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Kundenrezension

am 26. Mai 2012
Für Susan Johnson, Psychologieprofessorin an der Universität Ottawa, sind die Erkenntnisse der Bindungstheorie der Schlüssel zum Verständnis menschlicher Paarbeziehungen. Das vorliegende Werk beschreibt den theoretischen Hintergrund und die therapeutische Praxis der von ihr entwickelten 'Emotionsfokussierten Paartherapie' und ist als Lehrbuch für Therapeuten gedacht.
Ich hatte zuvor - bereits mit einigem Befremden - einen Artikel von ihr und ihr populär gehaltenes 'Halt mich fest!' gelesen und hatte gehofft, dass sich in einem Fachbuch ihre Theorie und ihre Praxis differenzierter darstellen würde. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Der Verdacht erhärtete sich: die meint das tatsächlich so!
Johnsons 'Praxis der Emotionsfokussierten Paartherapie' ist als Lehrbuch von geradezu erschreckender Schlichtheit.

Um ihren Ansatz besser verstehen zu können lassen Sie uns zunächst einen kurzen Blick auf die Bindungstheorie werfen, Johnsons 'Archimedischer Punkt'.

Die Bindungsforschung besagt, dass Menschen von vorneherein als soziale Wesen mit Bindungserwartungen auf die Welt kommen. Der Grad an Sicherheit in den frühen (Eltern-Kind-)Bindungsbeziehungen beeinflusse meine weitere Bindungsgeschichte als Erwachsener, so die Bindungstheorie.
Als der Arzt John Bowlby in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts diese Prozesse erstmals bei Kleinkindern beobachtete und daraus die Bindungstheorie entwickelte, handelte er sich damit harsche Kritik seitens der Psychoanalyse ein, die damals den Menschen als primär mit sich selbst beschäftigt begriff (was für viele Psychoanalytiker sogar zugetroffen haben mag).
Seither hat sich die Bindungstheorie jedoch mehr und mehr behauptet und dass frühe Bindungserfahrungen die menschliche Entwicklung beeinflussen, kann heute als unbestritten gelten.
Was liegt also näher, diese bei Säuglingen und Kleinkindern gemachten Beobachtungen auf Erwachsene zu übertragen, so wie Johnson es tut?
Der Kern der Emotionsfokussierten Paartherapie ist sehr simpel: Johnson zufolge ist die Aggression im Streit verkeilter Paare nichts anderes als der verzweifelte Schrei nach: 'sei für mich da!'
Ziel der Paartherapie sei es daher, diesen unter der Aggression oder dem Rückzug verborgenen verzweifelten Schrei nach Liebe und Zuwendung wieder herauszuarbeiten und ihn dann vom Partner positiv beantworten zu lassen. Ein Partner habe dem anderen ein sicherer Hafen sein.
Nun ist Johnson darin zuzustimmen, dass wir es auch bei Beziehungen zwischen Erwachsenen mit einem Bindungsgeschehen zu tun haben. Ebenso darin, dass sich hinter den feindseligen Emotionen eines im heillosen Streits verstrickten Paares auch ganz andere, liebevolle Emotionen finden lassen und dass es daher sinnvoll ist, diese Emotionen im Blick zu haben.
Doch findet Bindung unter Erwachsenen tatsächlich zu den gleichen Bedingungen statt, wie bei Babys, wie es Johnson vorauszusetzen scheint? Sind Erwachsene im Kern nichts anderes als große Babys, wenn es um Beziehungen geht und ist es die Aufgabe des Partners, dem anderen ein sicherer Hafen zu sein? Ist letzteres überhaupt anzustreben oder auch nur möglich?
Alle diese Fragen lassen sich klar mit einem 'Nein!' beantworten.

