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Kundenrezension

Ganze sieben Jahre nach "A bigger bang", hätten die meisten Stones-Fans nun im Jahre 50 unserer Zeitrechnung wohl zumindest nichts gegen ein komplett neues Album einzuwenden gehabt, haben wohl eher gierig darauf gehofft. Das unterstelle ich selbst jenen, die gebetsmühlenartig seit vierzig Jahren nicht müde werden zu betonen, dass die besten Alben jene der heiligen Tetralogie zwischen 1968 und 1972 waren, also "Beggars banquet", "Let it bleed", "Sticky fingers" und "Exile on Main St.".
Liebe Angehörige jener Generation, seht es mir bitte als Unverschämtheit eines jungspündigen Spätgeborenen nach, aber ich kann das nicht mehr hören. Diese vier Alben waren, sind und bleiben zweifellos großartig, aber es ist nicht so, dass die Stones seither nur noch B-Ware abgeliefert hätten. Klarer Widerspruch eines Aufmüpfigen, der im Jahre der "Some girls" mit Mordsgeschrei in die Welt flutschte. Und auch auf die Gefahr hin, daß nun bei einigen der Herzschrittmacher seiner Bestimmung Folge leisten muß, zum Fan wurde ich durch "Bridges to Babylon".
Das ist, neben der Musik, wohl die größte Leistung der Band, dass sie Generationen übergreifend Menschen erreicht und fasziniert und so miteinander verbindet.

Und all jenen die jetzt wieder das inzwischen selbst schon etwas in die Jahre gekommene Lied anstimmen werden "Muß das denn sein, dass man in diesem Alter noch auf der Bühne den wilden Mann spielt?" sei entgegnet: Ja verdammt noch mal!
Es gibt 1) kein Gesetzt, dass das verbietet, 2) wenn es das Gesetz gäbe, dann wäre es höchste Zeit es notfalls mit zivilem Ungehorsam abzuschaffen, 3) wird damit niemandem geschadet und 4) wenn es irgendwem nicht gefällt, besteht weder Zwang zum Konzertbesuch noch zum Hören der Platten aus der Konserve. Und ja die Konzertkarten sind teuer und ja die Herren sind alle vier vielfache Millionäre und was weiß ich noch alles - siehe 4)!

Nun erscheint "Grrr!" und irgendwie war ja auch damit zu rechnen. Kompilationen gab es über die Jahrzehnte wahrscheinlich mehr als reguläre Alben, die meisten wollten irgendwie eine "Best of" sein und waren es zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung auch mehr oder minder, doch erst mit "Forty Licks" vor zehn Jahren gelang eine wirklich ganzheitliche Retrospektive. Alle Sampler bis dahin gingen entweder bis 1970 oder begannen da (Plattenfirmenwechsel).
Doch in den letzten zehn Jahren kam außer oben erwähntes "A bigger bang" kein weiteres reguläres Studio-Album und die Liste der großen Hits, im Sinne von Songs die jeder kennt, wurde in der letzten Dekade nun gewiss nicht verlängert. Wozu also schon wieder eine umfängliche Werkschau?

Nun, weil man die Feste so feiert wie sie fallen. Da dieser Rezensions-Artikel bei jeder der fünf umfänglich sehr unterschiedlichen Ausgaben von "Grrr!" zu lesen sein wird, konzentriere ich mich auf das wesentliche.

Und das sind nun einmal die beiden neuen Songs "Gloom and doom" und "One more shot". So sehr mir ein ganzes Dutzend neuer Songs auch lieber gewesen wäre, zwei sind immer noch zwei mehr als gar keiner und somit Grund zur Freude! (an dieser Stelle wäre etwas Szenen-Applaus für meine mathematische Performance angebracht)
Und beide zeigen doch wohl ganz eindeutig, dass der Frosch locken hat! Ohne nun selbst über Alter und Rock-Musik sinnieren zu wollen, aber dass die Herren mit ganz nah an der 70 (von beiden Seiten, Charlie Watts hat die Erfahrung ja schon durch) noch soviel Feuer versprühen können, hätte ich nicht zu hoffen gewagt. Ich werde die Stones auch noch lieben, wenn sie irgendwann neunzigjährig entspannten Blues absondern, aber es tut gut zu hören, dass sie immer noch zwei neue Songs regelrecht rausrotzen können, die Altersmilde nicht einmal erahnen lassen. Allein dieser beiden Songs wegen, gehört "Grrr!" in jede Stones-Sammlung.

Nur in welcher Ausgabe?
2-CD (40 Tracks):
Geht es einem wirklich hauptsächlich um die beiden neuen Songs, genügt diese, weil man alles weitere ja schon hat und kennt.
3-CD (50 Tracks):
Die Ausgabe, die wohl die höchsten Stückzahlen erreichen wird. 50 Songs macht zum 50. Jubiläum nicht nur Sinn, sondern führt dazu, dass tatsächlich alle großen Hits vertreten sind. Gerade für Einsteiger und Neuentdecker, die es ja erfreulicherweise immer noch gibt, ein wirklich gelungener Querstreif durch ein halbes Jahrhundert Stones-Geschichte.
Notabene, es ist sehr löblich, dass diesmal anders als bei "Forty licks" auf Chronologie geachtet wurde. Man springt nicht in den Jahren hin und her und kann so die Entwicklung, reduziert auf die großen Hits, wunderbar nachhören.
3-CD Deluxe (50 Tracks, opulentes Cover):
Selbe Tracklist in sehr üppiger Aufmachung.
5-LP (50 Tracks):
Vinyl bleibt Vinyl bleibt Vinyl! Das ist wie Religion und ich tauge nicht zum Missionar. Wer es liebt, wie ich, der freut sich Tränen in die Augen, und wer nicht, dem sind solche Pressung herzlich egal. Und das geht auch in Ordnung.
4-CD + reichlich Bonus (80 + 9 Tracks):
Die ultimative Box (zugegeben sehr preisintensiv). Das Greatest Hits Programm wird hier auf 4 CDs und 80 Tracks (inkl. der beiden neuen) ausgeweitet. Die großen Hits wurden hier durch relevante Singles ergänzt. Doch damit nicht genug. Auf einer 5.CD befinden sich fünf Demo-Tracks der iBC Sessions aus 1963 und auf einer Single-Vinyl noch mal vier weitere Songs, die in den frühen 60ern live bei der BBC aufgenommen wurden. Das ganze in einer Kiste mit allerhand Spielzeug und einem sehr aufwendigen Bildband.
Doch so schön das Ding auch ist, wäre hier nicht der richtige Anlass und Rahmen gewesen endlich eine DVD mit hineinzupacken, die alle Rolling Stones Videoclips enthält?
Mp3-Download (40 oder 50 Tracks):
Och nöö, lass gut sein! Kauft Platten Leute!

Zwei wirklich starke neue Songs und eine Werkschau die durchdacht und zu diesem Anlass auch legitim ist, wissend, dass eine Best of nach künstlerisch-kreativen Kriterien eigentlich nie Höchstwertung erhalten dürfte. Und um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: also ich tu es. Ja!
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