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Kundenrezension

23 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Den Riesen anbeten, 30. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Psychedelic Pill (Audio CD)
Nur ein paar Monate nach der Volksmusiksammlung „Americana“ erscheint mit „Psychedelic Pill“ das erste neue Crazy Horse-Material „…in nearly a decade“, wie es auf dem Promo-Kleber heißt. Ich kann das so nicht sehen. Die Zeitangabe bezieht sich auf „Greendale“, Youngs 2003 erschienenen Versuch, sein Wertesystem als stellenweise surreale Smalltown-Familiengeschichte widerzugeben. Aber auf den teilweise rudimentären Erzählsongs dieser Platte war Frank Sampedro nur aushilfsweise dabei, und es ging allein schon deswegen nicht so sehr um den Sound und die Interaktion von Crazy Horse, sondern eben um diese wechselvolle, Weichen stellende, traumatische Episode im Leben der Familie Green – einem disparaten Haufen mit dem Herzen am rechten Fleck, der so auch wirklich nur in Youngs Gehirn entstehen konnte. Von dem sein Arzt übrigens vor nicht allzu langer Zeit sagte, daß es sich verändern würde, woraufhin Young beschloß, nach Jahrzehnten voller Marihuana und Alkohol nochmal ganz anders aufs Leben zu blicken: Nüchtern. Die jeden Künstler und so auch Neil Young an einem solchen Wendepunkt überkommenden Befürchtungen, daß es nun Essig wäre mit Inspiration und Kreativität, soviel kann man gleich mal vorwegnehmen, haben sich null bewahrheitet.

Aber um schnell noch einmal zur qualitativen Einsortierung dieses Doppelalbums zurückzukommen: Eigentlich ist „Broken Arrow“ [1998] das letzte (und, nebenbei bemerkt, schwächste) ordnungsgemäße Crazy Horse-Album. Damals lebte ich noch ganz woanders, war meistens bedröhnt und hatte Haare bis zum A*!~#. Heute sind sie kurz, ich klatsche ständig schwarze Farbe rein und habe nach 40 Minuten Einwirkzeit immer das Gefühl, sie läuft mir ins (mittlerweile nüchterne!) Gehirn. Interessiert das jemanden? Nein. Warum erzähle ich es? Um deutlich zu machen, daß mich Neil Young mit und ohne Crazy Horse schon mein halbes Leben lang begleitet und damit das Thema „Alte Kartoffelsäcke kriegen es erstaunlicherweise hin, große Kunst zu produzieren“ mal ohne Bezugnahme auf die alten Kartoffelsäcke abzuhandeln. „Psychedelic Pill“, bevor ich es doch noch vergesse, ist das beste Crazy Horse-Album seit „Sleeps With Angels“ [1994] und besser als das wenige Jahre davor erschienene „Ragged Glory“

2012 scheint für Neil Young das eigentliche Jahr der Retrospektive zu sein. Seine bewußt unchronologisch angelegte Autobiografie ist gerade auf dem Markt. Im Frühjahr bot „Americana“ dem geneigten Exegeten Bezüge zwischen der Geschichte der Vereinigten Staaten und der Biografie des gebürtigen Ontarians an; nicht penibel kuratiert wie auf der mittlerweile auch schon wieder 3 Jahre alten „Archives“-Pommesbude, sondern eher zufällig und emotional aufgeladener, wie plötzlich ins Bewußtsein schießende Erinnerungsfetzen, bei denen die assoziierten Gefühlszustände mindestens so intensiv sind wie die Bilder – und vielleicht wichtiger.
„Driftin‘ Back“ heißt in diesem Sinne der Opener, und besser kann man die Parameter „Rückkehr“, „Rückschau“ und aber auch „Aufbruch“ (denn Neil Young schaut vor allem nach vorn, egal, was er gerade macht) nicht in Szene setzen: Der Song beginnt als Folk-Nummer mit den Gesängen von Crazy Horse, aber ab dem 2. Refrain wird die Band REINGEFADET! Soviel Montage gab’s noch nie auf einem Young-Album, vielleicht abgesehen von „Broken Arrow“ aus seligen Buffalo Springfield-Zeiten. Und das akustische Intro klingt, während es zügig von den immer lauter werdenden elektrischen Instrumenten übertönt wird, wie eine Titelmusik zur Vergangenheitsrevue, deren erste Szene eine Live-Sequenz aus einem Crazy Horse-Gig von Anno Dunnemals ist. Ist aber gar nicht so. Denn dies sind Crazy Horse anno 2012, und es ist, als wären sie nie weg gewesen. Gleichzeitig wabern einem Bilder und Krachfetzen aus über 40 Jahren durchs Hirn, das jetzt fast eine halbe Stunde lang schön in Form geklöppelt wird, denn so lang ist dieser Song.

