lichtenberg, zeitgenosse kants, wollte mit flüssigem humor vermitteln, was kant wie trockenes pulver servierte. lichtenberg, hauptberuflich professor für physik, ging in seinen heimlich geschriebenen tagebüchern, den sudelbüchern, der aufgabe nach, aphoristisch kurz und zumeist mit befreiendem lachen zu erklären, was kant für den durchschnittsleser zu kompliziert darbrachte. nichtdestotrotz wäre lichtenberg also nicht nur als erfinder des blitzableiters zu feieren, nicht nur von der germanistischen zunft als begründer deutschsprachiger aphoristik - nein drittens, und ganz besonders, wie ich finde: als souveräner philosoph der aufklärung. er sah die kirchenbürokratie kritisch, die fürsten-herrlichkeiten, den sich verstärkenden rassismus (in form des gelehrten lavater): sein sich um autarkie bemühender verstand wollte sich von keiner der üblicherweise von einer gesellschaft ausgegebenen parolen vernebeln lassen. selbst erotisch wagte er das verbundensein mit nicht standesgemäßen ehe-partnern, wie ein unerkannter vor-begründer psycho-analytischen denkens tauchte er in seine träume, mutter-verbundenheiten, tagträumerischen halb-unterbewußtheiten erforschend hinab - wie ein universal-genie aufklärerischer vernunft warf er millionen von einfällen in die arena der nachfahrenden, sandkörner, die jedes ausgangspunkt einer dissertation zu werden die kraft hätten. es lohnt sich also, sich mit lichtenberg zu beschäftigen. nicht nur, weil er die vernunft so hoch hält. nein, weil er auch besonders die grenz-kanten des vernunft-betonten, systematischen denkens mit höchstem literarischen witz bis an den abgrund der absurdität drängt. lichtenberg ist bis heute nicht richtig ausgewertet - jeder, der statt mit zweien auch mit einer hose auskommt, sollte sich also für das ersparte geld einen lichtenberg leisten...