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3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Talking About Revolution, 9. Mai 2014
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Rezension bezieht sich auf: Systemtransformation: Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung (Taschenbuch)
Ist eine Entwicklung hin zur Demokratie in allen Kulturkreisen dieser Welt möglich? Dies Frage wurde und wird in der Politikwissenschaft intensiv diskutiert. Wolfgang Merkel – Prof. an der Humboldt-Universität Berlin und wohl Deutschlands führender Experte in Sachen Systemtransformation - orientiert sich am Modell von S. Huntington. Dass Demokratie nur im Westen, der eine Epoche der Aufklärung durchlebt hat, möglich sei, könne als widerlegt gelten. Auch in orthodox geprägten Ländern wie Griechenland oder Bulgarien hat sich Demokratie etabliert. Anhänger von Huntingtons These, dass sich Konfuzianismus und Demokratie ausschließen würden (der Konfuzianismus impliziert eine statische Auffassung einer ewig gültigen, natürlichen Gesellschaftsordnung), werden durch Taiwan oder auch Südkorea eines besseren belehrt und im islamischen Raum gäbe es stabile Entwicklungen in Indonesien und der Türkei. Allerdings ist auch in diesen Ländern schwer vorstellbar, dass sich politische Kräfte oder Vorstellungen, die dem Islam widersprechen, gleichberechtigt durchsetzen könnten. Religiöse Minderheiten sind in islamischen Ländern so gut wie nirgends an der Regierung beteiligt.

Demokratisierung vollzog sich stets über verschiedene Stufen in denen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen sich emanzipierten und politische Mitsprache einforderten. So gesehen hat die westliche Demokratie einen langen Vorlauf. Im Ergebnis des Investiturstreites im 11. Jh. kam es zu einer ersten grundlegenden Aufteilung zwischen kirchlicher und weltlicher Gewalt. In Folge der Magna Charta Libertatum (1215) grenzte sich der Adel gegen die Macht des Königs ab und es entwickelte sich nach und nach der britische Parlamentarismus. Auch im "Heiligen römischen Reich deutscher Nation" wurden in den Reichstagen die Stände in die kaiserliche Regierungsgewalt miteinbezogen.

Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit forderte das wirtschaftlich erstarkende Bürgertum zunehmend politische Mitsprache ein - u.a. entwickeln sich so die Hansestädte und die italienischen Städterepubliken. Im 16. Jh. forderte mit europaweiten Bauernaufständen die damals am meisten unterdrückte gesellschaftliche Schicht politische Mitsprache und Gerechtigkeit ein. Dass hierzu im HRRDN zunächst eine rechtliche Basis geschaffen wurde – durch die rege genutzte Möglichkeit der Untertanenprozesse vor dem Reichskammergericht – kann als erster Schritt angesehen werden. Später flossen die Anliegen der Bauern mit in die Arbeiterbewegung ein, die von Anfang an ein breites Spektrum von christlicher über sozialistischer bis hin zu liberaler Orientierung umfasste.

Mit dem Humanismus der Renaissance, mehr noch jedoch mit der Reformation emanzipierten sich auch in religiöser und weltanschaulicher Hinsicht immer weitere Teile der Gesellschaft vom alles beherrschenden institutionell-kirchlichen Absolutismus. Dies alles führte zu einer Diversifizierung gesellschaftlicher Macht, die nach Modellen einer moderierenden bzw. konsensorientierten Regierungsführung verlangten. John Locke schuf als einer der wirkmächtigsten Vertreter der frühen Aufklärung die Grundlagen unseres westlichen Gesellschaftsmodells - Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung – ähnlich wie Grotius, Pufendorf aber auch eher säkulare Denker wie Thomas Paine noch unter ständigem theologischen Rückbezug. Die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung der USA, der französischen Verfassungsentwurf von 1791 sowie die gesamte Entwicklung der bürgerlich-liberalen Staatstheorie bis in die Gegenwart fußen maßgeblich auf Locke. Kant, Montesquieu, Rousseau bezogen sich umfänglich auf ihn.

