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Kundenrezension

24 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was bleibt - Ein Hämatom im Herzen, 10. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Was bleibt (DVD)
Es hat keine sonderlich guten Auswirkungen auf das Wochenende an einem Freitag Abend statt sorgfältig die Tanzschuhe zu putzen “Was bleibt” im Kino zu gucken. Mit ähnlichen, zwar abgeschwächten Erwartungen ging ich in den Film, doch rechnete ich nicht damit, dass ich die 20 minütige Tramfahrt mit einem Wegbier in der Hand nach Hause gehen werde. Wäre es gesellschaftlich nicht verpönt, hätte ich mir auch eine Flasche Weißwein im Späti gekauft, um das eigene Leben mit diesen neuen Informationen zu überprüfen, abzugleichen, aufgewühlte Gefühle wieder in die Schublade zurück zu stecken und den Schlüssel wieder tief in mir, so kompliziert wie nur möglich, zu verstecken. Mein Kopf war schwer, das Gehirn voll, die Lunge schmerzte, das regelmäßige Atmen war trotz des Autismus schleppend, der Magen verengt, die Gefühle, die dann doch durchsickerten, pochten auf ihr Hausrecht und legten sich darin nieder.

Ich mag stille Filme, die beim Abspann laut in den Gedanken werden, die nachhallen. Tragend sind die elektrisierenden, schweren, kalten und manchmal warmen Dialoge. Die Worte sind real, jeder Satz passt perfekt, er sitzt und trifft dort in der angezeichneten Mitte des Kreises, wo er vorbestimmt war zu landen.

Zum Teil herrschte ein unwohles Gefühl im Kino, weil man empathisch gegenüber der sich aufbauenden Situation wurde, man hätte die Mutter gerne angeschrien, dass man jetzt nichts Essen möchte, nein, danke, hier muss jetzt etwas anderes auf den Tisch, wir müssen jetzt endlich ehrlich zueinander sein, warum grenzt das hier eigentlich soweit an der Oberfläche, dass jeder Fisch Atemnot bekäme, Mama? Manchmal erwischte ich mich sogar dabei zu kichern, wenn es offensichtlich war, dass wieder einmal versucht wurde mit der Titanic um den Eisberg der Eskalation auszuweichen, da diese unerträglichen, befremdlich und doch bekannten Dialoge mir so unangenehm waren. Man wartete nur auf den Widerstand, die scheppernde Kollision gegen den erschreckend großen Eisklumpen.

Die Mutter leidet ihr halbes Leben an einer depressiven Störung. Eine Diagnose, die das Familienbild ein wenig schief an der Wand hängen lässt. Das Haus ist, um das schräge Foto waagerecht wirken zu lassen, ein steriler Kasten, der trotz großzügiger Einrichtung leer erscheint. Selbst die Bücherregale erzählen keine Geschichte und wirken dabei wie der Rest nur aus dekorativen Gründen aufgestellt und nicht als bewohnter Gegenstand, in dem Menschen versuchen eine Idylle aufrecht zu erhalten, ein Leben, was nicht mehr ihres ist.

Die Distanz zwischen den Brüdern wird optisch mit einem Till Schweiger-V-Ausschnitt und einem plakativen Polohemd unterstrichen. Der Eine ist der smarte Zahnarzt, der auf Grund der bevorstehenden Insolvenz weiterhin von Vati finanziert wird, der Andere hingegen ist Autor, wohnt nicht mehr in dem Ort, ist dadurch nicht so intensiv in die Problematik involviert, er ist eher Außenstehender. Man kennt es, dass es einen in der Familie gibt, der anders tickt, der von einer anderen Sichtweise auf bestimmte Dinge sieht, der Probleme auf Grund des Abstandes erst sehen und ernst nehmen kann. Diese Funktion hat er als Vater eines Sohnes, seine Freundin lässt er für die Familie weiterhin in seinem Leben mitspielen, doch in Wahrheit sieht er seinen Jungen nur 48 Stunden am Wochenende.

Kleine Kinder verschweigen manchmal, dass sie auf Toilette müssen. Sie halten so lange bis zur Unerträglichkeit aus, kurz vor dem Platzen soll man nochmal die Blase anpicken, zumindest machte das meine Schwester immer, bis sie dann endlich auf’s Klo wetzen. Das machen sie nicht nur, weil sie es befriedigt, sondern auch, weil sie keinen Bock auf die Prozedur haben und diese so weit wie möglich hinaus zögern. Knopf auf, Hose runter, Schlüpfer rechtzeitig runter ziehen, auch noch möglichst treffen, danach Hände waschen, mit Seife, und dadurch wahrscheinlich verpassen, wie bei der Sendung mit der Maus ein Mädchen die Liebe mit einer Thunfischpizza vergleicht.

Ähnlich geht es der Familie. Zwischenmenschlichen Probleme werden verschwiegen, vielleicht, weil Verdrängung leichter auszuhalten ist, als die Wirklichkeit. Jedoch steht die Wahrheit jedem mit unsichtbarem Edding auf der ja ach so unbefleckten Weste geschrieben. Egal was man tut, der Edding ist wasserfest und es ist unmöglich sie wegzudenken. Der Weg zur aufrichtigen Ehrlichkeit ist zu Kräfte zehrend, zu anstrengend, er wird bei jeder Möglichkeit ihn zu betreten gründlich umgangen, obwohl er notwendig ist, sonst platzt die Blase, in der man sich ein schillerndes Leben aufgebaut hat und dann ist es schlichtweg zu spät.

Das Drama rempelte gegen die immer wieder gleichen Stellen in meinem Herzen, trommelte aufgebraust darauf herum, stoß mit einem angespitzten Holzbalken dagegen, dass das Blut ins verletzte Gewebe trat, es bildete sich ein Hämatom. Es ist immer leicht spürbar, noch blau, wenn das Blut beginnt zu gerinnen wird es dezent lila und während der Heilung goldgelbbraun. Doch wird mich die Erinnerung an den Druckschmerz weiterhin begleiten.

P.S.: Ich möchte nie, dass mich meine Kinder beim Vornamen nennen. Ich möchte Mama und keine Freundin sein.

(aus meinem Blog halligallistadt.wordpress.com)
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 30.09.2013 00:46:13 GMT+02:00
Schwob meint:
Boah! Der Kommentar ist besser als der Film!!!
Also ehrlich gesagt, ich wollte nur nachlesen, ob andere Leute den Film als genauso düster empfinden, als ich - oder etwas davon kapieren... - und dann das...
Jetzt kann ich auch ein wenig damit anfangen...!

Veröffentlicht am 13.02.2015 18:29:12 GMT+01:00
Hallo Franziska,
eine außergewöhnliche Rezension eines Films, der auch mich begeistert hat.
Warum war das regelmäßige Atmen "t r o t z des Autismus schleppend"? Wollten Sie damit ausdrücken, daß viele Menschen Autisten keine Emotionen zutrauen und diese falsche Ansicht korrigieren? Ich habe mich (auch beruflich bedingt) mit der Störung beschäftigt, daß Autisten gefühllos seien, haben Sie blendend widerlegt.
Gruß
Doc Halliday

Unsere damals 3jährige Tochter rief ihre Mama oft "Mama Mutti Rita", das fanden wir sehr süß.
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