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Kundenrezension

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr interessant, doch mitunter etwas fatalistisch, 19. November 2011
Von 
Rezension bezieht sich auf: Stabile Ungleichgewichte: Die Ökologie der Zukunft (edition unseld) (Taschenbuch)
Mit der Rezension zu diesem Buch habe ich mich sehr schwer getan. Dies mag einerseits daran gelegen haben, dass ich im Vorfeld zwei andere Besprechungen zum Buch bzw. eines anderen Essays von Reichholf zum Thema las, einerseits von Wolfgang Cramer (Spiegel, 13.06.2008: "Sprechblasen im Ungleichgewicht"), andererseits von Klaus Rohde (Google Knol, 27.02.2011: "Stabile Ungleichgewichte"). Erstere ist ein ziemlicher Verriss, Letztere deutlich wohlwollender.

Selten habe ich ein Buch eines Biologen in der Hand gehabt, das mir dermaßen deutlich gemacht hat, dass bestimmte Themen unter dem Paradigma der mittlerweile hoffnungslos veralteten Darwinschen bzw. Synthetischen Evolutionstheorie überhaupt nicht diskutierbar sind, speziell dann, wenn im Anschluss eine Übertragung der "Resultate" auf menschliche Gesellschaften erfolgt. Das Ergebnis ist dann - meistens - ein unpassender Biologismus.

Auf dem Umschlag steht, dass Josef H. Reichholf als "enfant terrible" des Umweltschutzes gelte, der manchen Ansatz radikal in Frage stelle. Man kann ihm nur anraten, insbesondere das Paradigma der Darwinschen Evolutionstheorie in Frage zu stellen und seine Arbeit stattdessen auf der moderneren und vermutlich auf alle Evolutionen gleichermaßen anwendbaren Systemischen Evolutionstheorie beruhen zu lassen. Denn viele seiner Aussagen sind in höchstem Maße interessant und zum Teil auch sehr tiefgründig, andere dagegen sehr problematisch.

Beispielsweise heißt es auf S. 39: "Das Leben muß dieser Gesetzmäßigkeit allein schon deswegen massiv entgegenwirken, um sich überhaupt erhalten zu können. Die Physik bezeichnet dieses Naturphänomen als Entropie und betont ihre unvermeidbare Zunahme mit der Zeit. Das Leben muss sich gegen diese Entropie stemmen. (...) Der Grundsatz besagt, daß Leben Energie aufnehmen muß, um beständig gegen den Zerfall, die Entropie, sich selbst immer wieder aufzubauen. Leben kann nur 'leben', also aktiv sein, wenn es sich mit Energie versorgt und diese 'verbraucht'."

Dies ist zweifellos richtig.

Auf der gleichen Seite heißt es dann aber: "Damit hebt sich das Leben aus dem allgemeinen Entropiegefälle heraus und wiedersetzt sich dem Zerfall. Der Physiknobelpreisträger Ilya Prigogine bezeichnete die Organismen daher als 'dissipative Strukturen', weil sie schneller, als es dem physikalischen Zerfall entspricht, Energie in Entropie umwandeln und davon selbst leben. Sie halten sich - solange sie leben, 'fern vom Gleichgewicht'."

Das ist bereits problematisch, da sich Leben nicht als dissipative Struktur charakterisieren lässt. Gemäß der Systemischen Evolutionstheorie sind lebende Systeme selbstreproduktive Systeme, die "bestrebt" sind, ihre Komptenzen (mit deren Hilfe sie Ressourcen in ihrer Umwelt erlangen können) zu bewahren. Sie besitzen folglich Reproduktionsinteressen. Sie verhalten sich nachhaltig gegenüber ihren Kompetenzen und ausbeutend gegenüber ihrer Umwelt. Daraus lässt sich bereits alles Weitere ableiten, insbesondere Selbsterhalt, Fortpflanzung und die von Reichholf angeschnittenen Themen.

Sehr überzeugend ist seine Darlegung, dass Ökosysteme keine Superorganismen sind (51f.): "Ökosyteme sind somit alles andere als 'Super-Organismen' mit einem Eigenleben. Was in diesen 'Systemen', die der menschlichen Vorstellung entstammen, tatsächlich lebt, das sind die Lebewesen selbst, nicht aber das System. Deshalb können Ökosysteme auch nicht wirklich geschädigt werden oder zusammenbrechen. Es gibt keine festgelegten Zustände, weil keine Instanz vorhanden ist, die solche Festlegungen trifft." Aus diesem zutreffenden Zusammenhang leitet Reichholf viele seiner treffenden Folgerungen ab, jedenfalls solange es ausschließlich um die Natur geht. Kommt er auf den Menschen zu sprechen, ergeben sich leider Fehlschlüsse. Dies zeigt sich gleich im Folgesatz auf derselben Seite (52): "Außer - der Mensch bemächtigt sich solcher Ausschnitte aus der Natur und 'regiert' sie nach seinem Gutdünken. Dann grenzt er sie ab, als Felder etwa oder als Gärten, übt auf seiner Fläche die zentrale Steuerfunktion aus und sorgt dafür, daß bestimmte Zustände erhalten bleiben oder wiederkehren, wenn sie Zeiten der Ruhe oder der Veränderung durchmachen müssen, um wieder das zu leisten, was sie erbringen sollen. In geradezu grotesker Umdrehung der Annahmen entsprechend damit die künstlichen (Agro-)Ökosysteme weit besser dem Wunschbild eines Super-Organismus als die natürlichen Lebensräume."