Die USA gaben sich als erster Staat der Welt eine Verfassung, die demokratischen Grundsätzen verpflichtet war. Erst als 1828 durch Präsident Jackson das Zensuswahlrecht abgeschafft wurde, war jedoch tatsächlich die Mehrheit der - zunächst nur weißen und männlichen - Bevölkerung wahlberechtigt. In Europa bildeten die Glorious Revolution (1688) mit der "Bill of Rights" sowie die Französische Revolution (1789) mit der "Erklärung der Menschen und Bürgerrechte" Meilensteine auf dem westlichen Weg zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Doch auch hier war es noch ein langer Weg, bis Menschen unabhängig von Besitz, Geschlecht, Rasse und Religion gleichberechtigt am politischen Leben teilhaben konnten.

So stand in den westeuropäischen Nationen - wie in den USA - am Auftakt der allgemeinen Partizipation das Zensuswahlrecht. Erst mit dem Erstarken der Gewerkschafts- bzw. Arbeiterbewegung im 19. Jh. änderte sich das. In England, dem Stammland des Parlamentarismus, durfte jedoch noch bis 1918 nur gut die Hälfte der männlichen Bevölkerung wählen.

Dass Olympe de Gouges mit Berufung auf den Schöpfer, der Harmonie zwischen den Menschen wolle, statt Hegemonie und Hierarchien, während der französischen Revolution die "Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin" verfasste, kostete sie das Leben. Bereits 1776 hatte hingegen der US-Bundesstaat New Jersey das Frauenwahlrecht für Witwen mit Besitztum eingeführt. 1869 führte Wyoming das Frauenwahlrecht im umfänglichen Sinne ein. Es folgten Colorado (1893), Australien (1902), Neuseeland (1919), in Europa Finnland (1906), Norwegen (1913), Dänemark (1915), Polen und Österreich (1918), Deutschland (1919). Interessanter Weise taten sich gerade die liberalen europäischen Länder schwer: Großbritannien 1928, Frankreich 1944, Schweiz 1971.

Ein ähnliches Bild bei der Frage der Gleichbehandlung verschiedener Rassen. Pro Forma wurde Afroamerikanern in den US bereits im Jahr 1866 das Wahlrecht zuerkannt. Es folgten jedoch bald Klauseln, die dies immer mehr einschränkten. Erst die Bürggerechtsbewegung unter M. L. King setzte 1965 – ein Jahrhundert später - das vollumfängliche Wahlrecht durch.

Ähnliche Prozesse finden sich in anderen Teilen der Welt. Grundsätzlich unterscheidet Merkel – wiederum in Anlehnung an S. P. Huntington – drei Demokratisierungswellen: Erste Welle 1828-1926: Argentinien, Australien, Belgien, Chile, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Island, Italien, Japan, Kanada, Kolumbien, Litauen,Lettland, Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Osterreich, Polen, Portugal, Schweden, Spanien, Schweiz, Tschechoslowakei, Ungarn, Uruguay, USA. - In einer „Gegenwelle“ kamen dann die Länder in Lateinamerika, die Achsenmächte des 2. WK, sowie die späteren Ostblockländer zunächst wieder vom demokratischen Weg ab.

Zweite Welle 1943-1962: Zu nennen wären die Nachkriegsdemokratien BRD, Italien, Japan, aber auch Indien, die Türkei, Israel, sowie verschiedene Entwicklungsländer in Afrika, Lateinamerika, Südostasien, von denen allerdings die meisten zunächst wieder „kippten“. So fallen bspw. Brasilien, Südkorea, Philippinen, Nigeria Militärdiktaturen anheim.

Dritte Welle 1974-1995: Portugal, Griechenland, Spanien, Peru, Ecuador, Uruguay, Guatemala, Brasilien, Philippinen, Südkorea, Thailand , Taiwan, seit Mitte der 80er Jahre Demokratisierungsansätze auch in verschiedenen Ländern Afrikas (Kenia, Uganda, Tansania, Malawi u.a. instabil; Südafrika, Botswana, Namibia, Benin, Ghana, Senegal inzwischen stabil), Mittel- und Osteuropa (ehem. Ostblock).

Unberücksichtigt bleiben die „Colour Revolutions“ - Serbien 2000, Georgien 2003, Ukraine 2004, Libanon und Kirgisistan 2005, die im Fall von Serbien in eine stabile Demokratie, in den andern Fällen zumindest in einen noch andauernden Demokratisierungsprozess mündeten – sowie der „Arabische Frühling“ mit noch ungewissen Langzeitfolgen.

