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Kundenrezension

12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Klugheit der Hände, 14. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Handwerk (Gebundene Ausgabe)
Die Klugheit der Hände.

Es sei vorangestellt: ich bin ein gelernter Handwerker. Wenn auch kein "Jack of all Trades". Sennett ist, was sein Thema betrifft, wie Goethe. Heimgekehrt vom Osterspaziergang, übersetzt Faust den ersten Satz des Johannesevangeliums; er zögert, probiert einige Wörter für Logos - "Sinn" oder "Kraft" - aus, bevor ihm "der Geist" zu Hilfe kommt: Auf einmal seh' ich Rat und schreibe getrost: "Im Anfang war die Tat!" Der Rat führt zur Tat - und bewirkt im Hintergrund die rasche Transformation des schwarzen Pudels, der Faust ins Studierzimmer gefolgt ist; gerade die Vision der Tat evoziert also den Teufel, die Kraft des Zweifels und der Negation. Fausts Behauptung, die Schöpfung entspringe der Tat, nicht der Sprache oder Reflexion - das Machen, nicht das Sagen setze also den Anfang -, antizipiert das Credo der Moderne, selbst um den Preis eines Übersetzungsfehlers.
Auch darin ist Faust unüberbietbar modern: Das Lob der Tat entsteht am Schreibtisch. (Auch der Schreibtisch in einer Bank oder Börse ist "Handwerk") Und nicht erst seit dem Kult um Napoleon oder seit der elften Feuerbach-These von Karl Marx werden die "Macher" und ihre Eigenschaften gefeiert: die Souveränität der Politiker, Manager und Unternehmer, die Kreativität der Ingenieure und Genies, die Energie der Arbeiter und Techniker.

Dann folgt Sennett einer neuen These.
Kaum jemand würde den Handwerker hier einordnen. Der Handwerker gilt nicht als Macher; Gerüchte und Witze erzählen oft genug von seiner Langsamkeit, von Pfusch und Fehlern oder von einer verhängnisvollen Neigung zur Perfektion. Der Handwerker scheint den Geist der Vormoderne zu repräsentieren, das Lebensgefühl mittelalterlicher Städte; bestenfalls fungiert er als romantisches Gegenbild - singender Wandergesell - der Ungestüme des Frühkapitalismus. Wäre es dennoch möglich, nach den verbreiteten Lobgesängen auf das Proletariat, nach Ernst Jüngers "Arbeiter" (1932) oder Hannah Arendts "The Human Condition" (1958), nach der immer noch anhaltenden Begeisterung für die Geschichte der Ingenieure ausgerechnet den Handwerker in den Mittelpunkt eines Buches, eines Essays zu stellen? Die Frage wäre noch vor kurzem überzeugend verneint worden, und zwar mit derselben Verächtlichkeit, mit der Künstlern gelegentlich attestiert wird, dass sie ihr Handwerk beherrschen. Wer die handwerkliche Qualität eines Kunstwerks lobt, ist zumeist schon unter Verdacht, dessen ästhetische Bedeutung in Abrede zu stellen. Doch wir haben heute eine, durch "Pfusch am Bau" entstandene Finanzkrise ohne Gleichen, (auch nicht 1929) deren Ende längst nicht in Sicht ist und deren Folgen dem öffnen der Büchse der Pandora entspricht.

Umso überraschender und wirkungsvoller kann der Essay heute über den craftsman, den Handwerker, argumentieren, den Richard Sennett - nach seinen Plädoyers für Respekt und Höflichkeit und seiner jahrelangen Erforschung der Kulturen des neuen Kapitalismus - zu Jahresbeginn veröffentlicht hat. Die Rückbesinnung auf den gewissenhaften Handwerker operiert mit einer doppelten Beweisführung. Einerseits wird die Reichweite des Begriffs erheblich gedehnt, indem beispielsweise Dirigenten, Programmierer, Philosophen oder Laborantinnen ebenso als Handwerker gewürdigt werden wie Glasbläser, Schreiner, Schlosser oder Schmiede; andererseits wird die neuentdeckte, zeitgemäße Ausstrahlung, die Sennett dem Handwerk verleiht, in den Horizont eines klugen Vorhabens eingeordnet: als Teil einer geplanten Trilogie zur materiellen Kulturgeschichte, zur Sozialgeschichte der Dinge, die neben dem Handwerker auch den Krieger und Priester und schließlich den Fremden zu untersuchen verspricht. Im Zentrum dieser Erforschung bestimmter Typen von Männern steht jedoch stets Pandora, Göttin und Symbol der aggressiven wie der kreativen Zerstörung.
Sennett hat seinen glänzend geschriebenen Essay in drei Teile gegliedert: Zunächst geht es um die Gestalt des Handwerkers, danach um das Werkzeug der Hand, zuletzt um die handwerkliche Kompetenz - als jenes Können, das zugleich ein Vergessen (die Übung und Automatisierung ungezählter Handgriffe) wie ein spezifisches Wissen erzeugt: den Wunsch und die Überzeugung, "eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen". Gerade die Evidenz handwerklicher Fertigkeit begünstigt darum einerseits die Evolution der Maschinen, um sie andererseits zu verwerfen, wie Sennett in einem anregenden Abschnitt zu John Ruskins Maschinenkritik demonstriert. "Technik sei eben niemals "seelenlos", ("Auch Dinge haben Tränen") sofern sie von Menschen praktiziert werde, die in ihren Händen ein hohes Maß an Übung erreichen"; für Virtuosen ist Technik identisch mit Ausdruck. Sennett verfolgt hier die These, dass alle Fertigkeiten - unabhängig von ihrem Abstraktionsgrad - aus einer körperlichen Praxis entstehen. Das Wissen der Hände, ein Wissen polymorpher Berührungen und Bewegungen, ist vermutlich älter als das Wissen der Augen, Zungen und Ohren. Als ständig lernbereiter, tätiger Handwerker, will ich das hier bestätigen.

Der Schlüsselbegriff der Analyse Sennetts, ist das Materialbewusstsein des Handwerkers: "Sein ganzes Bemühen um qualitativ hochwertige Arbeit hängt letztlich ab von der Neugier auf das bearbeitete Material." Eben diese Neugier, die Liebe zur Arbeit, zum Werkstück, die Lust an der Eigenart jeweils verwendeter Materialien, charakterisiert auch die Darstellungstechnik Sennetts. Historische Skizzen werden abgelöst von Referenzen auf klassische Mythen; Beispiele und Anekdoten bilden die Brücke zu Überlegungen, die eine longue durée handwerklicher Techniken und Praktiken kommentieren. Auffällig ist einerseits die Liebe zum Detail - die Beschreibung der Fingerübungen für Jazzpianisten -, andererseits die Liebe zur großen These: dass Motivation wichtiger sei als Talent, oder dass jedes Ritual als Handwerk charakterisiert werden kann, oder die dass wir ein "Umwelthandwerk" erst erlernen müssen.
Nicht immer ist Sennetts Essay in allen Schlussfolgerungen und Beobachtungen völlig konsistent: doch so gut geschrieben, so gut gemacht (im Sinn seiner eigenen Maximen), dass ich als guter Handwerker und Leser, ihm gerne gefolgt bin und hinzugelernt habe. Ein Buch, das in der nächsten Zeit bei mir in Reichweite bleibt.
Peter A. Bruns
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