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Kundenrezension

am 4. Juni 2013
Eine Sammlung von Briefen, die eine adlige Dame von 1659 bis 1722 an ihre Verwandten und Bekannten geschrieben hat - wer hätte gedacht, dass ich mich bei der Lektüre dieser Korrespondenz so wunderbar unterhalten würde, dass ich mitunter vor Lachen kaum weiterlesen konnte? Dabei muss man, wenn man auf die biografischen Daten von Liselotte von der Pfalz blickt, zu dem Schluss kommen, dass ihr selbst oft eher nach Weinen als nach Lachen zumute gewesen sein dürfte.

Mit 19 Jahren wird sie aus politischen Erwägungen heraus mit Philipp I. verheiratet, dem Bruder des französichen Königs Ludwig XIV. Philipp ist homosexuell, bringt seiner Frau keine besondere Zuneigung entgegen und gibt einen guten Teil ihres Geldes für seine zahlreichen Liebhaber aus. Am Hof wird Liselotte geschnitten und schließlich verwüsten im Pfälzischen Erbfolgekrieg französische Truppen ihre Heimat. Von den alltäglichen Sorgen wie Krankheiten, Geldschwierigkeiten und dem frühen Tod ihres ersten Kindes erst gar nicht zu sprechen.

Aber Liselotte, in Frankreich schlicht Madame genannt, hat einen starken Charakter und lässt sich von nichts und niemandem unterkriegen. Als Frau muss sie sich zwar dem fügen, was andere beschließen, aber niemand kann sie daran hindern, ihre Meinung dazu zu sagen. Und das tut sie in ihren Briefen, von denen sie insgesamt 60.000 geschrieben haben soll, unverblümt, mitunter schockierend derb, aber auch mit einem Humor, der ihr erlaubt, weder sich allzu ernst noch das Leben allzu tragisch nehmen:

"[Mein Mann hat] vor 200 000 Gulden Chargen gekauft (...), um junge Bürschchen zu recompensiren, so ihn nicht in allen Ehren divertirt haben. Und hierauf wird nichts gespart, welches das Verdrießlichste ist, denn sonsten würde ich wohl gar nichts darnach fragen und von Herzen zu denen Bürschchen sagen: Friss du die Erbsen, ich mag sie nicht." (S. 166)

"Es ist eine große Ehre, in der Predigt an des Königs Seite zu sitzen, allein ich möchte gerne die Ehre einem andern überlassen, denn Ihre Majestät wollen mir das Schlafen nicht erlauben. Sobald ich einschlaf, stößt mich der König mit dem Ellenbogen und macht mich wacker, kann also weder recht einschlafen noch recht wacker werden, und das tut einem wehe im Kopf."
(S. 188)

"In diesem Augenblick erfahre ich, dass Mad. de Maintenon beste Freundin (...) gestorben ist. Nun ist ein bös Weib weniger in der Welt. Gott bekehre alle, so es noch seind, und nehme sie in sein Paradeis. Amen." (S. 235)

Man darf natürlich nicht erwarten, dass sich in ihren Briefen eine Pointe an die nächste reiht. Madame schreibt über alles Mögliche, über Amüsantes wie Trauriges, Interessantes wie Banales. Ein immer wiederkehrendes Thema sind die Klagen über ihre schlechte Behandlung bei Hofe. Auch ihre persönlichen Betrachtungen über Gott und das Leben lässt sie mit einfließen, die sich häufig durch eine erstaunlich moderne Toleranz und Nüchternheit auszeichnen.

Besonders wichtig sind ihr selbstverständlich alle Angelegenheiten der Familie, die sich in ihrem Fall über die Herrscherhäuser halb Europas verteilt, so dass sie unter anderem auch nach England und Spanien schreibt. Ich muss gestehen, dass ich nicht immer einordnen konnte, in welcher verwandschaftlichen Beziehung der betreffende Briefpartner zu ihr stand. Das tut dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch, der sich aus dem manchmal aufrichtig bis groben, manchmal trocken-humorvollen Ton Madames ergibt und sie so sympathisch macht:

"[Meine Tochter wird heute] recht ernstlich eine Frau werden, denn ihr Herr und sie sollen diese Nacht beisammen schlafen; das wird ihr spanisch vorkommen... (...) Mich verlangt unerhört, zu vernehmen, wie die erste Nacht abgeloffen ist." (S. 229)

"Es ist ein groß Unglück, dass die schöne Gräfin Bückeburg so einen dollen Mann hat. Sie sollte den Mann in Krieg schicken, möchte ihn vielleicht los werden." (S. 265)

"Die Fontanges war ein dumm Tierchen, aber sie hatte ein gar gut Gemüt und war schön wie ein Engel." (S. 208)

Annedore Haberl hat, soweit ich das beurteilen kann, eine gelungene Auswahl der Briefe Liselottes getroffen und deren im Original äußerst merkwürdige und uneinheitliche Rechtschreibung lesefreundlich überarbeitet. Ihr Buch enthält außerdem einen Abriss über das Leben Madames samt biografischer und historischer Daten, einige Ahnentafeln, die zumindest einen groben Überblick über die verwandschaftlichen Beziehungen und Verflechtungen der in den Briefen erwähnten Personen erlauben, sowie ein Register der verwendeten französischen Begriffe, in dem allerdings einige Wörter zu fehlen scheinen. Ich empfehle dieses Buch allen, die bereit sind, sich in eine etwas altertümliche Ausdruckweise einzulesen. Sie werden mit dem Vergnügen belohnt werden, eine starke und witzige Frau mit einer erstaunlich lebendigen und ausdruckstarken Sprache kennenzulernen. Außerdem bietet Madames Korrespondenz gleichzeitig einen äußerst intimen und direkten Einblick in das (Hof-)Leben der damaligen Zeit, von dem Liselotte selbst sagt:

"Ich glaube, dass, wenn die Nachkommen unsere Zeitgeschichte lesen werden, werden sie es vor romans halten und gar nicht glauben können." (S. 319)
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