Lassen Sie uns dazu ein einfaches Gedankenexperiment machen. Das Gedankenexperiment setzt an einem der berühmtesten Experimente der Bindungsforschung an und soll hier daher kurz erklärt werden:
Mary Ainsworth, eine weitere Pionierin der Bindungsforschung, entwickelte 1969 ein Experiment zu Überprüfung von Bindungsmustern bei Kleinkindern. Das Experiment hieß die 'Fremde Situation'. Etwas vereinfacht dargestellt, wurden hier Kleinkinder im Alter von 12-18 Monaten gemeinsam mit ihrer Mutter und einer fremden Frau in einem Raum zusammengebracht. Dann verließ die Mutter das Zimmer und es wurde beobachtet, wie die Kinder sich während der Abwesenheit und bei der Rückkehr der Mutter verhielten. Die Verhaltensmuster der Kinder konnten unterschiedlichen Bindungstypen zugeordnet werden: es gab sicher gebundene Kinder, unsicher-vermeidend gebundene Kinder und unsicher-ambivalent gebundene Kinder.
Je nach Bindungstyp war die Situation für die Kinder unterschiedlich belastend.
Für ein Kleinkind ist es tatsächlich eine Lebensnotwendigkeit, dass die zentralen Bezugspersonen stets in einer sicheren Nähe bleiben, daher sind die dort beobachteten starken Reaktionen der Kinder auf den zeitweiligen Verlust der Bindungsperson gut nachzuvollziehen.

Nun zu unserem Gedankenexperiment:
Stellen Sie sich vor, die Versuchspersonen wären nicht 12 Monate sondern 12 Jahre alt gewesen. Was glauben Sie, wie die Abwesenheit der Mutter ein 12-jähriges Kind beeindruckt hätte (wenn Sie wollen können Sie das Experiment auch mit einem 22-Jährigen wiederholen)?
Genau, vermutlich kaum bis überhaupt nicht.
Warum nicht? Weil wir mit fortschreitender Reife immer selbständiger und unabhängiger werden. Weil die Abwesenheit der Mutter für eine Zwölfjährige faktisch nicht mehr lebensbedrohlich ist, für ein Kleinkind hingegen schon.
Das Streben nach Wachstum und Autonomie ist die zweite zentrale Triebkraft erwachsener Menschen. Und genau diese Triebkraft 'vergisst' Johnson in ihrem Modell verblüffenderweise komplett (der Begriff wird in ihrem Buch zwei-dreimal erwähnt, spielt für ihre Konzept jedoch keine Rolle). Was eine erwachsene Liebesbeziehung von der Mutter-Kind-Beziehung unterscheidet, ist die völlig anders geartete Dynamik, die durch die Reibung zwischen diesen beiden zentralen menschlichen Triebkräften entsteht - dem Streben nach Verbindung einerseits und dem Streben nach Autonomie andererseits. Johnson zählt an einer Stelle (S.44) die Unterschiede zwischen Eltern-Kind- und erwachsenen Bindungsbeziehungen auf - der Begriff Autonomie taucht in der Aufzählung (und auch sonst) nicht auf.

Was taugt ein therapeutisches Modell, das es notwendig macht, Erwachsene zu bedürftigen und in sich haltlosen Kleinkindern zu reduzieren, die von ihren Partnern getröstet werden müssen? Ein Modell das kein Verständnis reifen erwachsenen Funktionierens kennt? Ein Modell das den Konflikt zwischen Autonomie- und Bindungsbestrebungen negiert?
Bezeichnend auch, dass Johnson keine Unterscheidungsmerkmale von unterschiedlichen der Bindungsqualitäten benennt.
So verwahrt sie sich ausdrücklich gegen Pathologisierungen auch stark einschränkender, Beziehungsstile wie z. B. eifersüchtig-kontrollierendes Verhalten, mit dem Hinweis, dass unsere Kultur (hier sicher noch stärker die amerikanische) eben das Ideal des unabhängigen Individuums aufs Schild hebe und deshalb liebevolle Bindungsbereitschaft dämonisiere. Der Therapeut ist in ihrem Verständnis der Anwalt der Bindung.
Hier offenbart Johnson einen blinden Fleck, dessen Größe ihren Ansatz komplett überschattet und der ihn für die therapeutische Praxis bestenfalls wenig brauchbar, schlimmstenfalls gefährlich werden lässt.
Wie es Paul Watzlawick einmal formulierte: Wenn ich als Werkzeug nur einen Hammer habe, sehen alle meine Probleme wie ein Nagel aus.

