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Kundenrezension

17 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sozialismus light oder Die dunkle Seite der Macht, 11. Juli 2006
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The General Theory of Employment, Interest, and Money (Great Minds Series) (Taschenbuch)
Dieses Buch ist nicht nur im letzten Jahrhundert sehr folgenreich gewesen. Obwohl es auch im englischen Original häufig unklar und widersprüchlich ist, gewinnt man viele neue Einsichten. (Keynes hat seine Überlegungen für seine wirtschaftswissenschaftlichen Kollegen aufgeschrieben, um diese zu überzeugen; er sagt im Vorwort selbst, dass es zumindest für Laien unverständlich ist.)

Man merkt schnell, dass Keynes' Theorie zu den selbsternannten Keynesianern (besser gesagt: Pseudokeynesianern) teilweise im Widerspruch steht:

- Keynes lehnt Arbeitszeitverkürzungen ab (weil die Leute lieber Geld statt Freizeit wollen)
- im Hinblick auf die Konjunktur ist die Konsumnachfrage irrelevant
- bei Annäherung an das Produktionspotenzial bricht die Beziehung zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit ("Phillipskurve") zusammen
- im Gegensatz zur "Kaufkrafttheorie der Löhne" fordert Keynes, dass die Löhne in der kurzen Frist stabil sein müssen und allenfalls langfristig geringfügig steigen dürfen

Keynes kritisiert die Fixierung der Klassiker auf die lange Frist (dort ist das Produktionspotenzial erreicht und es gibt nur das, was man heute "natürliche Arbeitslosigkeit" nennen würde). Die "Allgemeine Theorie" beschäftigt sich mit der kurzen Frist, während der Produktion und somit Arbeitslosigkeit von der Nachfrage abhängen. Während Keynes zeigt, dass bei Annäherung an das Produktionspotenzial eine Erhöhung der Nachfrage nur noch Inflation erzeugt, kann oder will er nicht erkennen, dass dann auch seine Theorie zusammen bricht und wieder die klassische Sicht greift. Er möchte selbst strukturelle Arbeitslosigkeit nicht durch Lohnsenkungen kurieren, weil seiner Meinung nach die Geldlöhne nach unten hin starr sind. (Seine Lösung besteht darin, die Reallöhne durch Inflation zu senken.)

Mit Marx hat Keynes gemein, dass er von Ricardo die Arbeitswerttheorie übernimmt (d. h., der Wert eines Produktes entspricht der darin enthaltenen Arbeit; heute weiß man, dass sich der Wert nach dem subjektiven Nutzen richtet). Beide sind der Meinung, dass der Kapitalismus an sein Ende kommt, wenn die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals (bedeutet in etwa: Gewinn aus einer Investition) zu niedrig wird. Die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals nimmt nach Keynes zwangsläufig ständig ab, bewirkt durch ihre ständigen Schwankungen die Konjunkturzyklen oder muss erst durch die Wirtschaftspolitik gesenkt werden (hier sieht man wieder, dass Keynes zu jedem Thema mehrere Meinungen hat).

Keynes hat Recht damit, dass die Investitionsnachfrage wesentlich die Konjunktur bestimmt. Er zeigt, dass die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals vom Zinssatz sowie von Zukunftserwartungen beeinflusst wird. Die Erwartungen verstärken sich über die Massenpsychologie bzw. den Herdentrieb an den Börsen. Eine konjunkturelle Wende tritt demnach dann ein, wenn man der übertriebenen Erwartungen (egal, ob positiv oder negativ) bewusst wird und die Investitionsnachfrage sich entsprechend anpasst. Über den so genannten Multiplikator potenziere sich eine Investition in überproportional viele Arbeitsplätze.

