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Kundenrezension

12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Together, 16. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält (Gebundene Ausgabe)
Richard Sennett, der wohl renommierteste Soziologe der Gegenwart, legt mit Zusammenarbeit" den 2. Band seiner - wie er sie in Anspielung auf Hanna Ahrendts Vita Aktiva" nennt - Homo Faber Triologie - vor. Im Original lautet der Titel Together" und eigentlich geht es auch sehr grundsätzlich um das gesellschaftliche Miteinander. Dass im Deutschen hier sofort Arbeit assoziiert wird, stimmt nachdenklich. Band 1 seines Werkes, das wohl eine Art vorläufiges Vermächtnis seiner wissenschaftlichen Arbeit darstellen soll, erschien unter dem Titel Handwerk", Band 3 wird sich der Thematik des urbanen Lebens widmen.

Menschliches Handeln, so der Autor, bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Eigennutz- und Gemeinwohlorientierung, zwischen Kooperation und Konkurrenz. Diese beiden Verhaltensweisen können jeweils unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Sennett unterscheidet: Altruismus, Win-Win-Kooperation, Null-Summen-Kooperation, differenzierten Austausch, The-Winner-takes-it-all.

Altruismus bedeutet selbstloser Einsatz. Menschen engagieren sich für andere ohne Erwartung einer Gegenleistung. Beispiele dafür wären karitatives oder anderweitig ehrenamtliches Engagement, aber ebenso die Bereitschaft, dem Allgemeinwohl dienliche Ideale auch dann nicht zu verraten, wenn große persönliche Vorteile winken oder die Bedrohung durch schwere Nachteile im Raum steht. Charakteristisch für Menschen, die ausgeprägtes altruistisches Verhalten zeigen, sei, so Sennett, dass sie sich an einer Art Schatten-Ich orientieren. Sie sind unabhängige Individuen, denen es in erster Linie darum geht, in ihrem Handeln vor sich selbst oder auch vor Gott zu bestehen.

Bei der Win-Win-Kooperation geschieht Zusammenarbeit mit dem Wissen, dass im Ergebnis alle beteiligten Parteien profitieren. Typische Beispiele sind Bauprojekte, die ein Mensch allein nicht zustande bringen könnte, oder genossenschaftliche Projekte, bei denen der finanzielle und/oder produktive Einsatz aller Beteiligten zu geschäftlichen Erfolgen führt, die im Alleingang undenkbar gewesen wären.

Abweichend von der Bedeutung in der Spieltheorie meint Sennett mit Null-Summen-Kooperation Abläufe, bei denen niemand etwas gewinnt und niemand etwas verliert - das typische Eine-Hand-wäscht-die-andere. Bei der differenzierten Kooperation ist den Beteiligten von vornherein klar, dass sie in unterschiedlichem Maß von der Zusammenarbeit profitieren werden, z.B.Manager und Angestellte in einem Unternehmen.

The-Winner-takes-it-all ist der Gegenpol zum Altruismus. Der kooperative Einsatz des Südstaaten-Sklavenhalters bei der Plantagenarbeit war ebenso gering, wie der Ertrag, der für die Arbeiter abfiel. Ein Beispiel aus der zivilisierten Gegenwart sind Börsengeschäfte, bei denen entgegengesetzt auf Kursentwicklungen gewettet wird. Die Verluste des Einen, sind die Gewinne des anderen - spieltheoretisch das eigentliche Nullsummen-Szenario.

Sennett nimmt den Leser mit auf eine kulturhistorische Betrachtung der Entwicklung kooperativer Muster in der Gesellschaft - vom mittelalterlichen Kodex der Ritterlichkeit über das protestantische Arbeitsethos bis zur amerikanischen Nachbarschaftshilfe und dem Gemeinschaftsleben im israelische Kibbuz. Dabei ist es nicht immer ganz einfach, dem Autor zu folgen, zumal er sich zuweilen in Detailfragen - bspw. ritueller Praktiken in verschiedenen Denominationen - verliert und hier mit recht eigenwilligen Interpretationen aufwartet. Die zentralen Motive der Reformation, insbesondere Luthers, auf den er oft in einer Weise Bezug nimmt, als wäre dieser über die selbstquälerischen Jahre im Augustinerkloster nie hinaus gekommen, hat er ganz offensichtlich nicht wirklich verstanden.

