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Kundenrezension

am 5. Dezember 2011
Ich bin in einem Ausläufer des Ruhrgebiets aufgewachsen, in einer kleinen Arbeiterstadt namens Werdohl im Sauerland, stark geprägt von der örtlichen stahlverarbeitenden Industrie, maßgeblich entstanden durch die lokale Förderung von Eisenerz und den Bau der Eisenbahn-Ruhr-Sieg-Strecke, mit der man besonders einfach und günstig Kohle aus dem Ruhrgebiet anliefern konnte. Etliche Konzerne wie Krupp und Thyssen hatten stahlverarbeitende Tochterunternehmen in der Stadt und somit war auch das Bild von Werdohl ' ähnlich wie die des Ruhrgebiets ' stark geprägt von Gastarbeiterkolonien und einem eher ' nun ja ' arbeiterkulturellem Ambiente. Sprachlich rutschten natürlich auch Teile des Ruhrpotts bei uns rein, und damit meine ich nicht nur den Dialekt. Und somit sind mir die zitierten Ruhrpottanekdoten in 'Dat schönste am Wein is dat Pilsken danach' von Konrad Lischka und Frank Patalong natürlich nicht wirklich fremd, ganz im Gegenteil. Es fühlt sich auch für mich schaurig heimelig an. Schaurig deshalb, weil die Kultur des Ruhrgebiets (und auch meiner Geburtsstadt) so immens geprägt ist von der kurzfristig angelegten Stahl- und Kohleindustrie, den darin lebenden Menschen und deren geltenden Regeln und Ritualen. Traurige, stinkende Industrielandschaften und doch ganz viele einfache Menschen mit einem weichen Herzen am rechten ' äh Verzeihung ' linken Fleck.

Doch 'die wunderbare Welt des Ruhrpotts' ' so der Untertitel des Buches der beiden Spiegel Online Redakteure ' gespickt voller amüsanter aber auch tieftrauriger Geschichten, ist nicht nur für solche Menschen interessant, die dort oder in der Nähe aufwuchsen und noch heute leben. Dieses Buch ist eine angenehm kurzweilige und unterhaltsame Art die Kultur des Ruhrgebiets, die sich maßgeblich von der Kultur der Bayern, Berliner oder sonstigen regionalen Gebiete in Deutschland unterscheidet, kennen und verstehen zu lernen. Warum ist der 'Ruhrer' so wie er ist? Nun, das Buch ist sicherlich kein historisch anspruchsvolles Meisterwerk und auch die Strukturierung (sofern wirklich vorhanden) weist einige unergründliche Mängel aus, aber das machen Leidenschaft, Ehrlichkeit und das Herzblut der beiden Autoren, welches sich deutlich in den lokalkolorierten Geschichten mit angenehmer Distanz wiederspiegelt, 'dicke wieda wett'.

Müsste man die Intention des Buches in einem Wort beschreiben, so würde man wohl den Begriff 'Heimweh' wählen. Einer der Autoren, Frank Patalong, beschreibt das trefflich in einer Passage wie folgt:

Wir Ruhr-Menschen, die wir unsere besten Kumpels 'Sausack' schimpfen, deren 'Fresse' wir wirklich vermisst haben, sind sensibler, als man denkt. (') Dem Ruhri entspricht am ehesten die englische Übersetzung von Heimweh, homesickness, die Heimatkrankheit also. Schönes Wort, weil es so ambivalent ist. Denn Heimweh, weiß der Ruhrgebietler, funktioniert in beide Richtungen. Er kennt sozusagen eine Art Heimweh rückwärts. (') Im Pott würde man das darin vermittelte Gefühl wohl mit 'Überall is scheißer als zuhause' übersetzen.

Dieses Heimweh veranlasst die beiden Autoren ' sie erzählen übrigens jeweils fast 20 Jahre 'getrennt', der eine in den 70er/80er aufgewachsen, der andere in den 90ern ' gedanklich zurückzureisen und ihre Erinnerungen und Erlebnisse in lebendige und bildhafte Worte zu gießen. Nebenbei erfährt der Leser auch noch wissenswerte Geschichts- und Kulturfakten, die das 'warum is dat so?'

Wie gesagt, man darf keine kulturanthropologische Abhandlung erwarten, das Buch ist solide Unterhaltung mit dem angenehmen Abfallprodukt 'kultureller Bildung'. Also einmal 'Mäuschen spielen' für all die, die das Ruhrgebiet nie erfahren haben und einmal 'Mensch, genau so waa dat!' für all diejenigen, die das Ruhrgebiet hautnah erfahren mussten/durften.

Ich bin sehr froh, dass ich das Buch von Konrad Lischka gewonnen habe, denn sonst hätte ich es mir wahrscheinlich nicht einfach so gekauft. Aber nun empfehle ich es allen, die irgendwie am Ruhrgebiet interessiert sind, und es ist allemal als Weihnachtsgeschenk für Mutta und Vatta, sowie Omma und Oppa in Essen und 'Düsbuach' geeignet, denn es erklärt ihnen wie ihre Enkel und Kinder darin gefühlt aufgewachsen sind und vielleicht regt es ja dann in geselliger Weihnachtsrunde auch dazu an, sich etwas mehr über die eigene Herkunft und Kultur auszutauschen, was ich persönlich eigentlich immer sehr spannend finde und allemal interessanter als über Klatsch, Tratsch und Politik bei Tische zu sprechen.
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