Einige Beispiele aus meiner eigenen Praxis als Paartherapeut, in denen Johnsons bindungsorientierter Vorschlaghammer nicht weiterhelfen würde:
' Eine ängstlich-unsichere Frau gesteht ihrem ebenso ängstlich-unsicheren Freund nach mehreren Sitzungen, dass sie den Sex mit ihm schon immer langweilig fand.
' Eine Frau möchte nicht, dass ihr Freund onaniert, weil sie Angst hat, er könnte Geheimnisse vor ihr haben.
' Ein Mann muss seiner Frau gestehen, dass er schon längere Zeit eine Affäre mit einer anderen Frau hat und sie in Kürze ein Kind von ihm erwartet.

In keinem dieser Beispiele käme ein Therapeut weiter, der seine Klienten dazu bringen wollte sich zu versichern, dass sie füreinander da seien.
Alle diese Situationen sind verunsichernd, machen Angst und fördern die Entwicklung einer für Erwachsene existentiell wichtigen Eigenschaft: Angst, Verunsicherung und Schmerz in sich selbst beruhigen und tolerieren zu können, somit die Übernahme von Verantwortung für das eigene Fühlen und das eigene Handeln.
In diesen schmerzhaften Prozessen kann mich mein Partner nicht beruhigen, ich muss es selbst tun. Die Fähigkeit, in mit selbst Angst tolerieren und beruhigen zu können ist die Grundvoraussetzung jeder wachstumsorientierten Liebesbeziehung, ja des Erwachsen Seins überhaupt. Ich kann erst wirklich mit Dir intim sein, wenn ich Dein Anderssein aushalten und tolerieren kann.
Ich will ja nicht mit einem großen Kind sondern mit einem anderen Erwachsenen zusammen sein, der nicht gleich umfällt, wenn's mal eng wird.
Wie kann es für Erwachsene Sicherheit geben, wenn ich des Umstandes gewahr sein muss, dass meine Frau mich verlassen, mein Mann jederzeit plötzlich sterben kann, selbst wenn sie mir jeden Tag schwören würden, dass sie für mich da sind?

Wenn ich den Schmerz des möglichen (und so oder so mit Sicherheit stattfindenden) Verlustes nicht tolerieren kann, kann ich keine Beziehung wagen.

Khalil Gibran hat in seinem weisen Text 'Von der Ehe' Elemente dieser reifen - ebenso eigenständigen wie bindungsbereiten - Beziehung beschrieben:

'Gebet einander eure Herzen, doch nicht in des andern Verwahr.
Denn nur die Hand des Lebens vermag eure Herzen zu fassen.
Und stehet beieinander, doch nicht zu nahe beieinander:
Denn die Säulen des Tempels stehen einzeln,
Und Eichbaum und Zypresse wachsen nicht im gegenseit'gen Schatten.'

Die Liebe, die Johnson beschreibt, ist die unreife Liebe eines ängstlichen Kindes, bar jeder Tiefe, jeder spirituellen Dimension und bar dessen, was erwachsenes Funktionieren ausmacht.

Johnsons Buch kann ich als Lehrbuch für Paartherapie aufgrund der beschriebenen fundamentalen Mängel nicht empfehlen. Das ist bedauerlich, da grundsätzlich ihr Bemühen, die Bindungstheorie für erwachsene Beziehungen zu übersetzen, begrüßenswert ist.

Wer auf der Suche ist nach einem wachstumsorientierten Modell, das beiden menschlichen Triebkräften Rechnung trägt und ein sehr klares - wenn auch anspruchsvolles - therapeutisches Vorgehen für praktisch alle Paare ermöglicht, dem seien die Bücher des amerikanischen Paar- und Sexualtherapeuten David Schnarch ans Herz gelegt - der übrigens einer der schärfsten Kritiker von Johnsons Ansatz ist.

Marc Rackelmann, Berlin
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