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Kundenrezension

33 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Logik des Kinos ist die Logik des Traums, 3. Januar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Eine dunkle Begierde (DVD)
Das obenstehende Motto stammt von Regisseur David Cronenberg, und in ganz besonderem Maße trifft es auf „Eine dunkle Begierde“ zu. Der Film hat eine längere Vorgeschichte: Er basiert großteils auf dem Theaterstück „The Talking Cure“ von Christopher Hampton – jenem Christopher Hampton, der auch das Drehbuch verfasste und der eine Reihe von geschliffenen Dialogszenen von der Bühne in den Film übernahm. Hampton schöpfte dabei aus einer ebenso zuverlässigen wie umfangreichen Quelle, nämlich dem 800-Seiten-Wälzer des Psychoanalytikers John Kerr "A most dangerous Method: The Story of Jung, Freud and Sabina Spielrein".

Der Buchtitel grenzt das Thema des Films kurz und bündig ein: Im Jahre 1904 wird die knapp neunzehnjährige Sabina Spielrein, Tochter eines russischen Kaufmanns, in die Nervenheilanstalt Burghölzli bei Zürich eingewiesen (oder besser gesagt: verfrachtet). Der behandelnde Arzt heißt Carl Gustav Jung (Michael Fassbender), der an seiner neuen Patientin erstmals die von Sigmund Freud (Viggo Mortensen) entwickelte „Sprechkur“ anwendet – eine Therapieform, die später unter dem Namen Psychoanalyse weltweit bekannt wurde. Die seelische Genesung von Sabina Spielrein, verkörpert von Keira Knightley, macht rasche Fortschritte, und bereits ein Jahr später beginnt sie ihr Medizinstudium an der Universität Zürich. Gleichzeitig gestaltet sich ihre Beziehung zu Jung immer intensiver, und schließlich wird sie seine Geliebte. Der Film vermittelt diese Entwicklung gewissermaßen in Etappen, das heißt in verschiedenen „Zeitfenstern“, die in einem Abstand von etwa zwei Jahren kurz geöffnet werden: Man wird zum Zeugen, wie sich Jung und Freud erstmals begegnen, wie sich zwischen den beiden Männern eine von intellektuellem Respekt geprägte Freundschaft entwickelt, die jedoch später fast in ihr Gegenteil umschlägt; man erlebt mit, wie sich Sabina Spielrein allmählich emanzipiert, auch von ihrem Mentor Jung, der sie fallen lässt und damit den Anstoß gibt, dass sie auf die Seite von Sigmund Freud wechselt. Und schließlich erlebt man die Person von Carl Gustav Jung in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, einesteils beseelt vom Streben nach absoluter Erkenntnis, andererseits den Versuchungen eines wohlsituierten Großbürgertums nahezu hilflos ausgeliefert. Der Film endet im Juli 1913, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, aber die Geschichte seiner drei Hauptpersonen begann eigentlich erst jetzt. Ihre Wege jedoch strebten von nun an auseinander.

„Eine dunkle Begierde“ ist kein einfacher Film. Er ist vor allem eines nicht: ein reiner Unterhaltungsfilm. Da er auf die leichtverdaulichen Zutaten eines Popcorn-Kinos generell verzichtet, werden ihn manche sicher langweilig finden oder auch anstrengend und verwirrend. In dieser Hinsicht ist er mit einer echten Psychoanalyse vergleichbar: Die nachhaltigsten „Actionszenen“ liegen unter der glatten Oberfläche begraben. Wer nur passiv darauf wartet, dass etwas Weltbewegendes geschieht, dürfte zwangsläufig enttäuscht sein, doch wer tiefer schürft, wird so manche Perle entdecken. Die Story erhält zusätzlichen Reiz durch das Auftreten des Anarchisten Otto Gross (ich glaube, Cronenberg nannte ihn einen „Proto-Hippie“). Er ist die dritte Zutat für den sich abzeichnenden psychoanalytischen Urknall: Sigmund Freud als kühl analysierender, rational denkender Begründer einer neuen Wissenschaft, C. G. Jung als idealistischer Sucher nach dem Unbekannten, als Erforscher der Archetypen und des kollektiven Unbewussten, während Otto Gross (gespielt von Vincent Cassel) die sexuelle Befreiung des Individuums in Form einer Kulturrevolution auf die gesamte Gesellschaft ausdehnen wollte – aus diesen drei Ur-Elementen entstanden alle psychologischen Anschauungen, Schulen und Richtungen, wie sie heute existieren.

Der Film überzeugt auch durch die hervorragenden Schauspielerleistungen. Viggo Mortensen interpretiert Freud als monolithischen Übervater, festgemauert in seinen Ansichten, während Jung offener und neugieriger, aber auch labiler wirkt. Einige Rezensenten haben an dieser Stelle Keira Knigthley für die vermeintlich überzogene und exzessive Darstellung der Sabina Spielrein kritisiert, besonders ihr Auftreten im ersten Drittel des Films. Aber man sollte nicht vergessen, dass der heutige Blickwinkel nicht unbedingt mit den Realitäten übereinstimmen muss, wie sie vor hundert Jahren herrschten. Dazu sagte Regisseur Cronenberg in einem Interview: „Ich habe mir zusammen mit Keira Knightley eine Menge alter Fotografien angeschaut, auf denen Hysteriekranke zu sehen sind.“ Und er fuhr fort: „Diese Fotos sind schockierend, fast unerträglich, weil die Gesichter der Menschen darauf oft schrecklich entstellt sind. Im Vergleich dazu ist der Film eher zurückhaltend.“ Ergänzend sei angefügt, dass Jungs detaillierte Beschreibungen von Sabina Spielreins Krankheitssymptomen („Wein- und Schreikrämpfe“) rund 50 Seiten umfassen und somit durchaus Rückschlüsse auf die psychische Verfassung der Patientin gestatten.

