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Kundenrezension

am 28. März 2013
Mit den provozierenden Fragen "Sind Menschen dumm?" und "Warum fürchten wir, was uns höchstwahrscheinlich nicht umbringt" führt Gerd Gigerenzer seine Leser im ersten der drei Buchteile in die Psychologie des Risikos ein. Der eine oder andere mag schon mal gehört haben, daß mit 256 Menschen relativ wenig Flugpassagiere direkt durch die terroristischen Anschläge in den USA im September 2001 umgekommen sind. 1 600 Menschen seien in den auf die Anschläge folgenden Monaten zusätzlich auf amerikanischen Straßen umgekommen, weil sie entschieden hätten, die Risiken des Fliegens zu vermeiden.

Gigerenzer, der wohl lange in den USA forschte und arbeitete, sieht allenorts die Tendenz, Menschen durch (milden, aber eben immer noch) Paternalismus zu schützen und zu beeinflussen. Im zweiten Buchteil geht es ihm darum, daß wir alle risikokompetent werden und zukünftig nicht mehr auf einen wohlwollenden Vater in Form von Staat, Vorgesetzten und anderen Institutionen angewiesen sein müssen. Hierzu führt er Beispiele aus so unterschiedlichen Bereichen wie dem Glücksspiel, der Führung von Menschen, dem Fällen von Entscheidungen und das Erkennen von Krebserkrankungen durch die oft fälschlich so bezeichnete Krebsvorsorge, an.

Im letzten und weniger als ein Zehntel des Buchs umfassenden Teil macht er Vorschläge, wie es gelingen könnte, Risikokompetenz zu lehren und zu erlernen. Gesundheitskompetenz, Finanzkompetenz sowie digitale Risikokompetenz seien -wie er an einem Beispiel für seine Leser nachvollziehbar zeigt- so darstell- und vermittelbar, daß sie mit den intellektuellen Fähigkeiten von durchschnittlich begabten Viertklässlern verstanden werden könnten. Heute krankten viele (statistische) Darstellungen -auch absichtlich- daran, daß sie sogar von der überwiegenden Zahl von Hochschulabsolventen nicht richtig begriffen würden. Im folgenden will ich zwei Aspekte herausgreifen, die mich bei der Lektüre besonders angesprochen haben.

Während Luftfahrtgesellschaften sich durch eine positive Fehlerkultur auszeichneten herrsche in der Medizin weltweit eine negative Fehlerkultur vor. Luftfahrtgesellschaften wollten und würden aus jedem noch so kleinen (selbst glimpflich verlaufenen) Fehler lernen. Um die Flugzeugführer zu unterstützen seien Checklisten für alle möglichen Eventualitäten eingeführt worden. Versuche in den USA hätten gezeigt, daß Checklisten in Kliniken erheblich dazu beitragen könnten, Todesfälle und schwere Infektionen zu vermeiden. Gigerenzer zeigt auf Seite 73 eine fünf Punkte umfassende Liste aus diesen Versuchen, die in ihrer scheinbaren Trivialität ("1. sich die Hände mit Seife waschen") kaum zu übertreffen ist.

Es erschreckt mich, daß einfachste Standardisierungen, wie sie auch durch Lean-Management in der Industrie schon seit Jahrzehnten üblich sind, in Bereichen, wo es wortwörtlich um Leben und Tod geht, scheinbar noch keinen Einzug gefunden haben. Ganz nebenbei empfiehlt Gigerenzer eine einfache Frage, die man seinem Arzt stellen sollte, wenn dieser eine Therapie empfiehlt: "Frage deinen Arzt nicht, was er empfiehlt, sondern frage ihn, was er tun würde, wenn es seine Mutter, sein Bruder, sein Kind wäre."

Beim bayerischen Landeswettbewerb Jugend forscht 2012 habe ich durch einen Wettbewerbsbeitrag aus der Mathematik zum ersten Mal vom sogenannten Ziegenproblem (auch als Monty-Hall-Problem in der Literatur bekannt) gehört und trotz der engagierten Erklärungen der Schüler nicht verstanden, um was es da genau geht. Der Teilnehmer an einer Fernsehshow kann eine von drei Türen auswählen. Hinter einer Tür verbirgt sich der Hauptpreis, hinter den beiden anderen je eine Ziege (die Niete). Der Teilnehmer wählt Tür 1, der Moderator öffnet Tür 2 hinter der sich eine Ziege befindet und fragt den Teilnehmer, ob er seine Wahl (bei Tür 1 bleiben oder jetzt Tür 3 wählen) überdenken wolle.

Wie Gigerenzer nachvollziehbar erklärt, wäre es (dem Moderator keine böse Täuschungsabsicht unterstellend) vernünftig, nun Tür 3 zu wählen. Wenn Sie das nicht nachvollziehen können, befinden Sie sich in bester Gesellschaft und können eventuell nachvollziehen, was ich ursprünglich beim o.g. Landeswettbewerb nicht verstanden hatte. Nach der Lektüre von Risiko werden Sie die Lösung des Ziegenproblems Ihren Bekannten erklären können und -was der eigentliche Grund für die Erläuterung dieses Phänomens durch Gigerenzer ist- Sie werden besser verstehen, warum so viele Menschen Probleme haben, statistische Daten richtig zu interpretieren und weiterzukommunizieren. Hierauf aufbauend erläutert Gigerenzer, wie man Wahrscheinlichkeiten (z.B. bezüglich des Nutzens von Krebsvorsorgeprogrammen) so darstellt, daß die Patienten aus ihrer Sicht "vernünftige" Entscheidungen fällen können.

Was Kahnemans aktuelles Buch anbetrifft, so stimmt Gigerenzer diesem zu, daß die Art der Präsentation von Wahrscheinlichkeiten einen erheblichen Einfluß auf die anschließende Wahlentscheidung der Probanden hat. Ob aber das von Kahneman propagierte absichtsvolle langsame Denken immer richtig ist, wenn es um das Fällen von Entscheidungen in einem unsicheren Umfeld geht, stellt Gigerenzer in Frage. Er kann an Bauchentscheidungen (schnellem Denken) auch Vorteilhaftes erkennen und begründet in Risiko ausführlich, warum wir unserer Intuition manchmal mehr vertrauen sollten.
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