Seit den frühen Neunzigern kann man in Youngs Werk einen zunehmenden Hang zum Selbstzitat beobachten. Die alte Sache. Wo hört Stil auf, und wo fängt Selbstzitat an? Welche Rolle spielen solche Grenzziehungsversuche überhaupt bei jemandem, der seit den Sixties bis heute Dutzende Platten veröffentlicht und neben Dylan der einflußreichste Songwriter aller Zeiten ist? Soll man die Freude, dieses Kribbeln im Rückenmark, das man beim Anhören von „Psychedelic Pill“ spürt, wenn DIESE BESTIMMTEN STELLEN kommen, unterdrücken? Schmälert dieser „Klingt-ja-wie…“-Effekt die verrostete Klasse dieses Albums? Ich sage: Quatsch! Selbst diese 1:1-„Like An Inca“-Stelle auf „Le Noise“ [2010] war ja wie, als würde man Jahre später an irgendeiner Ecke, WOMP!, in einen längst totgeglaubten Verwandten reinlaufen. Da kriegt man einen mächtigen Schrecken, aber es würde einem nie in den Sinn kommen, „Langweilig!“ zu rufen.
„Ramada Inn“ (fast 17 Minuten) hätte prima auf „Ragged Glory“ gepaßt und wäre dort ein strahlender Langzeitstern gewesen. Youngs Gitarrenspiel treibt einem endlich wieder Tränen in die Augen. „Poncho“ Sampedro scheint heutzutage noch dickere Saiten zu spielen als früher. Er schrummelt stinknormale Folk-Akkorde, aber niemand legt einen solchen Teppich aus stinknormalen Folk-Akkorden. Ralph Molina pafft in Trance auf seiner Snare herum, deren Resonanzfell im Dröhnen der Gitarren surrt und rauscht, und Billy Talbot spielt wieder Baß, als würde er Boxhandschuhe tragen. Diese 3 Troglodyten! Nichts daran ist neu oder ungewohnt, aber SO GUT war es Ewigkeiten nicht mehr.
„She’s Always Dancing“ (immerhin achteinhalb Minuten) ist dagegen das 21.-Jahrhundert-Pendant zu „Like A Hurricane“, hat auch die gleichen, von A-moll über G zu F absteigenden Akkordfolgen, den gleichen halluzinatorischen, nebligen Fluß – ist aber eben auch ein mit Liebe geschriebener Song. Was das angeht, konnte man sich bei Young in der Vergangenheit nicht immer sicher sein, gerade wenn‘s sich mal hinziehen durfte. Da hatten Strophen und Refrains bisweilen eher den Charakter formelhafter Alibis fürs nächste Solo. Diese Kritik kann man sich bei „Psychedelic Pill“ getrost sparen, und das gilt auch für die etwas handlicheren Stücke: „Born In Ontario“ beispielsweise, ein entschieden gut gelaunter Bastard aus, sagen wir mal, „Bite The Bullet“ und „Everybody Knows This Is Nowhere“; oder das wunderschön hingezitterte „For The Love Of Man“, bei dem ich immer an „When Your Lonely Heart Breaks“ denken muß, eine meiner liebsten Crazy Horse-Schnulzen, über die sonst kaum jemand spricht. Wo man auch reinhört, keine Schablonen, kein Selbstzweck, kein sich im Leeren verirrendes Jamming.
Das gut viertelstündige „Walk Like A Giant“ ist schließlich die Krönung dieser 80 Minuten Musik: Ein schleppender Beat wie bei „Powderfinger“, ein vierstimmig gepfiffenes (!) Thema, im B-Teil besinnen sich Crazy Horse mit „Dooo-Wha!Wha!“-Chören auf ihre Vergangenheit als Vokalgruppe „Danny & The Memories“ (Heute müßte man „Frankie & The Memories“ sagen)…und dann dieser herzerwärmende, Größe einfordernde Refrain! Das Riff danach ist zu 50% „Hey Hey, My My“, und schon bei „Driftin‘ Back“ hörte man den Alten „Hey Now, Hey How Now“ wimmern. DIESE MOMENTE meine ich! Da krieg‘ ich Pickel!
Wie ein Riese möchte ich übers Land gehen: Ab der zwölften Minute machen Crazy Horse die erderschütternden Schritte dieses Giganten physisch erlebbar. Da klappern die Tassen in der Vitrine. Lieber Gott, ich möchte das live hören! Dann bleibt er stehen, knackt mit seinen Knochen, es klingt wie uralte, gestorbene und wiedergeborene Sonic Youth. Und am Ende, wir wollen uns gerade anschicken, diese Begegnung zu verarbeiten, kommen Crazy Horse ein letztes Mal zurück, mit Huhuu-Chören und einem Sekunden langen elektrischen Rumpeln und Grollen. Da steht er nun, der Koloss, und wir können ihn schwerlich ignorieren. Er ist in unser Leben getrampelt, und wir müssen irgendwas mit ihm machen. Vielleicht sollten wir anfangen, ihn anzubeten.
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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 16.11.2012, 09:30:28 GMT+1
Heiner meint:
Hallo,ich hab 'ne Frage:Kaufst du Vinyl,CD's oder MP3 ? Bei meinem Musikkonsum überlege ich,ob ich nicht eniges im MP3 Format kaufe...ist auf lange Sicht erheblich günstiger!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.11.2012, 16:25:53 GMT+1
Steffen Frahm meint:
Ich kauf CDs. Manchmal, in besonderen Fällen, Vinyl; selten MP3s.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.03.2013, 12:09:22 GMT+1
Der Vergleich mit Sonic Youth, die Beschriebung von "Walk like a giant" jagt mir schon beim lesen Schauer über den Rücken!
Besser geht das nicht, tolle Rezension.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.04.2013, 22:44:23 GMT+2
Steffen Frahm meint:
Vielen Dank! Freut mich sehr!
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