Ein weiterer Pluspunkt, den „Eine dunkle Begierde“ verbuchen kann, ist das Bemühen um historische Genauigkeit. So wurde die Jungsche Villa (ursprünglich am Zürichsee stehend) am Ufer des Bodensees originalgetreu wieder aufgebaut, und vielfach wurde auf Sammlungen und persönliche Gegenstände der Protagonisten zurückgegriffen. Fast anekdotisch wirkt die Recherche der Filmcrew in Bezug auf den Zigarrenkonsum von Sigmund Freund: Welche Zigarren rauchte er? Welche Länge, Dicke und Farbe besaßen diese? Rauchte er stets die gleiche Marke, oder bemühte er sich um Abwechslung? Und vor allem: Wie viele rauchte er pro Tag? Antwort: Ziemlich viele (etwa 20 bis 25 Stück). Ergo gibt es kaum eine Szene, in der Freud nicht in Begleitung einer qualmenden Zigarre auftritt. Vor dem Hintergrund dieser Detailbesessenheit wirkt es befremdlich, dass sich der Film im Abspann zwei grobe Schnitzer leistet: Otto Gross starb nämlich nicht 1919, sondern im Jahre 1920, und auch Sabina Spielreins Ermordung ist ein Jahr zu früh angesetzt (richtig wäre 1942). Das sollte einem Film, der sich um historische Authentizität bemüht, eigentlich nicht passieren (auch wenn diese falschen Angaben gelegentlich in der entsprechenden Literatur zirkulieren). Dessen ungeachtet ist „Eine dunkle Begierde“ keine Dokumentation, sondern immer noch ein Spielfilm, der gewisse Schwerpunkte setzt und andere Bereiche eher stiefmütterlich behandelt. So bleibt die Rolle von Jungs Ehefrau Emma schattenhaft diffus, und an keiner Stelle ist zu erahnen, dass sie später ebenfalls als Psychoanalytikerin arbeitete. Aber vielleicht wäre es zu viel verlangt, dass der Film alle agierenden Personen in gleicher Weise würdigt. Im Grunde ist er mit der skizzenhaften Darstellung des Dreiecksverhältnisses Freud – Jung – Spielrein vollkommen „ausgelastet“.

Das ganze Psychodrama ist zumeist in hellen, freundlichen und oft sonnendurchfluteten Szenen eingefangen, in ruhig fließenden, aber nie langweiligen Einstellungen. Die Bilder vermitteln den Eindruck einer Belle Epoque in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Wobei das „Belle“ natürlich nur für das gehobene Bürgertum zutrifft. Und so gilt auch hier der Satz: Die Wahrheit ist – wie immer – unter einer harmlos schimmernden Oberfläche verborgen.
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 21.06.2014 12:10:31 GMT+02:00
Was die Ausdrucksfähigkeit anbelangt, eine der meiner Meinung nach womöglich besten Rezensionen überhaupt!
Im Übrigen mit zahlreichen detailgetreuen Inhalten versehen und somit sehr lesenswert.

Auch ich denke, dass man diesen Film leicht missversteht. Man stempelt ihn recht rasch als verwirrend bis langweilig ab, aber vielmehr versucht der Film seine ganz eigene -wenn auch komplexe- Philosophie zu vermitteln und hinterlässt (immerhin) einen bleibenden Eindruck...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.07.2014 22:17:14 GMT+02:00
Danke für die Blumen, die nehme ich gerne entgegen. Ich habe mich mit dem Film rundum wohl gefühlt, aber das ist - wie an einigen anderen Rezensionen zu sehen ist - durchaus nicht die Regel. Es kommt hier offenbar sehr auf den Blickwinkel an, mit dem Cronenbergs Werk betrachtet wird. Vielleicht ist es in diesem Fall wirklich hilfreich und nützlich, ein wenig Vorwissen zum Thema mitzubringen.

Veröffentlicht am 06.08.2014 22:22:01 GMT+02:00
Hagan meint:
Ein sehr lesenswerter Kommentar. Ich persönlich fand den Film sehr spannend und bewegend. Die Themen sprechen mich persönlich an. Was die Geschichte angeht, spiegelt sich wohl in der ablehnenden Haltung Freuds gegenüber Jungs Liebesleben eine gewisse Engstirnigkeit. Und war es verwunderlich, daß Jung nicht mit der Wahrheit rausrückte, ahnend, daß es das Ende der Freundschaft bedeutete? Könnte es sein, daß Freud sich weniger von seiner spießigen Konditionerung gelöst hat als Jung? Auffällig war, daß Jung seine Frau und beide Geliebte so inspirierte, daß sie selbst später als Analytiker arbeiteten. So war er wohl seinem Anspruch, Menschen auch zeigen zu wollen, wozu sie imstande sind, gerecht geworden. Ein solchen Zuspruch in Kombination mit der Kraft der Akzeptanz des Lebens zu kombinieren, ist wohl eine große Kunst.
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