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Kundenrezension

Wieder nimmt uns T. C. Boyle mit in seine Wahlheimat und dieses Mal lässt er die dichtbesiedelte Küste Südkaliforniens mit ihrer Hektik noch radikaler hinter sich, als er es in seinem letzten Buch „When the killings done“, das bei uns unter dem sperriger klingenden Titel „Wenn das Schlachten vorbei ist“ erschienen ist, getan hat. Wieder, und noch deutlicher, steht eine der Kanalinseln vor Santa Barbara, San Miguel, im Mittelpunkt.

Bei seinen Recherchen zum letzten Roman stieß er auf die Aufzeichnungen von weiblichen Mitgliedern der Familie Waters und Lester, die T. C. Boyle zu diesem historischen Roman inspiriert haben. Die Waters lebten zum Ende des 19. Jahrhunderts als Schafzüchter auf der kleinen Insel, die Lesters von 1930 bis 1942. Beide Ehemänner waren Kriegsveteranen, die sich im Ringen mit den unerbittlichen Naturgewalten selbst entkommen wollten. Im Mittelpunkt jedoch stehen die Ehefrauen, die sich auf sehr unterschiedliche, aber immer unterordnende Weise mit den Visionen ihrer Männer arrangieren. Die eine kürzer, die andere länger, viel länger. Die dritte Frau, die uns T.C. Boyle präsentiert, der seit Jahren beim Schreiben die Sichtweise der Frauen in dem Focus seines Schaffens stellt, ist noch ein Mädchen, die Stieftochter der Waters, und die hat es in sich. Wie sehr, erfahren wir nur im Zeitraffer, weil der Autor sie uns schon bald aus den Augen verlieren lässt, was mich hoffen lässt, dass Edith in einem künftigen Roman des Autors im Mittelpunkt stehen wird, das Potential dazu hat sie. Sie schert sich einen Teufel darum, was Männer wollen, auch wenn sie einige Federn lassen muss. Bleiben also Marantha Waters, die schwindsüchtige Ehefrau von Will Waters, die das Inselleben hasst, und Elise Lester, ein „spätes Mädchen“ und einst Bibliothekarin in New York, die Jahre später mit ihrem Mann Herbie auf die Insel kommt und die das Leben auf San Miguel liebt. Beiden ist jedoch gemein, dass sie, nicht zuletzt der Zeit in der sie lebten geschuldet, sich ganz und gar den Wünschen und Zielen ihrer Männer unterordnen. Diese Männer sind „Macher“, Pioniere, wie Amerika sie liebt, aber dennoch wirken sie stets verlorener als ihre Frauen. Das kann gutgehen oder nicht, aber weder Unglück noch Glück ist von Dauer in dieser Welt, nicht einmal in ihren entlegenen Winkeln. Was am Ende bleibt? Ein Setzkasten vielleicht, mit verstaubten Erinnerungen, so einem wie jener, der auf dem gelungenen Einband abgebildet ist.

Früher hat T. C. Boyle anders erzählt, spritziger, bissiger, skurriler, mit sich überschlagenden Einfällen und überschäumendem Humor, stets auch augenzwinkernd, ironisch, als ob immer noch der fantasiebegabte Schulschwänzer in ihm sein Unwesen treiben würde. Jetzt, mit bald 65 Jahren, scheint er ruhiger, abgeklärter und melancholischer geworden zu sein. Ich vermisse den alten Boyle, von dem ich kein Buch ausgelassen habe, aber den neuen, falls man das so plakativ ausdrücken kann, finde ich ebenso herausragend. Viele erfolgreiche Schriftsteller erheben mit zunehmendem Alter immer deutlicher den Zeigefinger, gerade so, als ob ihr Erfolg sie zu einer moralischen Instanz gemacht hätte (und nicht unbedingt ihr Verhalten). T. C. Boyle tut das nicht, es ist eher Demut, die aus seinen neuen Werken spricht, gepaart mit etwas Resignation in Hinblick auf die Menschlein, die doch nur so kurz existieren und gegenüber Zeit und Naturgewalten von vornherein früher oder später zum Scheitern verurteilt sind und sich trotzdem so wichtig nehmen.

Gleich geblieben ist seine wortgewaltige Fabulierkunst, sein Können, das im Minimalistischem genauso funkelt wie im Überbordenden. Das Buch ist, das wird ihm auch vorgeworfen, handlungsarm. Das ist es gewollt, den so ist San Miguel: Tagaus, tagein Wind, Sturm, Sand und immer dem heranrollendem Meer ausgesetzt, das an ihr nagt. Viel Arbeit, wenig Zerstreuung für die wenigen, die es dort aushalten. Die sonnigen, warmen Tage, die wir mit Ferien am Meer in Verbindung bringen, sind rar. Die Insel ersteht vor unserem Augen nicht durch wortgewaltige Beschreibungen, sondern durch die Kargheit der Sprache. Und dennoch dürfen wir sie aus zwei, eigentlich aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Die Insel ist immer gleich, aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man sie mit hassenden oder liebenden Augen betrachtet. Vermutlich ist es auch ein gewaltiger Unterschied, ob man krank oder gesund ist. Kranke können diesem winzigen Flecken im Meer auf keinem Fall gewachsen sein, zumal die Errungenschaften, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts bereits weit verbreitet waren, das Inselchen schon viel näher mit dem Festland verband, als das Ende des 19. Jahrhunderts der Fall sein konnte: Strom (Generator), Funk, Radio und Flugzeuge begannen die Abgeschiedenheit zu relativieren.

Insel gleich Paradies, diese Gleichung geht eben oft nicht auf. San Miguel ist heute ein Naturschutzgebiet, nachdem es viele jahrzehntelang überweidet und später für eine Weile auch militärisch genutzt wurde. Es ist T. C. Boyles Verdienst, sie nun vielen Menschen nahegebracht zu haben, die vermutlich niemals einen Fuß auf die reale Insel setzen werden. Was gut für die Natur ist. Man kann bei dieser Lektüre den Schafgestank riechen, das eintönige Essen verdammen, sich vor dem vielen qualvoll gespukten Blut ekeln, an den Männern der Insel verzweifeln, den ewigen Wind und Sand, Regen und Einsamkeit verfluchen und noch einiges mehr. Wer sich dabei bereits zu langweilen beginnt, sich angeödet fühlt oder eine innere Unruhe verspürt, für denjenigen ist dieses kleine Fleckchen Erde in der Realität sicher erst recht kein lohnendes Ziel. Es gibt immer noch Orte auf dieser Welt, wo man fast nur auf sich selbst trifft. Welcher Mensch unserer Zeit hält das denn noch aus?

T.C. Boyle hat mit „San Miguel“ einen dichten, phasenweise beklemmenden Roman geschaffen. Ein stilles, ruhiges Meisterwerk auf gewohnt hohem Niveau, das allerdings nicht jedem gefallen wird.
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