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Kundenrezension

am 1. Dezember 2010
Manchmal ist es nicht leicht, einem Ideal nachzujagen, welches das eigene Ideal einer Interpretation ist, das man im Kopfe mit sich trägt. Als Kind aus (alt(hoch)deutsch: einem Proletarier-Haushalt / mittel(hoch)deutsch: aus einem Haushalt, der von sekundären Analphabeten geprägt ist / neu(hoch)deutsch: aus prekären Verhältnissen) stammend, ist es nicht selbstverständlich, sich für Barockmusik zu begeistern. Vielmehr ist es der Weg heraus aus solchen Verhältnissen, der mit der Suche nach Sinn, Ethik und vor allem Ästhetik gleichgesetzt werden kann - zumindest in meinem Fall. Aber wenn man nicht der Neffe eines Duz-Freundes von Karajan ist, mag es gar nicht so natürlich erscheinen, dass man statt bei Pop-Idolen (Pop-Idioten?) bei Bach landet.

Und doch ist alles so einfach: Man ergattert als neugieriger Primate einen Ausleih-Ausweis der Stadtbücherei - und mit etwas Glück findet man dort eine völlig unbekannte Welt (viel fremder als die wilde Tierwelt, die man von Dr. Grizmek aus dem Fernseher kannte). Lange Rede, kurzer Sinn: Auf einmal steht man Bach gegenüber bzw. stellt seine Lauscher auf einer ausgeliehenen CD in eine Position, die man von sich gar nicht kannte. Das war aber gar nicht die hier besprochene Einspielung von Jaap ter Linden, sonder jene von Janos Starker, die mich damals hypnotisch faszinierte. Im Kopf war dies stets die maßgebliche Einspielung dieses sehr zentralen Opus in meiner Ästhetik.

Doch kaum verdiente ich mein erstes Geld, fiel ich auf eine Einspielung auf einem echten (!) Stradivari-Cello herein, die ich als autoritätsgläubiger Mensch im Laden nicht probehören zu müssen glaubte (denn, wo Stradivari draufsteht, ist auch ... drin). Zuhause ärgerte ich mich nunmehr zehn Jahre über die lausige (weil völlig weichgespülte) Interpretation von Anner Bylsma. Zum einfach Wegwerfen ist man doch zu sparsam erzogen worden und zum Verschenken fehlte mir der Zynismus (an wen?).

Aber nun (da ich "reich und berühmt" bin) leiste ich mir den Luxus, die das Ohr quälende Bylsma-Einspielung einfach dem Sondermüll zukommen zu lassen. Und nach Jahren der Recherche und des Probehörens fiel die Wahl auf die "Billig-Einspielung" von Jaap ter Linden. Es geht nicht um den Preis (das hat mich die blöde Stradivari-Lektion nun doch gelehrt!), sondern um Ausdruck, um Emotion, um Stimmigkeit. Alles völlig subjektiv? Zum Glück! Wer eine andere Einspielung/Interpretation braucht, soll einfach weitersuchen - es lohnt sich (hoffentlich). Ich kam jetzt aber wieder zu Janos Starker zurück, weil andere Einspielungen für mich immer nur ein Ersatz für dieses "Quasi-Original" waren.

Auch wer nicht schon ein festes Klang-Bild im Kopf hat, sollte hier einfach mal reinhören. (Man kann die teurere Aufnahme von 1997 probehören; es ist die identische Einspielung, nur in anderer CD-Ausstattung!) Es scheint mir so konzentriert, direkt, energetisch aber doch unverkrampft und tänzerisch. Und die technische Aufnahmequaltät ist hervorragend.

Einziges Manko dieser Doppel-CD-Edition mit der Gesamt-Aufnahme der Bach Cello Solo Suiten 1 bis 6 ist das 4-seitige Booklet, das keinerlei Informationen zu Janos Starker, zum Instrument, zu Bach oder zur Aufnahme enthält (außer der Trackliste). Einzig sechs weitere Aufnahmen der "Sony Classical Masters" Serie werden auf den zwei Innenseiten als Werbung abgebildet.

Fazit: Wer auf ein informtives Booklet verzichten kann, erhält hier grandiose Aufnahmen für kleines Geld. Ansonsten gibt es ja noch die "normale" Ausgabe für ca. 10 Euro mehr (ist aber viel Geld für ein paar Mini-Seiten Papier).
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