Der Zusammenbruch eines autokratischen Regime kann verschiedene Ursachen haben. Merkel unterscheidet zwischen systeminternen Ursachen (z.B. Legitimitätskrisen aufgrund ökonomischer Ineffizienz, Korruption, übermäßig repressiver Politik) und systemexternen Ursachen (Kriegsniederlage, Wegfall externer Unterstützung, Dominoeffekte bei denen in benachbarten Ländern Systemzusammenbrüche bzw. -wechsel vorausgehen, politischer Druck durch internationale Gemeinschaft, Geldgeber – siehe bspw. Washington-Consensus des IWF, der zumind. in Richtung Demokratisierung wirkt etc).

Der Autor unterscheidet sechs typische Verlaufsformen für Regime- bzw. Systemwechsel: ein länger andauernder evolutionärer Prozess bei dem verschiedene Einflussfaktoren eine Rolle spielen (wie bspw. oben für die meisten Länder der westlichen Sphäre beschrieben), ein von den alten Eliten „von oben“ gesteuerter Systemwechsel (Thailand, Taiwan, Rumänien, Brasilien), ein demokratisch „von unten“ erzwungener Umschwung (Philippinen, Portugal, Tschechoslowakei, DDR), ein zwischen verschiedenen, entsprechend mächtigen, gesellschaftlichen Interessengruppen ausgehandelter Systemwechsel (Spanien, Südkorea, Polen), ein Kollabieren des alten Regimes bspw. nach Kriegsniederlagen (Deutschland, Japan), Zerfall und Neugründung von Staaten (Bsp. Habsburger Reich 1918, aus dem u.a. demokratisch verfasste Länder Österreich und Tschechoslowakei hervorgingen, 1990/91 Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens – im ersten Fall entstehen demokratisch verfasste Staaten im Baltikum, im zweiten Slowenien, später Serbien und Kroatien).

Oft bestehen auch nach der Einführung freier Wahlen und einer relativ stabilen Verankerung politischer Institutionen erhebliche Schwierigkeiten weiter fort: Stimmen und Ämterkauf, Korruption, Erpressung, Bedrohung in politischen Entscheidungsprozessen, Vettern- und Klanwirtschaft, Auseinandersetzungen mit militanten Gruppierungen, ethnische Konflikte, regionale Machtvakuen, Spannungen zwischen Politik und Militär, Machtkämpfe innerhalb des Militärs oder zwischen Militär und anderen bewaffneten Institutionen oder Spezialeinheiten, Verflechtung von Politik und Wirtschaft auf Kosten von Arbeitnehmerrechten. Eine Konsolidierung hingegen vollzieht sich nach Merkel in Form von zeitlich sich überschneidenden Prozessen auf der Ebene der Verfassungsinstitutionen (Legislative, Judikative, Exekutive), der territorialen Interessenrepräsentation (Parteien und Verbände), des politischen Verhaltens der Vetoakteure (Akzeptanz der demokratischen Verfahren durch die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Eliten) sowie der Staatsbürgerkultur (Entfaltung einer demokratiestützenden civil society und civic culture).

Letzteres - die Entwicklung einer Zivil- bzw. Bürgergesellschaft – hat einen bedeutenden Stellenwert auch im Vorfeld der Demokratisierung. Gerade in Ländern, in denen ein Umsturz von unten initiiert wurde, findet sich zuvor i.d.R. ein verhältnismäßig hohes Maß an zivilgesellschaftlicher Organisation. Zivilgesellschaftliches Engagement sensibilisiert Menschen für gesellschaftspolitische Fragen, Abläufe und Problemstellungen. Es politisiert Menschen – für eine gesunde demokratische Entwicklung kein Garant, wohl aber eine unerlässliche Voraussetzung.

Zivilgesellschaftliche Organisationen und Netzwerke können durch Zusammenarbeit breiten zivilen Widerstand mobilisieren und koordinieren, wenngleich solche Kooperationen i.d.R. nach Erreichen gemeinsamer politischer Ziele schnell wieder zerbrechen. Gescheiterte Umstürze, mangelnde Konsolidierung, instabile Demokratien – wie gegenwärtig bspw. in der arabischen Welt - haben eine wesentliche Ursache i.d.R. im Fehlen einer entwickelten Zivilgesellschaft.

