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Kundenrezension

TOP 500 REZENSENTam 29. Juni 2013
Das Buch steigt äußerst harmlos ins Thema ein: Was bedeutet es, wenn der Wetterbericht für morgen eine 30%ige Regenwahrscheinlichkeit vorhersagt? Wird es morgen in 30% des Landes regnen? Wird es morgen, was die meisten glauben, zu 30% der Zeit regnen? Nein, es wird an 30% der Tage regnen, für die diese Vorhersage gemacht wurde. Mit dieser Information mag man anfangen, was man will, aber Gigerenzer dient sie als Beispiel dafür, dass der Wert von statistischen Informationen damit steht und fällt, dass man versteht, worauf sich diese 30% beziehen.

Und dann wird es ernst. Gigerenzer weist nach, dass die Unfähigkeit, mit solchen Zahlen vernünftig umzugehen, eine wahre Volkskrankheit ist. Da geht es dann nicht mehr nur um die Frage, ob man morgen einen Regenschirm mitnimmt, sondern z. B.
- wie groß das Risiko ist, dass man tatsächlich HIV-positiv ist, wenn man positiv getestet wurde,
- ob eine Mammographie mehr nützt als schadet,
- ob es sinnvoll ist, die Pille abzusetzen, weil das Gesundheitsamt vor einer 100%igen (relativen) Steigerung des Thromboserisikos warnt und den absoluten Risikozuwachs (1 von 7000) unterschlägt,
- was es für den Patienten bedeutet, wenn Ärzte (berechtigte) Angst vor kunstfehlerspezialisierten Anwälten haben.

Es gibt auch Beispiele aus anderen Themenkreisen, aber im Grunde ist das Buch eine Generalabrechnung mit dem Gesundheitswesen. Ärzte, Politiker und Pharmaindustrie werden gleichermaßen dafür rasiert, dass sie es sich zum gemeinsamen Ziel setzen, ihre Patienten/Bürger/Kunden in einem Zustand der Ignoranz zu halten, in dem sie je nach Bedarf ruhig gestellt oder in Panik versetzt werden können. Wobei man sich fragen muss, was schlimmer ist, die Ärzte, die den Unterschied zwischen absoluten und relativen Risiken nicht verstehen oder zumindest nicht an ihre Patienten vermitteln können, oder diejenigen, die mit voller Absicht vom Unwissen der Bürger profitieren, indem z. B. im Zuge einer Schweinegrippepanik hunderte Millionen Euro für ein nutzloses Medikament verschleudert werden, auf Basis von äußerst fragwürdigen und bis heute nicht korrekt veröffentlichten Daten. Aber das ist jetzt auch irgendwie egal, oder? Das Zeug ist ja längst verbrannt.

Das ist aber noch nicht alles. Gigerenzer geißelt den für den Medizinbereich charakteristischen fahrlässigen Umgang mit Fehlern, der in unbekanntem, aber mit Sicherheit extrem hohen Maße Patienten Gesundheit oder Leben kostet. Checklisten, die z. B. in der Luftfahrt, Atom- oder Chemieindustrie eine Selbstverständlichkeit sind, werden dort als ehrenrührig betrachtet, ebenso wie eine Krankenschwester, die ihren Chef ans Händewaschen erinnert.

Auch die Banken bekommen ihr Fett weg. Hier ist es vor allem die bewusste oder unbewusste Verwechslung der Begriffe Risiko (rechenbar) und Ungewissheit (nicht rechenbar), die es den Bänkern ermöglicht, uns die fragwürdigsten Produkte zu verkaufen, die uns seit Jahren von einer Bankenkrise in die andere schlittern lässt und wo eine Besserung nicht absehbar ist.

So ist es auch folgerichtig, dass er allen Entscheidungsträgern Mut zuspricht, in ungewissen, rechnerisch nicht erfassbaren Situationen zu ihrem Bauchgefühl zu stehen. Dies gilt umso mehr, je weiter oben jemand in der Hierarchie steht. Pseudoargumente, die sich vielleicht mathematisch nachvollziehen lassen, sind nichts wert, wenn die Basis ungewiss ist, und führen deshalb viel zu häufig zu falschen Entscheidungen.

Dass das alles so schlimm ist, wie es ist, liegt nicht zuletzt daran, dass in den Schulen kein Verständnis für diese Denkweisen vermittelt wird. Möglich wäre es, das zeigt Gigerenzer an Übungen bereits mit Zweitklässlern, die, wenn man die Fragen richtig stellt, Probleme lösen können, an denen die Mehrzahl der Erwachsenen scheitert.

"Risiko" ist ein ausgesprochen mutiges Buch. Ich gehe davon aus, dass sich Gigerenzer gute Anwälte leisten kann, denn erscheut sich nicht, die Übeltäter beim Namen zu nennen. So z. B. New Yorks früheren Bürgermeister Rudy Giuliani, der allerlei Unsinn über das Prostatakrebsscreening erzählen konnte, weil er Überlebensraten hier mit Sterberaten dort verglichen hat - ein beliebtes Mittel, Tests zur Krebsfrüherkennung zu propagieren, die unterm Strich den Patienten mehr schaden als nützen. Dass mit einer vernünftigen Vorsorge (was etwas ganz anderes als Früherkennung ist) wesentlich mehr zu erreichen ist, liegt Gigerenzer ganz besonders am Herzen.

Ich habe selten ein Buch gelesen, nach dessen Lektüre ich mich so viel besser für die Risiken gerüstet fühlte, die das Leben eines Ruheständlers noch so zu bieten hat. Denn die liegen ja im wesentlichen im medizinischen Bereich.
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