Jedoch ist Keynes der Meinung, dass Zinssenkungen nicht ausreichen, um eine Depression zu beenden. Er fordert deshalb eine staatliche Organisation der Investitionen, damit sozial sinnvolle Investitionen im benötigten Umfang durchgeführt werden. Zur Senkung der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals empfiehlt Keynes, die Zinsen auch in der Hochkonjunktur nicht anzuheben und auf diese Weise einen etwa eine Generation andauernden Aufschwung zu erzeugen. An dessen Ende wären dann so viele Güter vorhanden, dass Investitionen sich nicht mehr lohnen würden. Durch den Wegfall der Investitionen würde es auch keine Konjunkturzyklen mehr geben. Da nichts mehr investiert werden kann, muss das Geld der reichen Investoren zu den armen Arbeitnehmern umverteilt werden (siehe "Reichensteuer"), damit es nicht nutzlos auf der Bank liegt.

Im letzten Kapitel erfahren wir endlich, welche Gesellschaftsordnung angestrebt wird. Das Ziel sei keineswegs ein "Staatssozialismus", werden wir belehrt, denn das Privateigentum bleibe ja erhalten. Es werde lediglich der Rahmen, innerhalb dessen die Unternehmen weiterhin frei entscheiden könnten, von kapitalistischen Auswüchsen befreit. Dieser Rahmen beinhalte: Teilweise Verstaatlichung der Investitionen, ansonsten staatliche Zuteilung von Ressourcen und Prämien für Investitionen. Wegen der zu geringen Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals würde diese Wirtschaftspolitik in Verbindung mit sehr niedrigen Zinsen für Rentiers und "ausbeuterische Kapitalisten" - in Keynes' Worten - die "Euthanasie" bedeuten. Dazu werden höhere Steuern auf hohe Vermögen und Erbschaften empfohlen. Wenn dereinst alle Länder Vollbeschäftigung hätten, würden keine neuen Märkte mehr benötigt und es gäbe keine Kriege mehr. Falls wir das Paradies nicht in dieser Generation erreichten, müssten wir eben zu Gunsten der folgenden auf Konsum verzichten. - Mich erinnert Keynes' Fünfzigjahresplan ein wenig an Stalins Aufbau der Schwerindustrie. (Jedi-Meister Yoda würde wahrscheinlich wieder sagen: "Verführerisch die dunkle Seite ist".)

Friedrich v. Hayek hat deshalb Recht, wenn er in seinem gleichnamigen Buch vor dem "Weg in die Knechtschaft" warnt: Eine schrittweise Steuerung der Investitionen durch den Staat muss in einer Planwirtschaft enden. Keynes schreibt ja im Vorwort zur deutschen Ausgabe der "Allgemeinen Theorie" selbst, seine Wirtschaftspolitik würde gut zu einem totalitären Staat passen.

Heute wird allgemein anerkannt, dass die Konjunktur durch die Nachfrage bestimmt wird. Jedoch konnte Milton Friedman nachweisen, dass im Gegensatz zu Keynes' Annahmen die Geldpolitik wirkt und der Multiplikator nur einen geringen Wert hat. Die "österreichische Schule" lehnt den Multiplikator ganz ab und konnte überzeugend nachweisen, dass eine staatliche Planung nicht funktionieren kann. Beide Richtungen zeigten, dass die "Phillipskurve" nur kurzfristig stabil ist. Darüber hinaus stehen heute die negativen Folgen der staatlichen Ausgabenpolitik im Mittelpunkt: Staatliche Ausgaben können private verdrängen, staatliche Kreditaufnahme die private erschweren; das Drucken von Geld erzeugt Inflation. Glücklicher Weise sieht es so aus, als ob die Theorie des "endogenen Wachstums" erklären könnte, warum die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals nicht ins Bodenlose fällt und Wachstum deshalb auch weiterhin möglich ist.

Somit war Keynes' Buch sinnvoll, indem es auf die Besonderheiten der kurzen Frist aufmerksam machte. Die darin empfohlenen Maßnahmen waren jedoch desaströs. Deshalb war nach einer Generation Keynesianismus nicht der Kapitalismus am Ende, sondern der Keynesianismus.
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