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Kundenrezension

15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Absolute Vokalmusik in hervorragender Aufnahmetechnik, 4. Januar 2004
Rezension bezieht sich auf: Motetten / BWV 225-230 (Audio CD)
Wer Vokalmusik liebt, muss Johann Sebastian Bachs Motetten kennen. Prof. Martin Geck hat geschrieben: "Im Werk Bachs gibt es immer wieder Gipfel: Werke, in denen jenseits von allem Zeit- und Gattungsbedingten die Essenz einer Sache aufscheint. Die [...] doppelchörige Motette <Singet dem Herrn ein neues Lied> BWV 225 ist ein Gipfel absoluter Vokalmusik" (Bach: Leben und Werk, S. 493). Insgesamt hat Bach wohl sieben Motetten komponiert, aber BWV 118 spielt eine Außenseiterrolle, so dass man gängigerweise sechs (oder gar nur fünf) auf CD zu hören bekommt.
Da ich drei hervorragende, aber sehr unterschiedliche CDs mit Bachs Motetten besitze, möchte ich diese einfach ein wenig miteinander vergleichen, um Interessierten bei der Kaufentscheidung behilflich zu sein. Es handelt sich um folgende Aufnahmen: BWV 225 - 230 mit dem Kammerchor der Augsburger Domsingknaben unter der Leitung von Reinhard Kammler (Deutsche Harmonia Mundi, Aufnahme 1987 in der Kirche zu Violau, in der Reihe "Baroque Esprit" wieder veröffentlicht); BWV 225 - 230 mit den Chören der Chapelle Royale, Paris, und des Collegium Vocale, Gent, unter der Leitung des belgischen Ausnahmedirigenten Philippe Herreweghe (Harmonia Mundi France, Aufnahme 1985 in Gent); und um BWV 225 - 229 mit dem Kammerchor Stuttgart und dem Barockorchester Stuttgart unter der Leitung von Frieder Bernius (Sony Vivarte, Aufnahme 1989 in der Evangelischen Kirche zu Gönningen).
Zunächst die Gemeinsamkeiten: Alle drei CDs sind der historischen Aufführungspraxis verpflichtet und nähern sich, aus Sicht des jeweiligen Dirigenten, dem "Originalklang", wie er Bach vorgeschwebt haben kann. Alle drei lassen "colla parte"-Instrumente mitlaufen, allerdings mit großen Unterschieden im Endergebnis. Und alle drei setzen Chöre von der Stärke ein, wie sie Bach vermutlich zur Verfügung standen (obwohl Herreweghe die längste Motette, "Jesu, meine Freude" BWV 227, solistisch aufführen lässt). Schließlich gibt es keine großen Tempo-Unterschiede: Kammler braucht für alle sechs Motetten gut 60 Minuten, lässt allerdings bei "Singet dem Herrn ein neues Lied" die zweite Choralstrophe "Er hat uns wissen lassen" weg. Bernius verzichtet auf BWV 230, kommt aber dank der Wiederholung auf 61 Minuten. Herreweghe braucht 68 Minuten.
Dennoch könnten die Unterschiede kaum größer sein. Die Augsburger Domsingknaben gehen mit ihren unschuldigen Knabenstimmen mit großem Elan und viel Sangesfreude an die Aufgabe und werden durch eine Aufnahmetechnik unterstützt, die ich als einmalig gut bezeichnen möchte: Hier hört man, gerade über Lautsprecher-Boxen, jede einzelne Stimme so deutlich heraus, dass eine Live-Atmosphäre herrscht. Kammler lässt als Begleitung nur eine Orgel (vielleicht mit Cello und/oder Kontrabass - hier schweigt das Beiheft!) im Hintergrund mitlaufen, was zu einer einmalig guten Textverständlichkeit führt (das Beiheft verzichtet auf Abdruck der Texte). Es gibt einige kostbare Augenblicke, beispielsweise beim Abschluss von BWV 227: "Weicht, ihr Trauergeister" ... die Trauergeister haben hier wirklich keine Chance! Allerdings verleitet die hervorragende Aufnahmetechnik dazu, auf einzelne Stimmen zu achten, und ich konnte mich gerade für die hier eingesetzten Tenöre nicht immer begeistern.
Herreweghe und Bernius setzen Frauen- statt Knabenstimmen und jeweils ein kleines Orchester ein, wobei Bernius hier noch konsequenter nach historischen Vorgaben vorgeht und sein Orchester auf die beiden Chöre aufteilt. Da bei Bernius die Instrumente auch räumlich im Vordergrund stehen, ergibt sich (wohl auch aufgrund der Kirchenakustik) ein ganz anderes Klangbild: Die Mikrofone standen wohl etwas weiter weg vom Geschehen, die Textverständlichkeit litt etwas darunter, und man bekommt den Eindruck, es sei Bernius eher um das "Ganze" gegangen als um die Hervorhebung von Einzelheiten. Über Lautsprecher-Boxen hörte sich das weniger gut an, aber über Kopfhörer schien sein Konzept wieder aufzugehen. Bei den Stimmen sind es die Männer des Kammerchors Stuttgart, insbesondere die Solisten Martin van der Zeyst, Markus Brutscher und Thomas Herberich, die einen besonders guten Eindruck hinterließen. Die Bernius-Aufnahme steht wohl in der Tradition der deutschen Kantorei und wird Liebhabern deutscher Kirchenmusik vermutlich am besten gefallen.
Herreweghes Aufnahme zeichnet sich vor allem durch den Schönklang aus. Die sängerische Leistung seiner Chöre und Solisten ist wirklich ohne Fehl und Tadel, und die weiblichen Solisten, allen voran Agnès Mellon, verstehen es immer wieder, Höhepunkte zu setzen. Die Reife und das technische Können der Sänger ist meines Erachtens haushoch überlegen, auch wenn die Aussprache des Deutschen hin und wieder etwas belgisch-französisch klingt. Allerdings könnte man sich fragen, ob dieser durch weibliche Stimmen produzierte Wohlklang die Aufnahme nicht vom Bach'schen Originalklangideal wieder entfernt. Bei Herreweghe spielt das Orchester keine so tragende Rolle wie bei Bernius; hier stehen eindeutig die Stimmen im Vordergrund. Herreweghes Beiheft enthält zwei längere Aufsätze mit musikwissenschaftlichem Hintergrund und sticht damit die beiden anderen Aufnahmen aus.
Ich glaube, wenn ich nur eine CD mit Bachs Motetten besitzen dürfte, würde ich mich für die Herreweghe-Aufnahme entscheiden, und zwar aufgrund der herrlichen Sangesleistung. Für Kammler wie Bernius spricht jedoch ebenfalls sehr viel, hier muss jeder mit sich selbst abmachen, welche Qualitäten ihm wichtiger sind.
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Ort: Selsingen, Lower Saxony

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