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Kundenrezension

14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Druiden + germanische Mythen und ein fränkisches Herrschergeschlecht - Eine wissenschaftliche Betrachtung?, 7. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Merowinger: Eine historische und spirituelle Spurensuche (Gebundene Ausgabe)
Als Geschichtsstudent mit dem Schwerpunkt Antike und breiten Interessen im Bereich der Spätantike und dem gesammten Mittelalter kann ich zu diesem Buch nur eins sagen: Nicht noch eine populärwissenschaftliches Betrachtung! Zwar betonen einige Mitrezensenten, dass die Merowinger souverän bis zur Königserhebung Karls des Großen geherrscht hätten, allerdings stellt dies bereits den ersten Irrtum dar: Bereits Mitte des siebten Jahrhunderts waren die zur damaligen Zeit oftmals minderjährigen Merowingerherrscher de facto nicht mehr handlungsfähig. Der fränkische Grundsatz der Reichsteilung, die immer wieder aufflammenden Konflikte der einzelnen Reichsteile untereinander sowie die zahlreichen Morde an rechtmäßigen Thronprätendenten schwächten die Dynastie der Merowinger. Aus diesem Grund mussten oftmals Regenten für die merowingischen "Schattenkönige" gestellt werden. Beispiele für solche "Schattenkönige" sind Chlothar II., Childerich II. und andere Herrscher. Dieser Umstand bedingt auch die Wiege der Macht der so genannten maiores domi (der Hausmeier). Ebenfalls wichtig ist in diesem Zusammenhang der Konflikt zwischen dem neustrischen und dem austrasischen Adel, aus dem letztendlich die Karolinger als erfolgreiche Dynastie hervorgegangen sind. Die de facto endgültige Machtübernahme der austrasischen Hausmeier (der Karolinger bzw. Pippininen) war übrigens 687 in der Schlacht von Tertry; allerdings gelang es erst dem Vater Karls des Großen, Pippin dem Jüngeren, die Merowinger endgültig als Herrschergeschlecht abzusetzen (der letzter Merowingerkönig war Childerich III.) und sich selbst zum König salben zu lassen. Allerdings hatten die Merowingerkönige schon seit längerer Zeit keine realen Machtbefugnisse mehr! Dieser sehr komplexe Prozess bleibt weitestgehend ungewürdigt. Außerdem hatten die Merowinger, mal ganz davon abgesehen, dass man im Frühmittelalter noch nicht von einem "modernen" Staat sprechen kann, keine konkrete Vorstellung eines europäisch geprägten Kollektives.
Zum Anderen ist es meiner Meinung nach extrem fragwürdig, als religiös-spirituellen Ursprung der Merowinger Kulturen zu nennen, die in ihrer Zeit einerseits individuell konnotiert waren und andererseits nur bedingten Einfluss untereinander hatten. So war die keltische Kultur nicht mit der germanischen Kultur zu vergleichen. Die Kelten besaßen bereits ein gut ausgebautes Handelsnetz, bauten bereits befestigte Städte (die so genannten Oppidi) und wiesen eine komplexe sakrale Kultur auf. Die Druiden waren nicht nur Priester, sondern fungierten in einer generell mündlich geprägten Gesellschaft auch als Lehrer und Bewahrer von Wissen. Zumal ebenso zu sagen ist, dass die Kelten andere Götter anbeteten, als es die Germanen taten. Bei den Germanen übrigens, wie beispielsweise bei Caesar, Velleius Paterculus und Tacitus hervorgeht, besaßen keine den Kelten vergleichbare Kultur, beteten gänzlich andere Götter an und besaßen auch keine den Druiden vergleichbaren Priester. Darüber hinaus sind die Franken eindeutig als germanisch geprägter Stamm zu identifizieren! Und man sollte mit Legenden beziehungsweise Mythisierungen wie der Geschichte um die Abstammung Merowechs und die "Verbindungen" zu den Nachkommen Jesu extrem vorsichtig sein, da es für solche, in Romanen wie "Sakrileg" gern rezipierte Verschwörungstheorien, keine haltbaren Beweise in Form von empirischen Quellen gibt. Das lässt sich beispielsweise mit den Versuchen des Galileo-Wissenschaftsmagazines vergleichen, 300 Jahre Mittelalter weg zu diskutieren, obwohl es für diesen Zeitraum sowohl schriftliche (allerdings sind für das 8. und 9. Jahrhundert mehr Schriftquellen vorhanden als im 10. Jahrhundert) als auch archäologisch nachweisbare Quellen gibt.
Natürlich sei hier auch zu sagen, dass die Spiritualität und das religiös-rituelle Verhalten der Franken (Merowinger) ein Forschungsfeld darstellt, welches noch nicht ausreichen behandelt worden ist und diese Arbeit kann durchaus einige Impulse in die richtige Richtung bieten, allerdings sollte dieser Diskurs auf einem insgesamt wissenschaftlichen Niveau verbleiben, wo die bereits angesprochenen Legenden und Verschwörungstheorien (Merowinger als Nachkommen Jesu) schlicht und ergreifend keinen Platz haben.
Daher mein Tipp: Wer sich auf wissenschaftlicher Basis mit den Merowingern beschäftigen will, dem empfehle ich die Monographie "Merowinger und Karolinger" (2009) von Matthias Becher oder die Monographie "Die Merowinger und das Frankenreich" (2006) von Eugen Ewig, die beide eine gute und vor allem empirisch nachvollziehbare Übersicht über das Thema bieten.
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 09.06.2013, 17:33:55 GMT+2
Tolle Rezension. Lese gerade dieses Buch und bin begeistert, welche Mühe der Rezensent sich gegeben hat. Danke.

Veröffentlicht am 11.09.2016, 23:22:55 GMT+2
Graf Zeppelin meint:
Vielen Dank für diese tolle Rezension!
Sie hat mich davor bewahrt, Geld zum Fenster rauszuschmeißen.

Empfehle: Die Merowinger von Martina Hartmann.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.03.2017, 14:24:27 GMT+1
lc meint:
dem schließe ich mich an. Danke. weiterer Tip: Die Merowinger und das Frankenreich von Eugen Ewig.
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