Hier offenbaren sich die Defizite des Darwinismus, dem es insbesondere an einem systemtheoretischen Fundament mangelt. Im Allgemeinen dürfte das künstliche (Agro-)Ökosystem nämlich einem Agrarbetrieb gehören. Im Sinne der Systemischen Evolutionstheorie ist jedoch der Agrarbetrieb als Unternehmen ein Superorganismus (nicht aber dessen Ökosystem!), welcher ein Reproduktionsinteresse bezüglich seinen Kompetenzen besitzt. Das Ökosystem ist nur Teil seiner Kompetenzen. Folglich verhält sich der Agrarbetrieb nachhaltig gegenüber seinen Kompetenzen (u. a. seinem Agro-Ökosystem) und ausbeutend gegenüber der Umwelt (außerhalb seines Hoheitsgebiets und damit seiner Anbaufläche).

Dieser konzeptionelle Unterschied mag klein wirken, er ist aber entscheidend. Ich will das einmal am Beispiel der Tragik der Allmende verdeutlichen, wie sie von Garrett Hardin erläutert wurde. In der Natur sind Ressourcen im Allgemeinen reine Gemeingüter. Eigentum kennt man noch nicht. Infolgedessen kommt es darin meist zur freien Ausbeutung der Ressourcen (83). In menschlichen Gesellschaften könnte man die Allmende aber einem Akteur (Staat, Unternehmen, Genossenschaft etc.) unterstellen. Der Akteur würde sie zu seinen Kompetenzen zählen und sie in der Folge nachhaltig behandeln. Dann käme es jedoch keineswegs mehr zur Tragik der Allmende und den von Reichholf behaupteten Ungleichgewichtsproblematiken.

Reichholf suggeriert in seinem gesamten Buch, dass man eigentlich gar nichts Richtiges tun könne und auch sollte. Seine Botschaft lautet: Man sollte den Dingen ihren Lauf lassen (127). Gelangen natürliche Populationen oder menschliche Gesellschaften an Grenzen, dann wird es zu Ungleichgewichten und in der Folge zu bereinigenden Zusammenbrüchen oder Kriegen kommen, doch danach wird es mit neuer Kraft weitergehen: "Ungleichgewichte sind die Zukunft" (125ff.).

Entsprechend fatalistisch wirkt sein Ausblick (133): "Die Unterschiede auszugleichen gebietet die Menschlichkeit. Doch in der Realität werden die Unterschiede zwischen arm und reich eher größer als geringer."

Und (135): "Aber wer im 'Gleichgewicht' die bessere Alternative sieht, müßte, um es zu erreichen, großen Teilen der Menschheit die Fortpflanzung verbieten. Denn nur wenn nicht mehr nachkommen als wegsterben und wenn nicht mehr gebraucht als (gerade) erzeugt wird, kann Stabilität in diesem Sinne zustande kommen. Daß dies einen totalitären Weltstaat der schlimmsten Sorte bedeuten würde, in dem Aldous Huxleys 'Schöne neue Welt' nachgerade schön wäre, liegt auf der Hand."

Dies ist völlig unzutreffend. Denn längst liegen Konzepte vor, die ein nachhaltiges Schrumpfen menschlicher Populationen ohne Zwangsmaßnahmen (d.h. auf völlig freiwilliger Basis) ermöglichen. Sie müssten lediglich wahrgenommen und diskutiert werden. Fatalistische Aussagen der Art, dass man sowieso nichts tun kann, werden die Menschheit mit Sicherheit nicht durch die kommenden schwierigen Zeiten bringen.

Reichholf ist sich des Fatalismus-Vorwurfs bewusst (127): "Wer eine solche Einstellung vertritt, wird als Fatalist eingestuft. Der Lebensprozeß selbst, die Evolution, wäre demzufolge fatalistisch." Nein, eben nicht! Das Unterbreiten von Vorschlägen ist Teil des evolutionären Prozesses. Das zeigt sich bereits am technischen Fortschritt. Der ereignet sich nämlich auch nicht dadurch, dass man den Dingen einfach ihren Lauf lässt. Dazu ist es erforderlich, dass Menschen Ideen entfalten und Vorschläge unterbreiten.

Manche Aussagen Reichholfs scheinen anzudeuten, dass er bewahrendes Verhalten sogar für eine Schwäche hält (135): "Gefühlsmäßig gehen wir daher von kommenden Veränderungen und nicht vom Stillstand aus. Rational möchten dennoch viele 'dem Augenblick Dauer verleihen', um das selbst Erreichte nicht wieder auf- und abgeben zu müssen. So eine Denkweise ist zutiefst egoistisch."

Nein, um Egoismus handelt es sich dabei nicht, sondern um das Grundprinzip des Lebens an sich. Reichholf erklärt es zu Beginn seines Buches selbst: Leben ist bestrebt, dem thermodynamischen Zeitpfeil des Universums zu entrinnen. Es möchte 'dem Augenblick Dauer verleihen', bevor es selbst zerfällt. Ohne ein solches Streben nach Kompetenzerhalt gäbe es kein Leben auf der Erde.
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