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Kundenrezension

am 11. November 2011
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen schloss im Jahr 2009 ihren gigantisch erfolgreichen Beethoven-Zyklus beim Beethovenfest in Bonn ab, wendete sich dann zwar nicht vollständig von Beethoven ab, lenkte den Fokus aber nach und nach eben auf Schumann. Ihr musikalischer Leiter Paavo Järvi ist kein dogmatischer Verfechter der historischen Aufführungspraxis, legt aber genau wie deren Vertreter größten Wert auf Genauigkeit beim Durcharbeiten der Partitur und beschäftigt sich ausführlich mit Fragen der richtigen Phrasierung und Akzentuierung. Energie und Motivation zur genauen Arbeit kommen dabei aber nicht nur vom Dirigenten, sondern in mindestens genau so starkem Maße von den Musikern der Kammerphilharmonie, wie Järvi in Interviews immer wieder betont.

Als eine wichtige Quelle für die richtigen Akzentuierungen nannte Järvi in Interviews wiederholt Gustav Mahlers Bearbeitungen von Schumanns Symphonien. Gleichwohl betont der estnisch-amerikanische Maestro, dass er sich Mahlers kritischem Verdikt über Schumanns Instrumentierungskünste nicht anschließe. Richtig verstanden und gespielt merke man, dass Schumann sehr wohl passend instrumentiert habe.

Zur Musik auf dieser CD:

Rheinische Symphonie:
Im ersten Satz der Rheinischen Symphonie gelingt es der Deutschen Kammerphilharmonie m.E. sehr gut, der Satzbezeichnung "Lebhaft" gerecht zu werden, ohne es mit dem Tempo zu übertreiben. Die Musiker phrasieren präzise und spielen als Ensemble sehr transparent, was dem Werk weitestgehend auch gut tut, wobei es Stellen gibt, an denen ich einen etwas undeutlicheren Tutti-Klang schlussendlich vorziehe und wo mir hier die Hörner eine Spur zu laut und zu deutlich sind (etwa ab 1:00). Verglichen mit Gardiner fällt mir hier der hellere Orchesterklang positiv auf. Ich weiß nicht, ob Gardiner gar mit der für die historische Aufführungspraxis typischeren tieferen Grundstimmung spielen ließ. Alte Instrumente setzte sein Orchestre Révolutionaire et Romantique auf jeden Fall ein. Die Bremer spielen vibratoarm und in kleiner Besetzung, aber auf neuen Instrumenten (inklusive Trompeten) und es klingt für mein Ohr hier passender.

Das Scherzo, mein Lieblingssatz dieser Symphonie, mit "sehr mäßig" als Tempoanweisung bezeichnet, fällt bei Järvi vielleicht eine ganz kleine Spur zu schnell aus. Etwas mehr Dynamik, womit ich hier tatsächlich Lautstärke meine wäre vielleicht auch angebracht gewesen, es ist doch eine Idee zu zurückhaltend gespielt, klingt aber insgesamt doch sehr gut.

Im 3. Satz ist es ja absolut entscheidend, dass man gute Klarinettisten hat, die auch gut mit dem Orchester harmonieren. Mit Matthew Hunt und Kilian Herold sind diese Positionen bei der Kammerphilharmonie ausgezeichnet besetzt, das Zusammenspiel gelingt, der Satz klingt flüssig, feinfühlig, formidabel.

Im 4. Satz gelingt ein adäquates Bläserklangbild und ein ebenfalls passendes Tempo. Die Spannung und das feierliche kommen gut rüber, detaillierter möchte ich mich nicht äußern, da ich diesen Satz bei keiner der 5 Aufnahmen, die ich besitze so richtig gut finde, weswegen ich das mal Schumann zuschreibe.

Das Finale reiht sich nahtlos in die übrige Interpretation ein. Schön gespielt, guter Klang, deutliche Phrasierung und gut hörbare Akzente, verglichen mit Gardiner aber doch eher samtpfötig (ist zunächst einmal nicht wertend gemeint).

