei "One Night in Paris" nicht sofort an einen Hobbyschmuddelstreifen mit der Hilton Tochter denke, sondern eher an ein äußerst gelungenen Zep-Mitschnitt aus dem französischen Radio Anno 1971, wer kann es mir verdenken?

Hornby nimmt also die ganze Welt der Superfans aufs Korn, nicht böse-bissig, sondern verständnisvoll und mit britischer Nonchalance auf eine Art "Das ist halt so". Dabei werden vor allem auch die Möglichkeiten, die es seit dem Einzug des Internets gibt nicht ausgelassen, und so mancher Onlinerezensent könnte sich vielleicht den einen oder anderen Gedankenstoß aus dem Roman holen. Von diversen Rezensionsportalen ganz zu schweigen.

Doch wie immer bei Nick Hornby bietet dieses Umfeld nur den Rahmen, um fein gezeichnete Charaktere und deren Alltagsschwierigkeiten und Beziehungsprobleme genauer zu beleuchten. Hat er bei "About a boy" und "High Fidelity" noch von den großen Jungs gesprochen, die ihre Mühe mit dem Erwachsenwerden hatten, zeigt er hier vor allem Leute, die im Erwachsensein allesamt gescheitert sind. Was bringen gesellschaftliche Formen und Pflichten, wenn man am Ende ohne Antrieb, Motivation und Liebe auskommen muss. Gerade Tucker Crowe ist nicht nur wunderbares Beispiel für dieses Los, sondern auch gleichzeitig Katalysator für die Erkenntnis bei Annie und Duncan zugleich, und das jeweils auf seine eigene Art.

Der aktuelle Hornby liefert alles, was ich von einem seiner Bücher erwarte: Pointierte und humorvolle Betrachtungen der Popkultur, auch als Zeitdokument, sowie tiefgehende Psychogramme der Allerweltspersonen, die mit ihrem Leben und ihren Beziehungen auf Kriegsfuß stehen. Zum Lachen und zum Lernen. "High Fidelity" hat mich in den letzten zehn Jahren begleitet, gut möglich, dass "Juliet, Naked" das in den kommenden zehn machen wird.
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