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Kundenrezension

98 von 104 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein gemischtes Vergnügen, 9. Februar 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: 1913: Der Sommer des Jahrhunderts (Hochkaräter) (Kindle Edition)
Das Buch ist sehr gekonnt geschrieben - es liest sich leicht und heiter, an einigen Stellen vielleicht gar zu gefällig, aber immer unterhaltsam. Die Idee fand ich reizvoll: Ein Panorama zumindest der überwiegend künstlerischen Gesellschaft im Jahre 1913, also an einem Punkt der Geschichte zu zeigen, der sich ex post als Wendepunkt entpuppt hat - mit der unausgesprochenen Frage danach, wie das Gesamtbild dieser Einzelexistenzen zu lesen ist vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen, die unmittelbar folgten. Das Buch zeigt dabei durchaus kulturkritisch einen Mikrokosmos von ungewöhnlich begabten Individuen, die für die dämmernden Entwicklungen offenbar großteils blind, weil mit sich selbst und ihrem eigenen Leben beschäftigt waren. Allerdings ist dieser kritische Subtext nicht oberlehrerhaft - nie wird suggeriert, die Künstler und Schriftsteller hätten etwas ändern müssen oder können. Hier wird lediglich ein Panaroma aufgemacht, das in seiner Auswahl (und so vollständig das Buch sich auch zu präsentieren scheint, so selektiv sind die Episoden ausgewählt!) eine extreme Diskrepanz postuliert: zwischen der sich extrem radikalisierenden politischen Welt am Vorabend des ersten Weltkriegs und dem zumeist ebenso extrem nach innen gewandten künstlerischen Diskurs der gleichen Zeit. Das mag man teilen oder nicht, aber es ist eine interessante Note.

Was mir persönlich nicht so gefiel: Es gibt einen besonders seit Kehlmanns "Vermessung der Welt" populär gewordenen Trend in der zeitgenössischen deutschen Literatur, berühmte historische Vorlagen mit einem ironischen Augenzwinkern zu betrachten. Gewann man bei Kehlmann schon den Eindruck, sowohl Humboldt als auch Gauß seien mindestens Autisten gewesen, so übersteigert auch Illies absichtlich die lächerlichen Seiten seiner Figuren, wofür sich besonders Kafka, Musil und Rilke, wenn man den konventionellsten erhältlichen Darstellungen ihrer Person folgt, als leichte Zielscheiben anbieten, was aber auch bei der sehr selektiven Beschreibung anderer Figuren (z.B. der Geliebten Heinrich Manns und seines Verhältnisses zu ihr) extrem deutlich wird. Nun ist das nicht grundsätzlich störend, es steht Herrn Illies frei, seine Figuren so zu gestalten, aber was in dem Buch nicht recht klar wurde, ist, warum er das tut. Warum Kafka zur Witzfigur machen, die nicht bei Frauen landen kann (was, wie wir inzwischen wissen, so gar nicht stimmte)? Warum Rilke ausschließlich zur verschnupften weinerlichen Witzfigur stilisieren? Kann man ja machen, aber warum? Ironie ohne klare Zielführung wirkt ein wenig manieriert, und genauso erschien mir auch das Buch streckenweise.

Zweitens ist in dem Buch wenig neu. Was die Literaturwissenschaft in ihren weniger stolzen Jahrzehnten produziert hat, nämlich unkritische biographistische Forschung, die historischen Anforderungen nur am Rande genügte, wird hier wiedergegeben als Information aus dem Leben Kafkas, Thomas Manns usw. Meines Erachtens versucht der Autor auch gar nicht erst, sich durch eine kritische historische Sichtweise, die hier völlig fehlt, abzusetzen, sondern stellt hier vielmehr sein Breitenwissen eines existierenden (sehr konservativen) Diskurses zu den dargestellten historischen Figuren zur Schau. Dazu kommt, dass Illies in erstaunlicher Weise der Vorstellung von Kunst als Mimesis bis ins kleinste Detail folgt. Nun ist das Mimesiskonzept in der Tat ausgesprochen wichtig, aber gerade in der Kunst des 20. Jahrhunderts ist Vorsicht geboten mit einem konservativen Ansatz wie dem von Illies, der die vermeintliche Abbildung der Geschichte zur Geschichte selbst erhebt. Ob es Paul Klee in Gabriele Münters Pantoffeln oder Thomas Mann als heimlicher Protagonist des "Tod in Venedig" ist - immer nimmt Illies an, dass das, was uns die Kunst zeigt, genau das sein müsse, was sich abgespielt hat bzw. direkte Rückschlüsse darauf zulasse. Das verblüfft besonders, weil es von einem Mann mit einiger journalistischer Erfahrung kommt, der die Differenz zwischen Text/Bild und Realität (und noch mehr die Bedeutung von künstlerischer Lizenz) allzu gut kennen müsste.