Sennetts Stärke liegt in der Gegenwartsanalyse. Kooperation und Konkurrenz bilden normalerweise in etwa ein Gleichgewicht. Diese Balance war in verschiedenen Gesellschaften bzw. Epochen immer wieder mehr oder weniger gestört. In der Gegenwart sieht Sennett hierfür den von den 80er Jahren an zunehmend erstarkenden Neoliberalismus in der Verantwortung.

Was Sennett in den 1970er Jahren während seiner Befragung Bostoner Arbeiterfamilien konstatierte, war nicht optimal, zeugte aber von halbwegs gesunden Bezügen im "sozialen Dreieck": "Auf einer Seite zollten Arbeiter anständigen Vorgesetzten widerwilligen Respekt, die ihrerseits zuverlässigen Beschäftigten widerwilligen Respekt bezeugten. Auf einer zweiten Seite redeten Arbeiter untereinander offen über ihre Probleme und schirmten Kollegen, die in Schwierigkeiten waren, am Arbeitsplatz ab, ob es sich beim Problem nun um einen Kater oder eine Scheidung handelte. Auf der dritten Seite sprangen Beschäftigte ein und leisteten Überstunden oder übernahmen die Arbeit von Kollegen, wenn etwas in der Werkstatt vollkommen schief lief."

Inzwischen ist längst eine deutliche Schieflage zu verzeichnen: "Der neue Kapitalismus hat Ort und Zeit der Arbeit verändert. Die herkömmliche Arbeitsorganisation, wie sie etwa für die großen Autofabriken mit ihren Fließbändern typisch war, erlegte den Leuten zwar eine stupide und repetitive Arbeitsweise auf. Aber sie bot den einfachen Arbeitern auch die Chance, sich selbst zu organisieren. Die Firma, die Bosse waren ein sichtbares Gegenüber, gegen das man sich abgrenzen konnte. Das ist die räumliche Dimension. In der zeitlichen Perspektive hatte das Arbeitsleben den Charakter einer zusammenhängenden Erzählung. Regelmäßige, wenn auch geringe Lohnerhöhungen gaben den Leuten das Gefühl, dass es ihnen im Laufe der Jahre immer besser ging."

Zudem, so Sennett, hatte der zwischenmenschliche Bereich einen viel höheren Stellenwert. Es wurde viel Wert auf ein positives Arbeitsklima gelegt. Man wusste, wie förderlich dies auch in Bezug auf eine gute Produktivität auswirkte. Heute setzt man dagegen auch innerhalb der Belegschaft auf Konkurrenz. Die Firma Microsoft bspw. lässt häufig konkurrierende Teams gleichzeitig an der Umsetzung eines Projektes arbeiten, so geschehen bei der Entwicklung ihres Internetexplorers. Die Winner", also das Team mit der schnellsten und besten Lösung, werden weiterbeschäftigt und großzügig entlohnt, die Looser" dagegen gefeuert.

Das Beispiel, so Sennett, macht deutlich wie sich die Teamarbeit verändert hat. Ein Team zu sein, das hieß einmal, fest zusammenzuhalten, füreinander einzustehen. Heute ist Teamarbeit eher eine Übung in lockerem, flüchtigem Umgang miteinander. Auf Managementschulen wird heute gelehrt, dass man Teams alle sechs bis acht Monate völlig umkrempeln muss, damit die Leute sich nicht zu sehr aneinander gewöhnen." Was dies für den zwischenmenschlichen Bereich bedeutet ist klar. Wer in ständig wechselnden Besetzungen arbeiten muss, hat keine Chance, Vertrauen zu seinen Kollegen zu entwickeln. Vertrauen braucht Zeit. Man möchte doch wissen, auf wen man sich verlassen kann, wenn im Betrieb etwas schiefläuft oder der Boss Unmögliches verlangt." Jeder, so Sennett in einem ZEIT-Interview, ist der ungeheuren Last eines permanenten Risikos ausgesetzt, ist Unternehmer seiner Arbeitskraft."