Die internationale Zusammenarbeit auf dieser Ebene - etwa in Form von Projekten zur lokalen Verwaltungsorganisation, regionalen Entwicklung, Wirtschaftsförderung, Bildung, politischen Interessenvertretung, zu kulturellem Transfer, Empowerment von benachteiligten Bevölkerungsgruppen, Umweltschutz - kann deshalb sehr fruchtbar sein. Sicher - in welchem Umfang im konkreten Fall auf diese Weise tatsächlich ein Beitrag zur Demokratisierung geleistet wurde, sei schwer messbar, räumt Merkel ein. Bezüglich der Möglichkeiten und Effizienz externer Demokratieförderung bestehe eher Dissens als Konsens. Fakt ist, dass die „weichen Faktoren“ gemeinhin unterschätzt werden. Gesellschaftlicher Wandel hat viel mit Modellwirkung zu tun, der Möglichkeit der Begegnung, Erfahrung, Einsichtnahme in alternative, attraktive Formen der Gesellschaftsgestaltung.

Handels- und Wirtschaftsbeziehungen allein bewirken nicht notwendiger Weise Wandel in der politischen Kultur – das Bsp. China zeigt es. Politischer Druck führt allzu oft nur zu Scheinmaßnahmen auf der Regierungsebene. Als effektiv hat sich hingegen erwiesen, Anreize zu schaffen, d.h. Finanzhilfen an überprüfbare Vorleistungen einer Regierung, die in Richtung Demokratisierung, Rechtsstaatlichkeit bzw. Rechtssicherheit (Besitz- und Vertragsrechte), Korruptionsbekämpfung, Verbesserung des Bildungssystems usw. zu knüpfen.

Merkel plädiert ausdrücklich für militärische Interventionen, wenn die humanitären Erfordernisse gegeben sind. Wenn in einem Land etwa ein Genozid stattfindet, muss die internationale Gemeinschaft dies stoppen. Allerdings zeigen auch alle Analysen, dass interne wie auch externe Gewaltanwendung sich insgesamt in Bezug auf den Demokratisierungs- und Entwicklungsprozess eher negativ auswirken. Verdeckte oder offen militärische Interventionen haben letztendlich – von Vietnam und Kuba über Honduras und den Kosovo bis in zu Afghanistan, Irak oder Libyen - fast durchgängig zu sehr zweifelhaften Resultaten, wo nicht gar zu einem offensichtlichen Desaster geführt.

Instabile Systeme, die militärischen Interventionen ausgesetzt waren, sind auch lange Zeit danach signifikant öfter in militärische Konflikte involviert. Entsprechendes gilt für revolutionäre Gewalt im Inneren, insbesondere wenn sie – wie es leider oft der Fall ist – in einen Bürgerkrieg mündet. Bürgerkriege dauern im Schnitt zehnmal so lange wie zwischenstaatliche Konflikte. Die Auswirkungen sind oft auch nach Beendigung des Krieges noch lange Zeit zu spüren: Flüchtlingsströme, Epidemien, Zerstörung, tiefe Spaltungen zwischen den verfeindeten Bevölkerungsgruppen bzw. Kriegsparteien, durch Kriegsgräuel traumatisierte Menschen, marodierende Gruppierungen, die sich Broterwerb nicht anders als den mit der Waffe vorstellen können, körperliche Verstümmelungen, getötete Familienmitglieder. In jedem zweiten Bürgerkriegsland bricht innerhalb von zehn Jahren nach Konfliktende ein neuer Krieg aus. Es ist also weit verheißungsvoller innerhalb der gegebenen Strukturen auf dem Weg des zivilgesellschaftlichen Engagements auf Veränderungen hinzuarbeiten und - wenn es denn ohne Widerstand nicht geht - diesen in ziviler und friedlicher Form zu leisten.

Eine funktionierende Demokratie setzt eine eine gewissen Mündigkeit und Unabhängigkeit der Bevölkerung voraus. Es muss sowohl ein grundsätzliches Verständnis politischer Prozesse und Problemstellungen in einem ausreichend großen Teil der Bevölkerung gegeben sein, wie auch ein individuelles Interesse daran, dass die eigenen Vorstellungen durch gesellschaftspolitisches Engagement oder aber zumindest durch die Stimmabgabe eingebracht werden. Wenn hingegen zuvörderst in Kategorien der ethnischen, Clan-, Stammes- oder Religionszugehörigkeit gedacht wird, wenn weite Teile der Bevölkerung aufgrund fehlender Bildung, informeller Machtstrukturen, finanzieller Abhängigkeit usw. manipulierbar sind, kann die Einführung des „One-Man-One-Vote“-Prinzips positive gesellschaftliche Entwicklungen geradezu konterkarieren.