Frühlings-Symphonie:
Der erste Satz der Frühlingssymphonie klingt auf dieser Aufnahme sehr feinfühlig. Järvi hat ein zügiges, aber nicht mal ansatzweise extremes Tempo gewählt. Die Trompetenstöße und -triller zum Beginn klingen relativ leise und zart. In einem Bericht über die Studioarbeit zu dieser Aufnahme war zu lesen, dass Paavo Järvi extra einen etwas größeren Abstand der Trompeter zum Mikrofon gewünscht habe. Wie immer besticht die Kammerphilharmonie durch hohe Transparenz, wobei man angesichts eines Gardiner sagen muss, da wäre sogar noch mehr gegangen. Die tiefen Bläser sind manchmal fast eine Spur zu leise. Insgesamt aber ein sehr schöner erster Satz: feinfühlig, temperamentvoll und überhaupt nicht effekthascherisch. Der zweite Satz fließt wunderbar und hat ein herrliches Klangbild auf dieser Aufnahme. Mit dem Scherzo verhält es sich ähnlich wie mit dem ersten Satz. Bei Gardiner habe ich es schon temperamentvoller und akzentuierter gehört, aber hier ist es, anders als beim ersten Satz, so, dass sich der etwas feinfühligere Umgang mit der Musik durch höheren Wohlklang und in diesem Fall auch bessere Transparenz auszeichnet - man hört eben beispielsweise das Fagott noch einmal besser als bei Gardiner. Für das Finale gilt schließlich ähnliches: in einem positiven Sinne unspektakulär, kein Detail eines Instrumentes verschluckend, nicht geschleppt, aber eher in einem moderaten Tempo gehalten.

So möchte ich auch insgesamt sagen, dass die Deutsche Kammerphilharmonie zwar einen exquisiten, aber nicht zwingend einen herausragenden Schumann eingespielt hat. Die Aufnahmen Gardiners sind spektakulärer und mitreißender, allerdings nicht in allen Sätzen wirklich schöner. Wie Sie das nun insgesamt einsortieren, bleibt natürlich Ihnen überlassen. Meiner Meinung nach bieten sich zwei Sichtweisen an: man kann erstens sagen, diese CD bietet nicht bedeutsam viel Neues. Auf der anderen Seite könnte man aber auch genau das loben: Järvi und das Orchester spielen einen konsequenten, ehrlichen, akribisch bearbeiteten Schumann im Kammerorchesterklangbild, ohne Show und Originalität um ihrer selbst Willen. Damit möchte ich umgekehrt nicht sagen, dass sie bei Beethoven auf Show gesetzt hätten. Dennoch fand ich es interessant, dass sie hier dem Klischeebild der historischen Aufführungspraxis, zwanghaft hohe Tempi, übertrieben genaue Phrasierung und bisweilen überharte Sforzati zu setzen entgegentreten.

Kaufempfehlung? Eigentlich ja, aber während ich der Meinung bin, dass selbst Toscanini-, Furtwängler-, Karajan- und Thielemann-Fans einmal die Beethoven-Symphonien der Bremer gehört haben müssen, um zu wissen, was man mit diesen Werken spannendes machen kann, würde ich dies bei Schumann, jedenfalls was diese CD betrifft nicht so formulieren. Eine exzellente Alternative, vielleicht gar ein Referenzpunkt, aber sicher nicht mit großem Abstand zu bereits bekanntem. Und wer mir sagt, er ziehe letztlich Gardiner, Zinman, Dausgaard oder z.B. auch Bernstein oder Levine vor, den kann ich durchaus verstehen.

Nachtrag November 2012: je öfter ich dieses Aufnahmen höre und mit den anderen, die ich besitze vergleiche (mittlerweile besitze ich auch Zinmans Aufnahmen), um so mehr wächst meine Begeisterung. Es stimmt, es sind keine so spektakulären Aufnahmen wie es die Beethoven-Aufnahmen waren, aber sie sind im Detail ungeheuer klug ausgearbeitet und vor allem ist das Klangbild der Wahnsinn. Wie fein die Bläser aufeinander abgestimmt sind und wie klug ihr Zusammenspiel mit den Streichern ausgearbeitet ist, das ist meines Erachtens wirklich eine große Kunst. Järvi hat sich sehr ins Zeug gelegt, um seine These, dass Schumann eben doch instrumentieren konnte, zu belegen. Wie ich finde mit Erfolg!
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