Schließlich: So erheiternd und elegant weite Teile geschrieben waren, konnte ich mich doch des Eindrucks nicht erwehren, dass ich gerade einen ausgesprochen eitlen Text lese, der sich mit einer fast schon wieder bewundernswerten Leichtigkeit über das Postulat hinwegsetzt, dass man Bildung, genau wie Reichtum, immer mit etwas Understatement vorführen sollte. Wiederum frage ich mich: Warum? Um sich von den dargestellten Figuren abzusetzen, die statt in die Breite der gegebenen Welt nur in die Tiefe ihrer eigenen blickten? Das wäre eine mögliche Interpretation, aber sie ist vermutlich freundlicher, als Illies es verdient. Ich hatte eher den Verdacht, dass er sich diese Frage nicht recht gestellt hat.

Alles in allem würde ich sagen, vielleicht kann man nicht beides verlagen von einem Buch dieser Art - Illies bietet Breite an, oft auf Kosten der Tiefe. Einiges an diesem Buch hätte ich mir trotzdem anders gewünscht, aber ich bedauere es nicht, es gelesen zu haben - die Lektüre war in jedem Fall unterhaltsam.
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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 24.05.2014 10:43:13 GMT+02:00
Niklas Morgan meint:
Schön geschrieben! Da ich selbst hier vermutlich mehr dazugelernt habe, verzeihe ich dem Autor dennoch diese Eitelkeit. Mir half das Buch, mich mit der einen oder anderen Figur etwas näher zu beschäftigen. Daher kann es wohl durchaus auch als Einstiegsliteratur gesehen werden, was sicherlich gut ist!

Veröffentlicht am 08.06.2014 11:42:27 GMT+02:00
HansBlog meint:
Sehr angenehme Besprechung, weder wütender Verriss noch Schwärmerei, und plausibel begründet.

Veröffentlicht am 24.12.2014 17:21:24 GMT+01:00
Der Kommentar spricht mir aus dem Herzen. Vor allen Dingen nicht hetzerisch oder oberlehrerhaft belehrend - einfach nur sachlich blendend analysiert. Ich schätze das hier besprochende Werk dennoch sehr - vielleicht macht des Überzeichnen der Figuren das Ganze spannender - richtiger im dokumentarischen Sinne wird es dadurch nicht.

Veröffentlicht am 05.01.2015 14:23:33 GMT+01:00
Tipidula meint:
Eine Besprechung, die fast lesenwerter als das Buch selbst ist :-) - zumindest wird hier klar artikuliert, warum das Buch einerseits kurzweilig und lesenswert ist, den Leser gleichzeitig aber auch stellenweise enttäuscht. Vielen Dank dafür!

Veröffentlicht am 29.01.2016 22:52:18 GMT+01:00
StevenStone meint:
Wunderbare Besprechung. Es fällt schwer, nicht ins Schwärmen zu geraten. Natürlich auch weil sie der eigenen Einschätzung genau entspricht. Warum sollte man sich dieser Erkenntnis verschließen. Aber die Eleganz der Sprache und die Genauigkeit der Argumentation ist bewundernswert. Genau wie Ausgewogenheit und Gelassenheit. Es handelt sich - jetzt kann ich nicht anderns als schwärmen - um einen modellhaften Diskussionsbeitrag, dessen Sprache völlig bei sich ist und dem Anliegen - scheinbar - völlig ergeben ist. Die Kluft zwischen Denken und Sprechen scheint minimiert. Obwohl hoch elegant, gestattet sie sich keinerlei Kapriolen und Schnörkel. Das von ihr vermisste Understatement beherrscht die Kommentatorin vollkommen. Wie sonst käme man auf den Gedanken, sich als Rezensentin "Leserin" zu nennen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.02.2016 10:42:19 GMT+01:00
Oder doch oberlehrerhaft?
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