Ein klassisches Bsp. bildet hier Russland. In der Jelzin-Ära orientierte man sich zunächst recht konsequent an westlichen Demokratievorstellungen. Dies mündete jedoch defacto in einen Ausverkauf der postsowjetischen Wirtschaft, in Chaos, Armut für Millionen und unermesslichen Reichtum der Oligarchen. Putin sah es dann als vorrangige Aufgabe an, in Russland stabile Verhältnisse zu etablieren. Er drängte halbkriminelle Oligarchen aus Politik und Medien und zwang sie, sich wirtschaftlich vorrangig im Sinne Russlands zu engagieren, statt – wie zuvor – überproportional im sicheren Ausland zu investieren. Im Zuge dieser Gangart wurden und werden auch viele Engagements, derer Russland zur zivilgesellschaftlichen Entwicklung dringend bedürfte, in unentschuldbarer Weise unterdrückt. Nichtsdestotrotz ist schwer vorstellbar, dass das Land auf dem Weg der reinen demokratischen Lehre zu Stabilität und Prosperität hätte finden können.

Ähnliche Erfahrungen machte Südkorea, das bei seinem ersten Demokratisierungsversuch 1960/61 außerstande war, zu erreichen, was in den nachfolgenden Jahren der Militärregierung gelang – die gravierenden gesellschaftlichen Probleme des Landes zu lösen, zu modernisieren und nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum zu generieren. In Thailand erkaufte sich die korrupte Thaksin-Regierung mit relativ kostengünstigen, staatlichen Unterstützungsmaßnahmen für die arme Landbevölkerung deren Wohlwollen. Dass ansonsten die Entwicklung des Landes eher blockiert wurde, hätte auf regulär-demokratischem Wege kaum verhindert werden können. Das jüngste Beispiel für die Janusköpfigkeit, die für die Demokratisierung eines Landes bezeichnend sein kann, stellt Ägypten dar. Hier gelangten durch die ersten freien Wahlen im Jahr 2012 mit Mohammed Mursi die islamistischen Muslimbrüder an die Macht, führten eine stärker als je zuvor Scharia-basierte Verfassung ein und blockierten die wirtschaftliche Restabilisierung auf allen Ebenen. Nach Massenprotesten im Jahr 2013 wurde dem durch einen Militärputsch ein Ende gesetzt.

Die vorschnelle Demokratisierung einer Gesellschaft, die noch nicht über die entsprechenden Voraussetzungen verfügt, kann aber noch weit verheerende Folgen haben, etwa wenn Jahrhundertelang herrschende oder wirtschaftlich mächtige Eliten, die Minoritäten bilden, plötzlich der Marginalisierung oder gar ungeschützt der Gewalt feindseliger Majoritäten ausgesetzt sind. (Ruanda Hutu-Tutsi, Zimbabwe Schwarze-Weiße, Indonesien Indonesier-Chinesen, Irak Sunniten-Schiiten). In diesen Fällen hätten zuerst an einer Überwindung der innergesellschaftlichen Konflikte gearbeitet werden müssen.

So erstrebenswert eine freiheitlich-demokratische Grundordnung also sein mag, so sehr empfiehlt sich für den Weg, der zu diesem Ziel führt ein unideologisches, pragmatisches, den jeweiligen Besonderheiten eines Landes Rechnung tragendes Vorgehen. Die internationalen Gemeinschaft sollte sich beim Einwirken auf unfreie Länder die Beachtung der Grund- und Menschenrechte, Korruptionsbekämpfung, Sicherheit in Fragen des Eigentums- und Vertragsrechts zur Priorität machen, nicht aber – wie das bislang allzu oft geschah - Marktliberalisierung, Abbau von Handelsschranken und überstürzte Demokratisierung (so man einmal davon absieht, dass die Allgem. Erklärung der Menschenrechte mit Art. 21, Abs. 3 eine demokratische Ordnung eigentlich bereits mit einschließen). Auch progressive oder gar revolutionäre Kräfte in unfreien Gesellschaft tun gut daran, entsprechende Schwerpunkte zu setzen.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 07.10.2014 11:41:35 GMT+02:00
zamazon meint:
diese rezension werde ich ausdrucken und dem gymnasialen unterricht zur diskussion übergeben. vielleicht trägt sie zur transformation bei.

Veröffentlicht am 05.01.2016 19:38:24 GMT+01:00
Michelito meint:
Unfassbar guter Kommentar, ich ziehe meinen Hut.
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