Wo liegen Ressourcen und Möglichkeiten, um den beschriebenen negativen Entwicklungen etwas entgegen zu setzen? Dieser Frage geht der Autor im hinteren Teil des Buches nach. Abstrakte Solidaritätsforderungen, so Sennett, seien nicht die Lösung. Wie die Erfahrung im Ostblock zeigen, führen diese zu neuen Formen bzw. Konstellationen unterdrückender Macht. Das Handwerk hingegen sei eine Schule des Miteinanders und der Kooperation, da kommunikative Zusammenarbeit und Abstimmung nötig und das Wissen darum, dass man Dinge nicht erzwingen kann, sondern sich den Eigenschaften des Materials im Vorgehen angleichen muss. Etwas unvermittelt stellt der Autor auch die Feststellung in den Raum, das moderne, säkulare Gesellschaft unter einem Mangel an gemeinschaftsstiftende Riten leiden. Ideen dazu, was hier Abhilfe schaffen könnte, folgen nicht.

In modernen Gesellschaft, so Sennett, seien bereits die Schulen Horte der Entwicklung von Ungleichheit. Zum einen wird der Identifikation der Kids über Markenkleidung und sonstiges heute gängiges Equipment (Stichwort Iphone, Ipot) nichts entgegen gesetzt. Zum anderen steht die Differenzierung nach Leistungsvermögen im Mittelpunkt; der Förderung eines guten Miteinanders, der Entwicklung von Verständnis für unterschiedliche Lebenshintergründe, Schichtzugehörigkeiten usw. wird kaum Augenmerk gewidmet. Soziale Netzwerke wie Facebook, so Sennett, wirken hier eher als Verstärker, da sie in immer größerem Maß reale Begegnungen ersetzen.

Als weitere Faktoren, die in modernen Gesellschaften der Einwicklung von Kooperation entgegen wirken, identifiziert und analysiert der Autor: Neid, Vergleichen, Angst, Narzismus, Selbstgenügsamkeit. All dies ist sowohl Folge eine gesellschaftlichen Klimas, das immer stärker von Konkurrenz bestimmt ist. als auch Katalysator für eine fortgesetzte Entsolidarisierung.

"In der modernen Familie und mehr noch im modernen Geschäftsleben hat die Idee der Selbstbeherrschung eine Erweiterung erfahren. Abhängigkeit gilt dort als Zeichen von Schwäche. Doch aus der Sicht anderer Kulturen erscheint ein Mensch, der stolz darauf ist, andere nicht um Hilfe zu bitten, als eine zutiefst geschädigte Person, weil die Angst vor sozialer Einbindung sein Leben beherrscht."

Zunehmend spalten sich die modernen Gesellschaften auf. Der soziale Zusammenhalt schwindet, es bilden sich Subkulturen man grenzt sich ab. Sennett sieht gar eine neue Form des Tribalismus im entstehen.

"Tribalismus verbindet Solidarität gegenüber solchen, die einem ähnlich sind, mit Aggressionen gegen solche, die anders sind. Die moderne Gesellschaft hat einen neuartigen Charaktertyp hervorgebracht - einen Menschen, der darauf bedacht ist, die Ängste zu verringern, die durch Unterschiede ausgelöst werden können, ob sie nun politischer, rassischer, religiöser, ethnischer oder erotischer Natur sind."

Letztendlich setzt der Autor jedoch auf die sanfte Macht der Vernunft. Er hat die Hoffnung, dass Arbeiten wie seine Menschen zum nachdenken bringen, sich ein Diskurs über die hier behandelten Fragen entwickelt und Prioritäten neu gesetzt werden. "Wir möchten gemeinsam etwas zustande bringen. Das ist der einfache Schluss, zu dem der Leser, wie ich hoffe, nach dieser komplexen Studie gelangen wird." Lernen könne man dabei von Montaigne, der in seinen Arbeiten immer wieder die große Bedeutung des Zuhörens - im menschlichen Miteinander, wie im Hinblick auf das Verständnis des geistig-kulturellen Erbes und der Welt insgesamt - betont. Nur dadurch, dass Menschen sich die Zeit nehmen, ein wirkliches Verständnis füreinander zu entwickeln, wächst das Gefühl der Gemeinsamkeit und wirkliche Solidarität und Kooperation wird möglich.
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